Kettenreaktion rund ums Klopapier
Hamstern zwischen Hype und Hysterie

Ahlen -

Klopapier – fast in jedem Einkaufswagen. Die Welle um die Rolle schwappt wieder hoch. Hamster-Hysterie – jetzt auch im Herbst. Markus Scholz, Geschäftsführer des Edeka-Kempermarktes in Ahlen, versteht den Hype nicht: „Bitte mit Verstand durch die Pandemie. Nicht mit Panik!“

Mittwoch, 21.10.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 26.10.2020, 14:22 Uhr
Schnell aufgefüllt: Emel Demirer sieht seit vergangenen Freitag eine Kettenreaktion unter den Kunden. Habe der eine Klopapier im Wagen, greife auch der andere zu.
Schnell aufgefüllt: Emel Demirer sieht seit vergangenen Freitag eine Kettenreaktion unter den Kunden. Habe der eine Klopapier im Wagen, greife auch der andere zu. Foto: Ulrich Gösmann

Hamster-Hysterie jetzt auch im Herbst? „Klopapier landet fast in jedem Einkaufswagen“, beobachtet Filialleiterin Emel Demirer . „Ich glaube, das muss ansteckend sein.“ Denn: Hat‘s der eine erst drin, nimmt‘s auch der andere mit. Kettenreaktionen im Edeka-Kempermarkt und anderswo. In der Filiale im Einkaufszentrum Kerkmann-Platz haben sich die Verkaufszahlen rund um die Rolle seit Freitag verdoppelt. Erste Engpässe? Geschäftsführer Markus Scholz winkt beruhigend ab. Sein Rat: „Bitte mit Verstand durch die Pandemie. Nicht mit Panik!“

Ich glaube, das muss ansteckend sein.

Emel Demirer

Der 39-Jährige hat die Kommentare auf Facebook verfolgt. Nicht sein Humor. Hysterie? „So, wie ich es in den sozialen Medien wahrgenommen habe: Ja. So wie wir es erleben: Nein!“ Sicherlich habe es mal eine kurze Lücke im Regal gegeben. „Doch dann holt man von hinten eine neue Palette und es ist wieder voll.“ Der Einzelhändler blickt rüber auf die „Anonymität der Discounter“: Dort werde die Ware vorkonfektioniert. Inhabergeführte Geschäfte – da spreche er auch für seine Mitbewerber vor Ort – seien anders aufgestellt. „Wenn wir mehr von ihnen hätten, hätten wir das Hamster-Pro­blem nicht.“ Fehlendes Vertrauen sei das eigentliche Problem, die Sorge, morgen noch versorgt zu werden.

Palettenweise Klopapier: Markus Scholz im Lager.

Palettenweise Klopapier: Markus Scholz im Lager. Foto: Ulrich Gösmann

Der Hamster-Hype erlebte seine erste Welle im März: Zwei Wochen sei die Kurve steil nach oben gegangen. „Dann beruhigte sich wieder alles“, ruft Markus Scholz ins Gedächtnis und zur Gelassenheit auf. Zuletzt sei es sogar schwer gefallen, Klopapier von Kollegen, die aus Bulgarien oder Italien geordert hätten, loszuwerden. „Das wollte keiner haben.“

Die Jahresbilanz – bezogen aufs Klopapier: Der Geschäftsführer wagt ein Plus von 20 bis 25 Prozent – und rechnet auch gleich das nächste Jahr mit ein. Zwei, drei Prozent könnten es bis dahin mehr sein, weil weniger raus etwa in die Gastronomie gegangen und lieber zu Hause geblieben werde.

Ich kann es mir nicht vorstellen.

Markus Scholz

Der gefühlte Mangel – für Markus Scholz ist er ein Wohlstandsmangel: „Natürlich kann es vorkommen, dass es mal einen Tag kein Apfelmus von Gut & Günstig gibt, dann aber von Schneekoppe oder vom Hof Lohmann.“ Einen Komplettausfall eines ganzen Segments hält er aber für unwahrscheinlich: „Ich kann es mir nicht vorstellen.“

Lücken im Regal? Nicht wirklich.

Lücken im Regal? Nicht wirklich. Foto: Ulrich Gösmann

Ruhe bewahren, mit Verstand einkaufen und mit Weitsicht: Das sind die Em­pfehlungen des Nahversorgers. Warum nicht jetzt schon mal ein Glas Rotkohl für Weihnachten mitnehmen oder an der Frischetheke die Festtagsbestellung aufgeben? „Wer weiß schon, was im Dezember ist?“, sagt Scholz. Es müssten nur mal in Italien 100 Spediteure wegen Corona ausfallen und das Lieblingsprodukt auf der Strecke bleiben. Ein weiterer Tipp: einkaufsschwache Zeiten nutzen. Montags, mittwochs und donnerstags sei es ruhiger.

Was anders geworden ist durch die Corona-Pandemie? „Viele, viele Kunden haben gemerkt, dass es so nicht weitergeht“, glaubt Scholz. Die Art der Tierhaltung sei stärker ins Bewusstsein getreten, ebenso das Thema Nachhaltigkeit und das regionale Produkt. „Da hat uns Tönnies sicherlich auch geholfen.“

Von der vorübergehenden Senkung der Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte leitet der Einzelhändler keinerlei Kaufimpulse ab: „Den Sinn habe ich bis heute nicht verstanden.“ Zielführender wäre es beispielsweise gewesen, Konsumgutscheine herauszugeben. Sein Fazit: „Gewinner sind irgendwelche anonymen IT-Unternehmen, die ihr Geld mit dem Umprogrammieren von Kassensystemen gemacht haben.“

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