Multivision in der Stadthalle
Arrangierte Ehen und gute Versorger

Ahlen -

„Culture Curry – Auf den Spuren der Liebe durch Indien“ – diese Multivision hatte es in sich. Nagender Chhikara und Christina Franzisket präsentierten nämlich viel mehr als nur schöne Bilder.

Mittwoch, 09.10.2019, 19:00 Uhr
Das ist das sinnlich-farbenfrohe Indien: das Holi-Fest in Barsana. Damit die Kamera durch das Farbpulver nicht leidet, hat Fotograf Nagender Chhikara sie in Plastiktüten eingepackt.
Das ist das sinnlich-farbenfrohe Indien: das Holi-Fest in Barsana. Damit die Kamera durch das Farbpulver nicht leidet, hat Fotograf Nagender Chhikara sie in Plastiktüten eingepackt. Foto: Sabine Tegeler

Es ist die Mischung, die gutes Curry ausmacht. Und die Hitzezufuhr. Denn davon hängt‘s ab, ob Süße oder Bitterkeit den Gaumen kitzelt.

Das „Culture Curry“, das Fotograf Nagender Chhikara und Journalistin Christina Franzisket zum Auftakt der 21. Saison der „AZ“-Multivisionsreihe am Dienstagabend in der Stadthalle vor völlig unverdientermaßen nur 120 Gästen auf den Tisch bringen, hat von allem etwas und erfüllt damit eine alte Küchenregel: Wo Zucker reinkommt, darf auch Salz nicht fehlen.

Das „Salz“, das sind die traurigen und auch wütend machenden Geschichten, die den Multivisionsvortrag „Auf den Spuren der Liebe durch Indien“ erst rund machen. Sie setzen den Kontrapunkt zu rührenden Episoden, farbenfrohen Bildern und rasanten Videoeinspielern.

AZ-Redaktionsleiter begrüßte Nagender Chhikara und Christina Franzisket.

AZ-Redaktionsleiter begrüßte Nagender Chhikara und Christina Franzisket. Foto: Sabine Tegeler

Anlass für Nagenders und Christinas Reise ist die Nachricht, dass Kanika, Christinas indische Freundin, verheiratet werden soll. Kanikas Vater ist auf der Suche nach einem Mann für seine Tochter. „Ein Schlag für mich“, beschreibt Christina ihre Gefühle: Wie könne eine so moderne, weltoffene junge Frau denn eine arrangierte Ehe eingehen? Die Inderin Kanika sieht das allerdings anders: Warum nicht den Eltern vertrauen? Die wurden einst doch selbst verheiratet und es hat funktioniert.

Diese Werte, sagt Nagender in einem der Zwiegespräche auf der Bühne, könne Christina wohl erst verstehen, wenn sie die Inder richtig kennengelernt hat. Und so machen sich die beiden auf den Weg quer durch den Subkontinent, um die Spuren der Liebe zu suchen und ihnen zu folgen.

Berührende Episoden

Auf einer blauen, selbst konstruierten und aufsehenerregenden Roller-Rikscha düsen sie von Delhi nach Kariana, wo Frauen nur voll verschleiert das Haus verlassen dürfen und eine Frau ih­ren Mann mit ihrer Schwester teilen muss, weil deren Ehemann verstorben ist. Im Gesicht der ersten Frau hat sich die Eifersucht eingegraben. Ihr Wunsch nach einem romantischen Eheleben zu zweit bleibt unerfüllt.

Und auch in der Sozialarbeiterin, die übers Land zieht, um ihre Geschlechtsgenossinnen in ihren Rechten zu bestärken, ist „die Flamme der Liebe erloschen“. Nagender und Christina haben ihre Tränen eingefangen, als sie vom Tod ihres geliebten Mannes und der späteren Vergewaltigung durch den eigenen Bruder erzählt.

Die Prostituierte im Rotlichtviertel Sonagachi in Kolkata (früher Kalkutta) wünscht sich eigentlich die große Liebe. Aber sie ist lediglich ein Spielzeug der Männer, gerade gut genug fürs Flirten und Sex. Und sie steht zudem wie ihre Ar­beitskolleginnen auch unter der Knute der Mafia, die das Viertel regiert.

Aber es gibt auch die anderen Spuren der Liebe in Indien. Zum Beispiel Bilder von verliebten Paaren am Fluss in Ahmedabad, die im Abendrot Händchen halten. Bilder von der Familie des Priesters in Barsana, dessen Frau glücklich ist, dass ihr Mann sich als „guter Versorger“ erwiesen hat. Bilder von fröhlichen Frauen, die beim farbenfrohen Holi-Fest den Männern mit langen Stangen auf den Kopf hauen, um ihnen die Flausen auszutreiben.

Dicht umlagert: der Stand der Referenten.

Dicht umlagert: der Stand der Referenten. Foto: Sabine Tegeler

Und schließlich die Bilder von Kanikas dreitägiger Hochzeit mit dem IT-Fachmann Ajay, den Kanikas Eltern ausgesucht haben. Nagender und Christina feiern ausgelassen mit, es herrscht eine mitreißende bunte Atmosphäre, die hinduistischen Vermählungsriten sind so fremd und doch so schön.

Also klappt es doch mit dem Arrangement? „Nein. Die Realität ist, die Ehe wurde nach einem Jahr geschieden“, lassen Christina und Nagender zum Abschluss Kanika wieder alleine von der Leinwand ins Publikum blicken. Ajay habe sich als krankhaft eifersüchtig und gewalttätig herausgestellt.

Dass sich die junge Ehefrau von ihm trennen konnte und heute ihr Geld selbst als Lehrerin verdient, das, so die beiden Referenten, gebe Anlass zur Hoffnung. Hoffnung, dass Indien auch in Bezug auf das Verhältnis von Mann und Frau auf dem Weg ins 21. Jahrhundert sei.

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Nächster Vortrag: „Die Anden – 7000 km längs durch Südamerika“ von Heiko Beyer; Dienstag, 5. November, 19.30 Uhr, Stadthalle

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