Versuchter Mord: Prozessauftakt
Opfer verstrickt sich in Widersprüche

Ahlen / Münster -

Der Angeklagte war geständig. Aber das Opfer sorgte dafür, dass der Erkenntnisgewinn am Landgericht erschwert wurde.

Donnerstag, 25.02.2021, 12:17 Uhr aktualisiert: 25.02.2021, 12:20 Uhr
Eine Messerattacke in der Gaststätte „Zum Südberg“ beschäftigte die 2. Strafkammer des Landgerichts am Mittwoch.
Eine Messerattacke in der Gaststätte „Zum Südberg“ beschäftigte die 2. Strafkammer des Landgerichts am Mittwoch. Foto: Christian Wolff

Ein eher ungewöhnlicher Prozessverlauf ereignete sich am Mittwoch vor der 2. Strafkammer des Landgerichts Münster. Die als versuchter Mord eingestufte Messerattacke, die sich in der Nacht zum 5. Oktober 2020 in einer Gaststätte am Südberg zugetragen hatte, war hinsichtlich der Merkmale „Täterschaft“ und „strafbare Handlung“ aufgrund eines Beweisvideos und der geständigen Einlassung des 56-jährigen Angeklagten unstreitig. Jedoch erschwerte ausgerechnet die Aussage des 44-jährigen Opferzeugen, dessen Leben dank einer Notoperation gerettet werden konnte, die Aufarbeitung des Falles erheblich.

Achtstündige Verhandlung

Zu Beginn des achtstündigen Prozesstages hatte der Angeklagte zum Tatgeschehen ausgesagt, dass er mit drei befreundeten Männern in der Gaststätte mit Geldeinsatz Brettspiele gespielt habe. Als er gegen 2 Uhr nachts das Lokal verlassen wollte, habe der Geschädigte, der den Angaben des 56-Jährigen zufolge dort als Kellner beschäftigt sei, ihn aufgefordert, seine Rechnung unverzüglich zu bezahlen, obwohl es dort für gewöhnlich möglich sei, anschreiben zu lassen.

Da er kein Geld bei sich hatte, habe ihn der Umstand, dass der 44-Jährige ihn nicht zu Beginn des Abends darauf hingewiesen habe, dass eine spätere Zahlung ausgeschlossen sei, besonders geärgert. Nachdem der gelernte Lkw-Fahrer mit geliehenem Geld gezahlt und eine Zeit lang mit seinem Motorroller durch die Nacht gefahren sei, habe er schließlich beschlossen, den Geschädigten zur Rede zu stellen. Dabei gab er an, dass er aufgrund eines Vorfalls, der sich eine Woche vor der Tatnacht ereignet hatte und bei dem er vom 44-Jährigen massiv beleidigt und mit einem Messer bedroht worden sei, entschieden habe, ebenfalls ein Messer in seinem Motorroller zu lagern.

Sie sind hier das Opfer und ich will Sie nicht zum Täter machen.

Der Staatsanwalt

Mit diesem Küchenmesser betrat er wieder das Lokal und spielte noch einige Minuten an einem Münzspielautomaten, bis er zielgerichtet auf sein argloses Opfer zusteuerte und in die Schulter sowie den Bauch einstach.

Erstaunlicherweise leugnete der Opferzeuge jedoch vehement, dass er in der Gaststätte als Kellner arbeite. Dies blieb bis zuletzt unverständlich, zumal ihm sowohl die Kammer als auch der Vertreter der Staatsanwaltschaft zusicherten, nur an der Messerattacke und nicht an den Modalitäten seiner Anstellung interessiert zu sein.

Servieren und Abräumen

Stattdessen verstrickte sich der 44-Jährige in Ungereimtheiten und Widersprüche bezüglich der Frage, warum ihn die Videoaufnahmen den Abend über beim Servieren und bei Aufräumarbeiten zeigen. Der Staatsanwalt wies ihn schließlich darauf hin, dass er Falschaussagen strafrechtlich verfolgen müsse: „Sie sind hier das Opfer und ich will Sie nicht zum Täter machen.“ Doch der gelernte Schreiner blieb dabei, dass er weder als Kellner noch als Privatperson Geld vom Angeklagten eingefordert hatte. Seiner Aussage zufolge habe er sich unmittelbar vor der Tat von einem Bekannten 2200 Euro geliehen und 480 Euro ohnehin bei sich gehabt. Der Angeklagte müsse das Geld gesehen und ihn vermutlich deshalb angegriffen haben. Der Geschädigte erklärte, dass nach der Tat 500 Euro fehlten. Am Freitag wird die Verhandlung fortgesetzt.

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