Bürger widersprechen der Verwaltungsspitze und dem Rat
Ja zum Bürgerentscheid – kein Stillstand

Ahlen -

Mit einem denkenden Herz hat Alfred Thiemann, einer der Sprecher der „Rathausfreunde“, das Hochhaus an der Werse in einer Veranstaltung der Bürgerinitiative am Samstag im Ratssaal bezeichnet. Für Empörung sorgte derweil ein Zettel mit der Parole „Ich kaufe nicht bei Rathausfreunden“ an einem Geschäft in der Oststraße.

Montag, 17.02.2020, 11:00 Uhr aktualisiert: 17.02.2020, 12:01 Uhr
Die Aussprache mit den Zuhörern lag in der bewährten Händen von Prof. Dr. Alexandra Apfelbaum. Alfred Thiemann (r.) erinnerte an die Sanierung der Türme des Universitätsklinikums Münster.
Die Aussprache mit den Zuhörern lag in der bewährten Händen von Prof. Dr. Alexandra Apfelbaum. Alfred Thiemann (r.) erinnerte an die Sanierung der Türme des Universitätsklinikums Münster. Foto: Dierk Hartleb

Die Auseinandersetzung zwischen Befürwortern und Gegnern eines Abrisses des Rathauses nimmt immer grosteskere Formen an. „Ich kaufe nicht bei Rathausfreunden“, konnten Passanten am Samstagmorgen an einem Spielwarengeschäft in der Oststraße lesen. Die Inhaberin hatte kurz vorher zwei Plakate der „Rathausfreunde“ ausgehängt, die zur Stimmabgabe beim Bürgerentscheid am 8. März mit „Ja“ auffordern. Von den Teilnehmern der Veranstaltung der „Rathausfreunde“, die am Samstagmorgen im Ratssaal stattfand, wurde diese anonyme Meinungsäußerung, scharf verurteilt.

Alfred Thiemann hatte als Sprecher der „Rathausfreunde“ in seiner Begrüßung von drei Aspekten der Rathausfrage gesprochen: emotional, sachlich und politisch. Das Rathaus sei mehr als nur ein Haus. „Wir brauchen ein denkendes Herz“, sagte er.

Höhere Wertschätzung für Nachkriegsarchitektur

Prof. Dr. Alexandra Apfelbaum, Professorin für Kunst- und Architekturgeschichte an der Uni Dortmund und Vorsitzende der „Ruhrmoderne“, rief mit ihrem Vorstandskollegen Dr. Hans Hanke aus Bochum dazu auf, der Nachkriegsarchitektur eine höhere Wertschätzung entgegenzubringen. Die Beispiele von Rathäusern in Lünen, Marl, Castrop-Rauxel, Bergkamen, Greven, Gronau und Bocholt zeigten, dass sie mit ähnlichen baulichen Problemen kämpften und dennoch sanierbar seien. Letztere sind wie das Ahlener Rathaus in den 1970er Jahre gebaut worden und seien Ausdruck ihrer Zeit und eines sich verändernden Demokratieverständnisses.

Später ergänzte Apfelbaum, dass nicht nur die Dreiecksstruktur des Rathauses von hoher Qualität sei, sondern das für die verwendeten Materialien zutreffe, was vor allem für den Innenausbau und die Inneneinrichtung gelte. Ein Rathaus habe auch immer eine identitätsstiftende Wirkung einer Stadt. „Ich nehme wahr, dass die Diskussion sehr emotionale Züge angenommen hat,“ sagte sie.

Apfelbaums Vorstandskollege Dr. Hans Hanke erinnerte daran, dass das Gutachten des LWL zum Denkmalschutz des Rathauses nach wie vor Gültigkeit besitze, auch wenn die zuständige Ministerin die rechtliche Einstufung als Denkmal verweigert habe. Hanke widersprach dem oft gegen das Rathaus ins Feld geführte Argument, das Rathaus sprenge mit seiner Größe die Maßstäblichkeit des Stadtbildes. Das Gleiche gelte für viele Bauten, jede baugeschichtliche Epoche habe versucht, sich von der vorangegangenen abzugrenzen. Das Holtermannsche Haus am Marktplatz sprenge auch die Dimensionen, und sei dennoch erhaltenswert.

Parkplatzfrage und Nachhaltigkeit

Hans-Dieter Hanses, neben Thiemann einer der drei Sprecher der „Rathausfreunde“, berief sich auf die Aussage des Fassadenspezialisten Dr. Küffner, der bestätigt habe, dass die Rathausfassade komplett erneuert werden könne. Küffner habe dafür einen Preis von acht Millionen Euro genannt. In diesem Zusammenhang erinnerte Thiemann an die Sanierung der Türme des Universitätsklinikums Münster (UKM).

Zuvor hatte der Inhaber von expert Promedia, Andreas Frenz, seine ablehnende Haltung zum Rathausneubauvorhaben begründet. Trotz zunehmenden E-Commerces suchten 75 Prozent der Kundschaft seinen Fachmarkt auf. Sie bevorzugten den Rathausparkplatz. Mit der Aussage von Stadtbaurat Andreas Mentz, dass die Fläche an der Friedrich-Ebert-Straße fest zugesichert sei, aber ohne Vertrag, wie der Bürgermeister ergänzt habe, könne er sich nicht zufriedengeben. Für ihn sei der Neubau allerdings nicht nur ein Parkplatzfrage, sondern auch eine von Nachhaltigkeit. Im Übrigen sei es ihm unverständlich, dass zwei große Händler wie das Modehaus Adler und er nicht zu dem Gespräch am Freitag im Rathaus eingeladen worden seien.

Kritik an vorgelegten Zahlen

In der Aussprache war BMA-Fraktionschef Matthias Bußmann für ein Ja zum Bürgerentscheid. Auch wer wie die Bündnisgrünen einen Plan C bevorzuge, müsse mit Ja stimmen, weil nur bei einem Erfolg des Bürgerentscheids die Karten neu gemischt würden.

Kritik an den vorgelegten Zahlen über Sanierung und Neubau äußerte ein Anwohner des Ostwalls. Er rief in Erinnerung, dass der Rat 2013 vier Varianten zur Kostenermittlung in Auftrag gegeben habe. Die heutigen Kostenermittlungen für den Neubau beruhten auf dieser Grundlage.

Wolfgang Szymanski verwahrte sich gegen eine Fortführung der Backsteinarchitektur, wie sie bereits am Buschhoffs Kreisel und beim Einkaufszentrum an der Fußgängerzone verwirklich worden sei. Johannes Pollmüller, langjähriger Hausmeister im Rathaus, erinnerte an die gute CO²-Bilanz dank der innovativen Wärmepumpentechnik, die der Architekt damals schon eingebaut habe. Auf keinen Fall bedeute ein Nein zum Abriss Stillstand, meinte Roger Schneider. Und wenn die Stadt dasselbe Tempo wie nach dem Ratsbeschluss zum Neubau an den Tag lege, könne man noch vor den Sommerferien den Sanierungsbeschluss fassen, mahnte Bußmann.

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