Hospiz: Sommerakademie
Referent geht mit Intensivmedizin ins Gericht

Ahlen -

Trotz der hohen Temperaturen war am Montagabend der Saal im Hospiz im Nonnengarten bis auf den letzten Platz besetzt. Denn im Rahmen der Sommerakademie interessierte der Impulsvortrag von Prof. Dr. Andreas Zieger, Mitglied der Ethikkommission der Medizin- und Gesundheitswissenschaften der Universität Oldenburg.

Donnerstag, 29.08.2019, 13:00 Uhr
Elke Sohst stellte den Referenten vor. Prof. Dr. Andreas Zieger ist Mitglied der Ethikkommission der Medizin- und Gesundheitswissenschaften der Universität Oldenburg.
Elke Sohst stellte den Referenten vor. Prof. Dr. Andreas Zieger ist Mitglied der Ethikkommission der Medizin- und Gesundheitswissenschaften der Universität Oldenburg. Foto: Peter Schniederjürgen

Der hatte sich ein wahrhaftig schwerwiegendes Thema vorgenommen: „Im verletzlichen Leben mir selbst begegnen“. Zieger sprach über das persönliche Wachstum nach schweren Schicksalsschlägen. Hospizvorsitzende Elke Sohst hatte den Referenten zuvor vorgestellt und in das Thema eingeführt.

Der Wissenschaftler ging mit seinen Kollegen der Intensivmedizin hart ins Gericht. „Als Neurochirurg und Beziehungsmediziner stehe ich gewissermaßen mit einem Fuß in jedem Lager“, erklärte der Professor. In seiner Forschung über Koma und Wachkoma habe er gelernt: „Hirntod ist Leben im Prozess des Sterbens, aber nicht der Tod.“ Denn, so begründete er seine These, beim Hirntoten fehlten alle Merkmale des Todes. Dagegen seien die des Lebens deutlich zu sehen. „Sie haben rosige Haut, sind warm und die Körperfunktionen laufen, Haare und Nägel wachsen.“ Hirntote Frauen hätten gesunde Kinder zur Welt gebracht. „Wer kann denn da von Tod reden?“, fragte der Referent.

Bei seinen Forschungen zu Körpersemantik und körpernahem Dialogaufbau in der Frührehabilitation habe er immer wieder den Lebenswillen schwerstgeschädigter Menschen erlebt. Zieger beschrieb das „Lock-in-Syndrom“, ein Zustand, in dem der Mensch voll empfindungsfähig ist, aber fast keine Möglichkeit hat, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. „Durch aufmerksames Studium und große Nähe stellten wir immer wieder fest, dass es eine Kommunikation mit den Augen gab.“ So seien Patienten in der Lage zu vertikalen Augenbewegungen gewesen. Eine seiner Patientinnen habe auf diese Weise gar ein Buch über das Syndrom geschrieben.

„Was mich immer wieder erstaunt, sind der Lebenswille und die Daseinsfreude, die von diesen Menschen ausgeht“, so der Wissenschaftler. Für ihn sei es ganz klar: Menschen benötigten eine Nachsorge zur Intensivmedizin, da diese seiner Ansicht nach nicht selten zu traumatischen Erlebnissen führt.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6883690?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F126%2F
Nachrichten-Ticker