Erste Analyse für neues Konzept
Mobilität hat in Ahlen einen hohen Stellenwert

Ahlen -

Fuß-, Rad- und Fahrzeugverkehr gleichberechtigt in Einklang zu bringen – keine leichte Aufgabe. Das Mobilitätskonzept der Stadt Ahlen soll das schaffen. Erste Ergebnisse gab‘s jetzt im Stadtplanungsausschuss.

Mittwoch, 02.09.2020, 12:26 Uhr aktualisiert: 02.09.2020, 19:30 Uhr
Die Stärkung des Fahrradverkehrs sei „gut auf den Weg gebracht“, hieß es am Dienstag im Stadtplanungs- und Bauausschuss. Aber an einigen Stellen herrscht Unwohlsein: Die zusätzlichen Radspuren an der Moltkestraße, aber auch am „Ovalkreisel“ des Gebrüder-Kerkmann-Platzes, werden von Bürgern vielfach als zu eng und unverhältnismäßig empfunden.
Die Stärkung des Fahrradverkehrs sei „gut auf den Weg gebracht“, hieß es am Dienstag im Stadtplanungs- und Bauausschuss. Aber an einigen Stellen herrscht Unwohlsein: Die zusätzlichen Radspuren an der Moltkestraße, aber auch am „Ovalkreisel“ des Gebrüder-Kerkmann-Platzes, werden von Bürgern vielfach als zu eng und unverhältnismäßig empfunden. Foto: Christian Wolff

Die Erstellung eines Mobilitätskonzepts für Ahlen nimmt weitere Formen an. Nach einer Bürgerbeteiligung im Januar und Februar stellte Diplom-Ingenieur Felix Kühnel vom beauftragten Büro „Plan-Mobil“ aus Kassel am Dienstagabend die ersten Analyseergebnisse im Stadtplanungs- und Bauausschuss vor.

Stadtplaner Markus Gantefort schickte der umfangreichen Präsentation voraus, dass im Bereich Mobilität „schon einiges passiert“ sei. „Es ist sehr beeindruckend, welchen Stellenwert das Thema in Ahlen hat“, so seine Einschätzung. Über 450 Anregungen und Ideen seien bei der Verwaltung eingegangen. 872 Personen haben die eigens eingerichtete Internetseite aktiv genutzt, 3150 Reaktionen sind daraus entstanden. „Das ist eine Mammutaufgabe. Aber einige der aufgezeigten Mängel wurden bereits abgestellt.“

Kühnel: Schon jetzt viele Fußgänger und Radfahrer

Felix Kühnel hielt fest, dass Ahlen glücklicherweise eine kompakte Stadt sei. „Es gibt hier gewachsene Strukturen und keine große Zersiedelung.“ Allein deswegen werde bereits jetzt – im Vergleich zu anderen Kommunen dieser Größenordnung – viel mit dem Fahrrad gefahren. Besonders hoch sei auch der Anteil an Fußgängern, was er nicht für selbstverständlich halte. „Diese Art der Fortbewegung wird oft als Faktor vernachlässigt.“ Die Zahl der Parkplätze in der Innenstadt stufte der Fachmann ebenfalls als ausreichend ein, auch wenn immer wieder gegenteilige Meinungen vorgebracht würden. Es sei vielmehr der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV), wo laut Analyse noch Ausbaubedarf bestehe, obwohl mit dem Stadtbusnetz des Regionalverkehrs Münsterland (RVM) ein „starker wie verlässlicher Partner“ vorhanden ist. Konkret nannte Kühnel die Anbindung der Ortsteile Vorhelm und Dolberg sowie die Anpassung der Taktung mit Blick auf Schulbeginn und -ende sowie Zugfahrpläne. „Es gibt außerdem das Anruf-Sammel-Taxi, aber es wird wenig beworben.“

Diplom-Ingenieur Felix Kühnel vom Büro „Plan-Mobil“.

