Erinnerung an alten jüdischen Friedhof
Fehr: „Interreligiösen Dialog fortführen“

Ahlen -

Im Beisein von Sharon Fehr, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Münster, wurde eine neue Erinnerungstafel am Ostwall der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie beschreibt neben der mittelalterlichen Stadtbefestigung auch den einstigen jüdischen Friedhof an dieser Stelle.

Mittwoch, 28.10.2020, 22:00 Uhr
Eine Dokumentation, die Schüler des Gymnasiums St. Michael schon vor einigen Jahren über die Geschichte des jüdischen Friedhofs in Ahlen erstellt haben, nimmt Sharon Fehr mit nach Münster. Der Gemeindevorsitzende lobt die tiefgreifende Erinnerungsarbeit.
Eine Dokumentation, die Schüler des Gymnasiums St. Michael schon vor einigen Jahren über die Geschichte des jüdischen Friedhofs in Ahlen erstellt haben, nimmt Sharon Fehr mit nach Münster. Der Gemeindevorsitzende lobt die tiefgreifende Erinnerungsarbeit. Foto: Christian Wolff

Vier Gedenksteine gruppieren sich heute auf der Anhöhe zwischen Bahnhofsvorplatz und Ostwall. Von den unzähligen Grabsteinen, die hier einmal standen, von der hohen Umfassungsmauer mit den steinernen Stufen und den schmalen Pfaden unter alten Bäumen gibt es seit mehr als 80 Jahre nach der Umbettung des jüdischen Friedhofs keine Spur mehr.

Für Sharon Fehr ist die Anlage immer noch ein Friedhof

Dennoch strahlt die Grünfläche mitten in der hektischen Stadt nach wie vor eine allgegenwärtige Ruhe aus, die Sharon Fehr beim Ortstermin erfasst: „Für mich ist das hier immer noch ein Friedhof. Ich empfinde hier eine besondere Nähe, eine Ehrerweisung an die einstigen Mitglieder der jüdischen Gemeinde Ahlen.“

Die Initiative von Stadtverwaltung und Heimatförderkreis, sowohl der mittelalterlichen Stadtbefestigung als auch des einstigen Bestattungsortes mit einer neuen Erinnerungstafel zu gedenken, freut den Leiter der Jüdischen Gemeinde Münster so sehr, dass er am Mittwochvormittag bei der offiziellen Präsentation persönlich dabei ist. „Das, was Sie hier heute machen, ist eine großartige Geste.“

Dr. Alexander Berger, Sharon Fehr, Christa Schwab und Nicole Wittkemper-Peilert (v.l.) stellten die neue Erinnerungstafel vor.

Dr. Alexander Berger, Sharon Fehr, Christa Schwab und Nicole Wittkemper-Peilert (v.l.) stellten die neue Erinnerungstafel vor. Foto: Christian Wolff

Der Gemeindevorsitzende aus Münster ist überzeugt: „Wir müssen den interreligiösen Dialog fortführen. Unsere Rabbiner sagen: In der Kontinuität liegt der Erfolg.“ In Ahlen sei etwas entstanden und gewachsen, das die Erinnerungskultur ausmache. „Auch wenn die Umbettung damals mit Zustimmung der Gemeinde stattfand, ist es immer sehr traurig, ein schmerzlicher Einschnitt, wenn ein Friedhof aufgelöst oder verlegt werden muss.“ Nach jüdischem Verständnis diene ein Grab als „Platz für die Ewigkeit“. Das Ruherecht sei sehr fundamental im Judentum. „Ein jüdischer Friedhof ist wie ein steingewordenes Museum, weil die Gräber nie aufgelassen werden.“ In einem kleinen Vortrag erläutert Fehr ebenso, warum es im jüdischen Bestattungsritus keinen Blumenschmuck gibt. Trauernde bringen stattdessen Steine als Zeichen der Unvergänglichkeit mit zum Grab „Vor Gott sind wir alle gleich.“

Verbundenheit zwischen den Religionen

Bürgermeister Dr. Alexander Berger rechnet Fehr den persönlichen Besuch hoch an und verweist zugleich auf die fruchtbaren Kontakte beim Neujahrsempfang. „Das Festigen der Verbundenheit zwischen den Religionen ist auch ein stückweit Wiedergutmachung dessen, was Generationen zuvor angerichtet haben“, sagt er.

