Kultreporter Alfons in der Stadthalle
Jeder entscheidet, wo er Licht macht

Ahlen -

Mit seinem typischen französischen Akzent hielt Kultreporter Alfons dem Publikum den Spiegel vor. 100 Gäste durften die Kabarettvorstellung in der Stadthalle besuchen.

Freitag, 18.09.2020, 12:45 Uhr aktualisiert: 23.09.2020, 11:02 Uhr
Legten den Finger in die Wunden deutscher Überheblichkeit: Kultreporter Alfons mit
Legten den Finger in die Wunden deutscher Überheblichkeit: Kultreporter Alfons mit Foto: Angelika Knöpker

Ohne Puschelmikro, aber in seiner orangefarbenen Trainingsjacke als Markenzeichen machte Alfons alias Emmanuel Peterfalvi am Donnerstagabend Station in der Stadthalle. Der bekannte Kabarettist und Kultreporter begeisterte sein Publikum mit seinem neuen Programm „Jetzt noch deutscherer“. 100 Minuten ohne Pause erklärte er in seinem typischen französischen Akzent den Weg seiner Einbürgerung nach 28 Jahren in Deutschland.

Zwei Menschen sind es, die ihn zu diesem Schritt bewogen haben, Olaf Scholz , damals erster Bürger der Hansestadt Hamburg und seine ebenso liebenswerte wie taffe „Grand-mère“. Obwohl sie die Hölle von Auschwitz überlebt hatte, in der ihr Schwiegervater umkam, traf sie sich später mit dem KZ-Aufseher, erst schweigend, dann nach und nach im Dialog, bis daraus eine Freundschaft entstanden war. „Ich will niemanden hassen, ich will, dass so etwas nicht noch einmal geschieht“, hatte sie ihr Verhalten begründet. Omas Credo hatte den Enkel überrascht und überzeugt: „Jeder Mensch hat eine Taschenlampe in sich und kann entscheiden, wo er Licht macht.“

Der Wunsch nach Erfolg und nach Siegen ist urdeutsch.

Alfons

Und nicht nur das, mit ihrer Ausstrahlung machte sie Staatspräsident Mitterrand zu einem ihrer Bewunderer. Ganz bewusst hatte sie anlässlich ihres runden Geburtstages sein Lieblingsrestaurant aufgesucht und ihn und seine Security mit ihrem „Fliegen-Trick“ verblüfft. Dabei zog sie mit einem Magneten ein täuschend echt aussehendes Insekt über ihren Arm und verkündete stolz: „Ich kann Fliegen dressieren“. Ihr zu Liebe ließ Mitterrand im Rahmen der jährlichen Militärparade den Radetzky-Marsch spielen, Omas beliebte und einzige Musik auf einer LP. In einem Tresor bewahrte sie wichtige Dokumente auf, wollte dem kleinen Jungen aber die Kombination nicht verraten.

„Der Wunsch nach Erfolg und nach Siegen ist urdeutsch“, beklagte Alfons einige Eigenschaften der Deutschen, die ihm als Ur-Franzosen fremd waren. „Sie fahren eine halbe Stunde im Kreis, um einen Parkplatz zu bekommen, wir parken in der Feuerwehrzufahrt.“ Dass ihn das später teuer zu stehen kam, erfuhr er, als sein Kühlschrank brannte und die Feuerwehr erst spät auftauchte. „Irgendein Idiot hatte die Zufahrt zugeparkt“, erklärte einer der Blauröcke.

Die Gelbwesten in Frankreich gehen auf die Straße, um zu protestieren, ohne Anmeldung. „In Deutschland muss ich sagen, dass ich morgen ab 14 Uhr so wütend bin, dass ich eine Demonstration anmelden möchte“, beklagte Alfons die deutsche Gründlichkeit und vor allem den Formularkrieg.

Jetzt habe ich meinen Platz gefunden, nicht nur für das Handtuch im Badeurlaub.

Alfons

Das habe seine Einbürgerung sehr erschwert, aber eine gemeinsame Talkshow mit Olaf Scholz habe ihm Türen geöffnet, bekannte er. Schwer sei es gewesen, die ersehnte Urkunde als Bestätigung zu bekommen. „Dafür musste ich ganz viel lernen“, die deutsche Sprache, aber auch alles über Gesellschaft und Politik in Deutschland. „Jetzt habe ich meinen Platz gefunden, nicht nur für das Handtuch im Badeurlaub.“

Lachen und nachdenken liegen bei Alfons nah beieinander. Heiterkeit löst ernste Momente ab und am Ende ist man überrascht. Er hält dem Publikum einen Spiegel vor, in den es nicht gerne blickt. Ironisch humorvoll legt der mit dem Bayrischen Kleinkunstpreis ausgezeichnete Künstler die Finger in die Wunden deutscher Überheblichkeit. Und am Ende gelingt es ihm doch noch, nach dem Tod von Grand- mère den Tresor zu öffnen. Er enthält die Fliege mit Magnet, eine Visitenkarte des Staatspräsidenten und den Brief seiner Oma mit den Abschiedsworten: „Ich wünsche Dir noch ein geiles Leben, entscheide Du, wo Du Licht machst.“

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