Die Rolle der Trawniki-Männer
Mit NS-Tätern rücksichtsvoll umgegangen

Ahlen -

Die Rolle der Trawniki-Männer – sie wurden durch den Tod von KZ-Aufseher Jakiw Palij in einem Ahlener Seniorenheim zum aktuellen Thema, das im Lesecafé der Stadtbücherei nach weiterer Aufarbeitung drängte.

Dienstag, 29.01.2019, 19:00 Uhr
Aufmerksame Zuhörer fand Dr. Angelika Censebrunn-Benz am Montagabend im Lesecafé der Stadtbücherei mit ihren Ausführungen über die Rolle der Trawniki-Männer im Terrorsystem des NS-Staates.
Aufmerksame Zuhörer fand Dr. Angelika Censebrunn-Benz am Montagabend im Lesecafé der Stadtbücherei mit ihren Ausführungen über die Rolle der Trawniki-Männer im Terrorsystem des NS-Staates. Foto: Dierk Hartleb

Die Stadt ist ihren unerwünschten Gast los. Anfang dieses Jahres ist Jakiw Palij in dem Ahlener Seniorenheim gestorben, in das er im August vergangenen Jahres direkt nach seiner Abschiebung aus den USA verbracht worden war. Für die Stadt und den Kreis der Aktiven, die sich um die Erinnerungskultur in Ahlen bemühen, war der Todesfall kein Grund, die seit langem geplante Veranstaltung mit der Historikerin Dr. Angelika Censebrunn-Benz und dem früheren Bundestagsabgeordneten Winfried „Winni“ Nachtwei aus Münster zu der Rolle der Trawniki-Männer abzusagen.

Der Fall ist dazu geeignet, sich mit dem System der Nazi-Lager näher zu befassen.

Manfred Kehr

„Der Fall ist dazu geeignet, sich mit dem System der Nazi-Lager näher zu befassen“, sagte in seiner Anmoderation Manfred Kehr, der die Erinnerungskultur seitens der Stadt betreut, bevor er Angelika Censebrunn-Benz als Referentin vorstellte. Die Historikerin, die mit einer Arbeit über die Rolle der „Trawniki-Männer“ promoviert wurde und der mit ihrem 2015 erschienenen Buch eben über diese Trawniki-Männer große öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wurde, legte dar, dass sich die Gruppe den 4000 bis 5000 Trawniki-Männer mit 26 verschiedenen Nationalitäten aus ganz unterschiedlichen Typen zusammengesetzt habe: Das habe der 16-jährige traumatisierte Rotarmist genauso sein können wie der Ukrainer, der sich durch besondere Grausamkeit hervorgetan habe. Weil schriftliche Belege fehlten – die Dokumente sind von den Nazis auf ihrem Rückzug weitestgehend vernichtet worden – sei es außerordentlich schwierig, den SS-Schergen etwas nachzuweisen. Palij habe immer behauptet, nie wie ihm vorgeworfen worden war, in Treblinka als KZ-Aufseher tätig gewesen zu sein. In der anschließenden Diskussion stellte Censebrunn-Benz klar, dass die Aberkennung der amerikanischen Staatsbürgerschaft 2003 darauf beruhte, dass er bei seiner Einreise 1949 in die Vereinigten Staaten seine Tätigkeit im Zweiten Weltkrieg verschwiegen hatte. Zum Lager Trawniki führte die Historikerin aus, dass es sich sowohl um ein Ausbildungslager circa 40 Kilometer südöstlich von Lublin sowohl als auch um ein Zwangsarbeiterlager gehandelt habe. Bei der Auflösung im Herbst 1943 im Rahmen der Aktion „Erntefest“ wurden 6000 jüdische Zwangsarbeiter erschossen.

Ich bin heute nicht mehr so sicher wie vor zehn Jahren, dass sich das nicht wiederholen kann.

Winfried Nachtwei

Ernüchternd fiel das Urteil aus, das Nachtwei in seinem Vortrag über die juristische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen in der Bundesrepublik fällte. Von den 200 000 bis 250 000 Männern und Frauen, die an Killerkommandos oder der systematischen Ermordung von Juden, Angehörigen anderer Minderheiten oder Gefangener beteiligt gewesen seien, sei nur ein Bruchteil von einem Gericht zur Verantwortung gezogen worden. Nach den Kriegsverbrecherprozessen der Alliierten in Nürnberg sei alles unternommen worden, um Verbrechen zu vertuschen und die Täter ungeschoren davonkommen zu lassen. Die erst in jüngerer Zeit entwickelten Grundsätze für die Aufarbeitung von Völkermord sei nur in dem ersten Punkt „Recht auf Wissen“ erfüllt worden. Um die beiden anderen Kriterien Gerechtigkeit und Entschädigung sei es eher schlecht bestellt. Selbst bei der Prävention machte Nachtwei nach den Erfahrungen mit Rechtspopulisten und Neofaschisten Abstriche, die er vor zehn Jahren noch nicht gemacht habe. Heute sei er nicht mehr sicher, ob sich so etwas nicht doch wiederholen könne. Umso wichtiger sei es, die Erinnerung an die monströsen Verbrechen im NS-Staat aufrechtzuerhalten.

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