Verena und Drehstrom eG
Energiewende auf dem Bierdeckel

Ahlen -

Wie kann die Energiewende vor Ort funktionieren? Volkswirt Daniel Bannasch und die Drehstrom eG gaben im Rahmen eines Infoabends Antworten.

Mittwoch, 22.05.2019, 19:00 Uhr
Gut besucht, aber nicht rappelvoll war die Infoveranstaltung zur Energiewende in der Lohnhalle. Referent Daniel Bannasch verbildlichte seine Thesen auf einem Flipchart als Bierdeckelersatz.
Gut besucht, aber nicht rappelvoll war die Infoveranstaltung zur Energiewende in der Lohnhalle. Referent Daniel Bannasch verbildlichte seine Thesen auf einem Flipchart als Bierdeckelersatz. Foto: Christoph Aulbur

„Wir können bis 2030 100 Prozent erneuerbare Energien im Stromnetz schaffen“, war sich Referent Daniel Bannasch am Dienstagabend beim Verein für erneuerbare Energie in Ahlen (Verena) sicher. Einen wichtigen Baustein für eine dezentrale Energieversorgung sah er vor allem in bürger- und genossenschaftlichen Initiativen wie der Drehstrom Ahlen eG, die sich bei dem Infoabend in der Lohnhalle ebenfalls präsentierten.

Bevor Bannasch und die Vertreter der Drehstrom eG loslegten, hatte nach der Begrüßung durch Verena-Vorstandsmitglied Joachim Rölfing zunächst Bürgermeister Dr. Alexander Berger das Wort. „Ich war skeptisch ob Ihrer Einladung, da der Vortragstitel von Herrn Bannasch ,Energiewende auf dem Bierdeckel‘ mich daran erinnerte, dass eine Steuererklärung auf dem Bierdeckel bis heute noch nicht möglich ist“, spielte er auf einen einstigen Vorschlag des CDU-Politikers Merz an. Da er aber sicher sei, dass Bannasch wie Merz unbequeme Dinge konsequent ansprächen, habe er die Einladung gerne angenommen.

Einen logischen Denkfehler hat mir noch keiner nachweisen können.

Daniel Bannasch

Daraufhin stellte Bannasch in seinem Vortrag klar: „Es stimmt, alle wichtigen Informationen für die Energiewende hin zu einer sauberen Verstromung passen auf einen Bierdeckel.“ Und er setzte noch einen drauf: „Bis jetzt habe ich diesen Vortrag schon mehr als 100-mal gehalten und einen logischen Denkfehler hat mir noch keiner nachweisen können.“ Wer das schaffe, könne eine Prämie von inzwischen 2160 Euro kassieren. „Dieses Geld haben ich und andere Unterstützer inzwischen ausgelobt, gestartet sind wir mit 100 Euro“, zwinkerte der Referent.

In seinem Vortrag thematisierte Bannasch dann die Entwicklung und Potenziale der erneuerbaren Energien. Man befinde sich aktuell bei etwa 33 Prozent regenerativen Energien, bis 2030 könne man 100 Prozent erreichen. „Hätte man den Photovoltaikausbau nicht durch bürokratische Hürden und einer Absenkung der Vergütung um 20 Prozent behindert, wären schon an zahlreichen Sommertagen im Jahr 2020 100 Prozent möglich. Und nicht wie heute an einigen wenigen Tagen“, ärgerte er sich. Natürlich sei ihm durchaus bewusst, dass dies nicht immer der Fall sein könne: „Auch mir ist aufgefallen, dass die Sonne nicht immer scheint“, kommentierte der Volkswirt. Für die dunkle Flaute (keine Sonne, wenig Licht) gebe es dennoch eine Lösung: Verstromung über Biogas. „Wenn man die Biomasse in sonnen- und windreichen Perioden aufspart, ist sogar eine Versorgung über längere Zeit mit Biogasstrom möglich.“ Skeptisch war der Geschäftsführer von MetropolSolar Rhein-Neckar gegenüber Speichermedien wie Pumpspeicherwerken sowie langen Stromtrassen. „Pumpspeicherwerke sind aufgrund der Geografie Deutschlands äußert begrenzt. Und lange Stromtrassen brauchen wir bei einer dezentral organisierten Energieproduktion sowieso nicht.“ Ziel müsse es sein, dass jeder Haushalt über Photovoltaik seinen Bedarf zumindest teilweise decken könne und mit fortgeschrittener Speichertechnologie auch Reserven habe. „Das Potenzial von Photovoltaik ist enorm. Ein Quadratmeter Solarfläche kann Energie für 1000 Kilometer E-Auto-Verkehr ernten und das auch noch günstiger als andere Energieformen.“ In sonnenreichen Ländern könne man inzwischen Solarstrom für zwei Cent die Kilowattstunde produzieren.