Diplom-Ingenieur Felix Kühnel vom Büro „Plan-Mobil“. Foto: Christian Wolff

In einem zweiten Mobilitätsforum, das zum Jahresende starten soll, werde es um konkrete Lösungsansätze für einzelne Bereiche gehen. „Es gibt nie eine Variante, die richtig ist. Aber eine Priorisierung ist wichtig“, so Kühnel. „Es geht nie darum, das Auto als Fortbewegungsmittel abzuschaffen.“ Vielmehr seien „Leitplanken der Mobilitätsentwicklung“ gefordert, um da nachzubessern, wo Alternativen möglich und sinnvoll sind. Als Beispiele nannte er den barrierefreien Ausbau von Haltestellen, die Anbindung umliegender Städte und die Nutzung digitaler Hilfsmittel wie die „Ahlen-App“, die er als „Pfund, mit dem man wuchern kann“ lobte. Dass einige Kritik an den neuen Radfahrspuren auch in den Bürger-Rückmeldungen laut geworden sind, überraschte ihn und die Politiker nicht. Da sei auf den Gewöhnungsprozess zu setzen.

Anteil des CO2-Ausstoßes unklar

Petra Pähler-Paul (Grüne) vermisste in den ersten Analyseergebnisse deutliche Richtungsentscheidungen und wollte wissen, welchen Anteil der motorisierte Verkehr in Ahlen am CO-Ausstoß hat. Felix Kühnel erläuterte, dass es dazu kein belastbares Datenmaterial gebe und eine Neuerhebung angesichts der durch Corona veränderten Bewegungsprofile nicht angegangen worden sei. Dann richtete Pähler-Paul den Blick in die Bundeshauptstadt: „In Berlin gab es sehr radikale Maßnahmen. Dort wurden auf vierspurigen Straßen gleich zwei Spuren für den Radverkehr freigegeben.“ Das sei auch nach dem Ende des Lockdowns so beibehalten worden.

Defizite bei Anbindung von Vorhelm und Dolberg

Erhard Richard (CDU) griff die „erheblichen Defizite bei der Anbindung der Ortsteile“ auf und erinnerte daran, wie stark die Reaktivierung des Bahnhaltepunkts Vorhelm-Bahnhof wieder ins Gespräch gekommen ist. „Es ist wichtig, die Interessenslage mit der Deutschen Bahn abzuklopfen.“ Angelika Schöning bestätigte von Seiten der Bauverwaltung, dass dies gerade geschehe. Felix Kühnel regte an, bei der Anbindung von Münster oder Beckum auch die WLE-Reaktivierung mit einzukalkulieren. Ulrich Westhues (SPD) erinnerte daran, dass die ungünstige Taktung des Schulbusses nach Beckum seit über 15 Jahren ergebnislos diskutiert werde.

Bestürzt über die große Zahl der von Bürger angegebenen Mängel zeigte sich Uwe Maschelski (SPD). Schöning bekundete, „am Ball“ zu sein, aber bei verkehrstechnischen Veränderungen auf mehrere Fachbereiche und Rückmeldungen der Polizei angewiesen zu sein.

Pähler-Paul kritisiert Begegnungszone

Kritik übte Petra Pähler-Paul an der erst in jüngerer Zeit eingerichteten Begegnungszone auf der Weststraße. Da sei nach dem Prinzip verfahren worden „Wasch mich, aber mach mich nicht nass“. Ihrer Ansicht nach nehme der motorisierte Verkehr dort mehr Platz ein als vorher. In der Wahrnehmung der Bürger seien Fußgänger und Fahrräder nicht vorrangig. Angelika Schöning konnte diesen Eindruck nicht bestätigen: „Unsere Rückmeldungen zur Begegnungszone sind sehr positiv. Die Geschwindigkeit der Fahrzeuge hat nachgelassen.“ Es gebe auch keinen Vorrang für bestimmte Verkehrsteilnehmer. Vielmehr seien diese hier gleichberechtigt anzusehen. „So, wie es umgesetzt ist, schöpft es alle Möglichkeiten aus.“

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