Heilmittelerbringer verzeichnen rapiden Patientenrückgang
Der „Physio“ ist kein Masseur

Aus Angst vor Ansteckung mit dem Coronavirus scheuen jetzt viele Patienten den Besuch beim Physiotherapeuten. Oder glauben, er hätte geschlossen. Doch Michael Böker und seine Kollegen praktizieren weiter.

Freitag, 27.03.2020, 07:30 Uhr
Michael Böker arbeitet seit 40 Jahren als Physiotherapeut. Es schmerzt ihn, dass manche Patienten sich jetzt nicht mehr in seine Hände begeben wollen, obwohl sie die Therapie eigentlich dringend bräuchten.
Michael Böker arbeitet seit 40 Jahren als Physiotherapeut. Es schmerzt ihn, dass manche Patienten sich jetzt nicht mehr in seine Hände begeben wollen, obwohl sie die Therapie eigentlich dringend bräuchten. Foto: Peter Harke

AhlenDer Spitzenverband der Heilmittelverbände in Deutschland (SHV) schlägt Alarm: Infolge der Corona-Krise drohe tausenden von Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Podologen der finanzielle Ruin, wenn die Politik nicht auch für diese Berufsgruppen unverzüglich einen Rettungsschirm aufspanne. Der Verband fordert konkret finanzielle Soforthilfen von der Gesetzlichen Krankenversicherung in Form von Ausgleichszahlungen (s. Kasten). Der Grund für Umsatzrückgänge von 60 bis 90 Prozent sei, dass viele Patienten aus Angst vor Ansteckung mit dem Coronavirus ihre Termine absagen würden.

Der Ahlener Physiotherapeut Michael Böker bestätigt diese Aussage: „Ich habe in dieser Woche zwölf Patienten, die behandele ich sonst an einem Vormittag“, erzählt der 58-Jährige am Mittwoch im Gespräch mit un­serer Redaktion. Seit 40 Jahren ist er in seinem Beruf tätig, seit 26 Jahren mit eigener Praxis, aber so etwas habe er noch nie erlebt, sagt Böker, der betont, nicht nur für sich selbst zu sprechen, sondern stellvertretend für alle Kolleginnen und Kollegen in Ahlen.

Ich habe in dieser Woche zwölf Patienten, die behandele ich sonst an einem Vormittag.

Michael Böker

Nicht nur Angst, sondern auch Unwissenheit sieht er als Ursache für die Entwicklung, die er schon vorausgeahnt habe, als bekanntgegeben worden sei, dass neben Friseuren und Kosmetikstudios auch Massagesalons schließen müssten. „Damit werfen manche Leute uns fälschlich in einen Topf“, fürchtet Michael Böker, „weil auch wir nun mal mit den Händen arbeiten.“ Doch die Heilmittelerbringer seien als systemrelevant für die Aufrechterhaltung der Gesundheitsversorgung eingestuft worden. „Wir dürfen nicht nur, wir sollen weiter praktizieren.“ Und das sei gerade jetzt auch dringend geboten, da viele Krankenhäuser Patienten zum Beispiel nach Hüft- oder Knieoperationen schneller entließen, um Betten und personelle Kapazitäten frei zu machen für Corona-Fälle. Böker: „Ich fahre gleich zu einem Mann, Mitte 70, der sich das Bein gebrochen hatte. Der Bruch ist verheilt, aber er braucht jetzt unbedingt eine Nachbehandlung, sonst kommt er nicht wieder ans Laufen.“ Auch chronisch Kranke, die an Multipler Sklerose oder Parkinson leiden, müssten kon­stant therapiert werden, um körperlich mobil zu bleiben.

Einige Seniorenheime tun sich schwer damit, uns reinzulassen.

Michael Böker

Selbstverständlich würden alle Hygieneschutzvorschriften streng eingehalten: Mundschutz, Einmalhandschuhe, Desinfektionsmittel seien inzwischen Standard. „Trotzdem“, bedauert der „Physio“, „trauen sich manche Patienten nicht, in die Praxis zu kommen.“ Hausbesuche mache er zwar im Prinzip weiter, aber nicht zu allen Hilfebedürftigen dringe er durch. „Einige Seniorenheime tun sich schwer damit, uns reinzulassen“, das werde zum Teil sehr unterschiedlich gehandhabt. Eine Lockerung der Auflagen seitens der Krankenkassen gebe es immerhin: „Wir dürfen Rezepte jetzt deutlich länger unterbrechen als sonst.“

Michael Böker hofft, dass die Appelle der Branchenverbände bei Politik und Kassen nicht auf taube Ohren stoßen. Sonst muss er sicht nicht nur um die eigene Existenz Sorgen machen. „Ich habe Verantwortung für sechs Mitarbeiter“, sagt er – und blickt rüber zur Empfangstheke, die an diesem Tag nach dem Zeitungsreporter vermutlich niemand mehr passieren wird . . .

Forderung des SHV

Die Heilmittelberufe leiden nach den Worten von Ute Repschläger, Vorsitzende des Spitzenverbands der Heilmittelverbände (SHV), seit Jahren unter sehr geringen Vergütungssätzen. „Und bei den derzeitigen Umsatzrückgängen um 60 bis 90 Prozent sind die finanziellen Rücklagen dann schnell aufgebraucht, wenn es sie überhaupt gibt“, verdeutlicht Repschläger in einer Pressemitteilung. Der Verband fordere darum finanzielle Soforthilfen von der Gesetzlichen Krankenversicherung in Form von Ausgleichszahlungen. Repschläger: „Wenn wir keine Leistung erbringen können, entstehen den Krankenkassen keine Kosten. Ganz im Gegenteil: Sie profitieren finanziell von dieser Situation, denn die Kosten für Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Podologie sind im Haushaltsplan der Krankenkassen bereits eingeplant. Es bringt sie also nicht in finanzielle Schwierigkeiten, den Heilmittelerbringern eine Soforthilfe auszuzahlen, um deren Umsatzeinbußen auszugleichen. Für die Krankenkassen ist das ein Nullsummenspiel. Den Heilmittelerbringern rettet das aber deren Existenz.“

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