Vorsitzender der Türkischen Gemeinde zieht Bilanz
„Wir müssen Teilhabe der Migranten stärken“

AhlenAuch die Stadt Ahlen profitiert von der Tätigkeit Ulusoys: Die TGD NRW hat ihren offiziellem Sitz im Gründer- und Dienstleistungszentrum und nutzt seine Räumlichkeiten für Sitzungen und Tagungen. -

Serhat Ulusoy zieht als Landesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Nordrhein-Westfalen einen Strich unter ein schwieriges Corona-Jahr.

Montag, 04.01.2021, 11:15 Uhr aktualisiert: 04.01.2021, 11:20 Uhr
Ahlener mit Leib und Seele: Serhat Ulusoy, der als Landesvorsitzender der Türkischen Gemeinde Deutschland auch auf Landesebene ein wichtiges Ehrenamt wahrnimmt.
Ahlener mit Leib und Seele: Serhat Ulusoy, der als Landesvorsitzender der Türkischen Gemeinde Deutschland auch auf Landesebene ein wichtiges Ehrenamt wahrnimmt. Foto: Ulrich Gösmann

Der 30. Oktober ist im Terminkalender des Ahleners Serhat Ulusoy schon rot markiert. Es ist der 60. Jahrestag des Anwerbeabkommens mit der Türkei, dessen nachhaltige Auswirkungen die deutsche Gesellschaft bis heute prägen. Aber auch die Türkei hat sich durch diese Migrationsbewegung verändert. „Wir planen zu diesem Jahrestag zahlreiche Veranstaltungen“, kündigt Ulusoy als einer von sieben stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Türkischen Gemeinde Deutschland (TGD) an, wobei sich unter den derzeit herrschenden Pandemie-Bedingungen keine genaueren Aussagen treffen lassen.

Corona hat wie bei vielen anderen Verbänden und Vereinen die gesamte Jahresplanung über den Haufen geworfen. So standen auf der Agenda des nordrhein-westfälischen TGD-Landesverbandes, dessen Vorsitzender Ulusoy seit 2019 ist, eine Reihe von Besuchen in Rathäusern, die allesamt abgesagt werden mussten. So war im März ein Antrittsbesuch bei dem damaligen Oberbürgermeister Gelsenkirchens Frank Baranowski geplant, der wegen Corona abgesagt werden muste.

Nur drei Vorstandssitzungen haben in Präsenzform stattgefunden.

Serhat Ulusoy

Immerhin konnte am 1. September noch eine lange geplante Veranstaltung mit Kandidaten mit Migrationsgeschichte im Kommunalwahlkampf in Essen durchgeführt werden. „Nur drei Vorstandssitzungen haben in Präsenzform stattgefunden“, bilanziert Ulusoy, der in Ahlen Mitglied der SPD-Ratsfraktion und Vize-Bürgermeister ist; ansonsten habe man lediglich über Zoom konferieren können.

In dem Rückblick auf das vergangene Jahr schwingt auch die Sorge mit, dass die Folgen des Lockdowns und die strikte, aber notwendige Befolgung der Hygieneregeln das soziale Verhalten der Menschen und ihren Umgang miteinander langfristig verändern könnten. Gerade für Menschen aus Süd- und Südosteuropa und der Türkei gehöre der Körperkontakt zum Begrüßungsritual unter Verwandten und Freunden.

Auch was die sonstigen Folgen der Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen des öffentlichen wie privaten Lebens betrifft, ist der Ahlener skeptisch. Aus vielen Gesprächen in der jüngsten Zeit nehme er die Erkenntnis mit, dass das Virus partiell auch zur Ausgrenzung führe. Das beziehe sich nicht nur auf Menschen asiatischer Abstammung, die aufgrund ihres Aussehens beleidigt und diffamiert würden.

In seiner Erinnerung sei der freundschaftliche Umgang miteinander in den 1970- und 80er Jahren am Arbeitsplatz vielfach ausgeprägter gewesen. Das gelte vor allem für die Arbeit unter Tage. Auch Nachbarschaftshilfe sei damals selbstverständlich gewesen.

Das Ehrenamt ist ein wesentlicher Teil der Gesellschaft. Es muss gelingen, die Migranten mehr in das Vereinsleben zu integrieren.

Serhat Ulusoy

Sein Dachverband sehe es als vorrangige Aufgabe, die demokratische Teilhabe der Menschen mit Migrations- geschichte zu stärken. „Das Ehrenamt ist ein wesentlicher Teil der Gesellschaft. Es muss gelingen, die Migranten mehr in das Vereinsleben zu integrieren“, steht für den 50-Jährigen fest. Und dabei gehe es nicht nur um Sportvereine, sondern um die gesamte Palette gesellschaftlichen Lebens: von der Freiwilligen Feuerwehr bis zur Theatergruppe.

Wesentliche Impulse für diese Arbeit erhofft sich Ullusoy von einem auf vier Jahre angelegten Projekt des Bundesinnenministeriums in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung, das eigentlich schon 2020 an den Start gehen sollte, aber wegen Corona einige Anlaufschwierigkeiten hatte. Derzeit läuft noch die Suche nach einem Geschäftsführer, dem die gesamte Projektkoordination obliegt. Ziel ist es, unter anderem Handreichungen für eine stärkere Beteiligung der Migranten am demokratischen Alltag zu erarbeiten.

Für 2021 hofft Serhat Ulusoy, dass sich die Arbeit auf Dauer etwas einfacher gestaltet und nicht weiterhin nur digital ablaufen muss.

Die Türkische Gemeinde Deutschland engagiert sich für Demokratie und mehr Teilhabe der Migranten.

Die Türkische Gemeinde Deutschland engagiert sich für Demokratie und mehr Teilhabe der Migranten. Foto: privat

Seit 25. November ist er offiziell Mitglied des Beirats der Landesregierung für Teilhabe und Integration und trifft regelmäßig mit dem zuständigen Minister Joachim Stamp und seiner Staatssekretärin Serap Güler zusammen.

 

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