Borkenkäfer bereitet Waldbauern Sorgen
In zwei Jahren ist die Fichte am Ende

Vorhelm -

Die Zukunft der münsterländischen Fichte sieht alles andere als rosig aus. Experten meinen sogar: Sie hat keine mehr. Schuld daran sind nicht nur orkanartige Stürme wie „Eberhard“ und „Friederike“, sondern vor allem der gefräßige Borkenkäfer.

Mittwoch, 03.04.2019, 06:00 Uhr
Andreas Eschweiler, Rentmeister im Forstbetrieb von Haus Vorhelm, kennt sich in den heimischen Wäldern aus. Ich denke mal, in zwei Jahren ist die münsterländische Fichte am Ende“, lautet seine Einschätzung.
Andreas Eschweiler, Rentmeister im Forstbetrieb von Haus Vorhelm, kennt sich in den heimischen Wäldern aus. Ich denke mal, in zwei Jahren ist die münsterländische Fichte am Ende“, lautet seine Einschätzung. Foto: Christian Wolff

Mit einem Messer ritzt Andreas Eschweiler ein Quadrat in den Stamm einer umgestürzten Fichte. Vorsichtig zieht er ein Stück Rinde zur Seite. Was zum Vorschein kommt, lässt nur ansatzweise das tiefgreifende Problem erahnen: Höhlen im Holz zeugen vom unendlichen Appetit der Borkenkäfer, dazwischen lugen klitzekleine Eier hervor.

„Rein rechnerisch können vom Käferbesatz einer einzigen Fichte bis zu 8000 gesunde Bäume in einem Jahr neu befallen werden“, sagt Eschweiler beim Ortstermin mit unserer Zeitung im Forst von Haus Vorhelm. „Es bleibt nur ein relativ kleines Zeitfenster von drei bis vier Wochen, bis der Frühjahrsflug der Käfer beginnt.“ Wie zur Bestätigung will dem Waldexperten bereits ein Exemplar über den Finger krabbeln, bevor er das Rindenstück wieder beiseite legt.

Dass die Temperaturen jetzt wieder angenehmer werden, mag viele Menschen erfreuen, setzt in den Gedanken des Forstassessors aber auch ein Horrorszenario in Gang: „Sobald es unter der Rinde 17 Grad warm ist, beginnen die Borkenkäfer zu fressen.“ Manchmal genügten nur wenige Sonnenstunden, um die Tierchen zu aktivieren. Bei Fällaktionen können die Akteure fast schon zuschauen, wie am Ende mehr Bäume befallen sind als zunächst auf dem Fällplan standen.

Die Ausbreitung der Borkenkäferarten sei nicht zuletzt eine Folge der Monokulturen, die vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg – auch aus Kostengründen – allerorts forciert wurden. „Wir müssen die Wälder wieder mehr durchmischen, das macht sie resistenter“, gibt der Fachmann eine inzwischen landesweit herrschende Erkenntnis wieder.

Egal, wie schlimm die Lage auch ist: Vom Gesetz her, ebenfalls nach Gesichtspunkten der Wirtschaftlichkeit und des Naturschutzes, muss der zerstörte Bestand wieder aufgeforstet werden. Dabei, das ist dem Rentmeister klar, gebe es eine unumgängliche Krux. Die Fachunternehmen, die heimische Forstbetriebe bei dieser Mammutaufgabe unterstützen, kommen mit dem Ausschlagen und Beseitigen der befallenen Bäume kaum nach, denn allein die Sturmschäden binden noch immer die meisten Kräfte. Die Baumschulen, die sonst für nötige Nachzucht sorgen, haben unterdessen nicht mehr Jungbäume parat als ihre Erfahrungswerte der Vorjahre nötig machten. „Da dauert es natürlich jetzt ein paar Jahre, bis wieder genug vorhanden ist“, verdeutlicht der Rentmeister.

Borkenkäfer-Schäden im Forst von Haus Vorhelm

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Gleichzeitig ist der Markt europaweit eingebrochen. „Fichtenholz lässt sich schwer bis gar nicht verkaufen. Selbst als Brennholz nicht“, wird Andreas Eschweiler deutlich. „Ich denke mal, in zwei Jahren ist die münsterländische Fichte am Ende“, mutmaßt er. „Traurig ist, wenn man 30, 40 Jahre darauf wartet, dass die Fichten schlagreif sind – und dann kann man sie gar nicht mehr gebrauchen.“ Selbst wenn sich hier und da noch Exemplare halten, gibt er ihnen mittelfristig keine lange Lebensdauer mehr. „Einzelbehandlungen“ mit Spezialmitteln oder flächendeckender chemischer Keule seien keine Lösung, da sie vermutlich an anderer Stelle größeren Schaden anrichten als es der Einzelfall kompensieren würde. „Das kann man vielleicht in Kanada machen, wo Riesenflächen sind und kilometerweit niemand wohnt“, beschreibt Eschweiler. Hierzulande seien Wälder zumeist auch Erholungsorte.

„Das Problem ist ja nicht der Borkenkäfer allein“, ergänzt Philipp Graf von Schall-Riaucour. Durch die orkanartigen Stürme von „Friederike“ bis „Eberhard“, aber auch die lange Trockenheit im Vorjahr, seien die Bäume ohnehin schon arg geschwächt. „Wir verfügen über rund zwölf Hektar Fichtenbestand. Glücklicherweise hatten wir im Vorjahr Eichelmast, so dass wir davon etwa zwei Hektar mit Eichen versehen konnten.“ Nach und nach müssten auch die übrigen Flächen „umgewidmet“ werden.

„Seit gut eineinhalb Jahren machen wir kaum noch reine Forstwirtschaft, sondern fast ausschließlich Katastrophenmanagement“, fasst Andreas Eschweiler zusammen und weist in diesem Zusammenhang ebenso auf die Schäden beim Laubholz hin, die bislang noch gar nicht absehbar seien. „Bei den Nadelbäumen ist es einfach. Wenn ihre Nährstoffversorgung gestört ist, werden sie relativ schnell braun. Bei anderen Bäumen ist das nicht so. Die können durchaus noch ausschlagen, machen dabei einen gesunden Eindruck und sterben dann doch nach und nach ab.“

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