Drehstrom Ahlen eG: Agnes Weber, Christoph Austermann, Anton Neuhaus, Jacqueline Stephuhn, Dr. Robert Thiemann, Stefan Leifeld, Uta-Maria Oertel und Dirk Köttendorf.

Drehstrom Ahlen eG: Agnes Weber, Christoph Austermann, Anton Neuhaus, Jacqueline Stephuhn, Dr. Robert Thiemann, Stefan Leifeld, Uta-Maria Oertel und Dirk Köttendorf. Foto: Christoph Aulbur

Das Fokussieren auf eine dezentrale Energieversorgung nahmen die Vertreter der Drehstrom Ahlen eG besonders ernst: „2012 hatten wir mit einigen Mitstreitern die erste Idee für einen Bürgerwindpark“, erläuterte Agnes Weber, Vorsitzende des Aufsichtsrates. 22 Ahlener Bürger hatten im August 2014 die Genossenschaft gegründet. Inzwischen habe man 50 Mitglieder und mit der BBWind als Projektierer ein fertiges Konzept, das es nun zu finanzieren gelte. Genossenschaftsvorstand Anton Neuhaus präsentierte die Pläne: „Wir wollen im Bereich Schäringer Feld zwei Nordex 149-Windenergieanlagen errichten. Wenn man bedenkt, dass unser ursprüngliches Ziel der Erwerb eines halben Windradanteils war, sind wir also schon ehrgeiziger geworden“, schmunzelte er. Für das Rad spreche vor allem die Wirtschaftlichkeit. Mit 164 Meter Nabenhöhe und 149 Rotordurchmesser könnten die zwei Windräder 24,6 Kilowattstunden im Jahr erzeugen. „Das wäre der Bedarf von 7000 Ahlener Haushalten oder von 8800 E-Autos, die 15 000 Kilometer im Jahr zurücklegen. Noch mal anders formuliert: Wir könnten 12 300 Ahlener Bürger CO- neutral versorgen.“

Das wäre der Bedarf von 7000 Ahlener Haushalten oder von 8800 E-Autos. . .

Anton Neuhaus

Nach der Präsentation der Technischen Daten erläuterte Co-Vorstand Dirk Köttendorf die finanzielle Seite des Projekts. „Wir haben Investitionsbedarf von 11,2 Millionen Euro und benötigen 25 Prozent Eigenkapital zur Finanzierung, also 2,75 Millionen Euro.“ Da der Geschäftsanteil an der eG 500 Euro beträgt, müssten die potenziellen Genossenschaftsmitglieder 5500 Anteile erwerben, wobei Ahlener bevorzugt behandelt und pro Mitglied maximal 100 Anteile erwerbbar werden. Bei einer erwarteten Rendite von über fünf Prozent im Jahr sei man aber zuversichtlich, dass das Projekt realisierbar sei. „Mich hat schon ein Anruf eines größeren Investors erreicht, der einstiegen wollte“, so Neuhaus. Auf seinen Verweis, dass man erst eine breite Ahlener Beteiligung erreichen wolle, habe der Investor entgegnet: „Schade, dann wird es wohl nichts mit der Beteiligung, das Geld kriegen Sie auch so zusammen.“ Auf die Frage, ob auch Kinder Anteile erwerben könnten, antwortete Köttendorf: „Selbstverständlich, aber nur mit Unterschrift der Eltern.“ Da Ostern vorbei und Weihnachten noch hin sei, können man Kinder ja für gute Zeugnisse mit einem Anteil belohnen.

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