Christa Schwab möchte, dass der von ihr geführte Heimatförderkreis auch weiterhin besondere Straßen und Plätze mit erklärenden Tafeln ausstattet, wie es bereits seit gut 20 Jahren praktiziert wird. „Wir überlegen, ob wir in Zukunft auch Kunstwerke im öffentlichen Raum damit ausstatten“, sagt sie.

Die neue Erinnerungstafel gibt Informationen zur früheren Stadtbefestigung und zum ehemaligen Jüdischen Friedhof am Ostwall.

Die neue Erinnerungstafel gibt Informationen zur früheren Stadtbefestigung und zum ehemaligen Jüdischen Friedhof am Ostwall. Foto: Christian Wolff

Die Geschichte des jüdischen Friedhofs in Ahlen lässt sich bis ins Jahr 1788 zurückverfolgen. „Er entstand auf der ehemaligen Wallanlage der mittelalterlichen Stadtbefestigung, die ab 1765 schrittweise abgebaut wurde“, erklärt Nicole Wittkemper-Peilert, Leiterin der Unteren Denkmalbehörde. Bis 1938 wurden die Toten der jüdischen Gemeinde auf jener Fläche am heutigen Bahnhofsvorplatz bestattet. Doch schon im Jahr 1890 gab es aufgrund des rasanten Wuchses der Ahlener Bevölkerung die Anregung des Landrates, diesen Friedhof „aus hygienischen Gründen“ außerhalb der Stadt neu anzulegen. Aus städtebaulicher Sicher war die Fläche schon damals zu klein und der Bau einer Schule in unmittelbarer Nähe bereits beschlossene Sache.

Doch erst vier Jahrzehnte später, im Jahr 1932, wurde die Verlegung wieder konkret. Seitens der Kultusgemeinde wurde der Versuch unternommen, den Begräbnisplatz am heutigen Ostwall um einen sechseinhalb Meter breiten Grundstücksstreifen zu erweitern. Die Aufsichtsbehörden lehnten diesen Wunsch jedoch ab und schlugen vielmehr einen Grundstückstausch vor. Die Juden sollten eine Fläche auf dem städtischen Friedhof erhalten. Doch dazu kam es nicht. Die Sache wurde ad acta gelegt und wurde erst durch einen perfiden Plan der Nationalsozialisten wieder konkret.

Eines der wenigen bekannten Bilder vom Jüdischen Friedhof am Ahlener Ostwall entstand um 1930 und zeigt neben der hohen Umfassungsmauer und vielen Grabsteinen im Hintergrund das Bahnhofsgebäude.

Eines der wenigen bekannten Bilder vom Jüdischen Friedhof am Ahlener Ostwall entstand um 1930 und zeigt neben der hohen Umfassungsmauer und vielen Grabsteinen im Hintergrund das Bahnhofsgebäude. Foto: Archiv Robert Schwenkner

Mit Schreiben vom 11. Februar 1938 wurde das Stadtbauamt durch den Bürgermeister beauftragt, einen Entwurf nebst Kostenanschlag für ein neues Rathaus vorzulegen. Es sollte gegenüber dem Bahnhof und damit zum Teil auf der Fläche des bisherigen Jüdischen Friedhofs liegen. Durch den Zweiten Weltkrieg wurde dieses Bauvorhaben nicht mehr umgesetzt, wohl aber die Umbettung der Gebeine zum städtischen Westfriedhof.

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