Telefonhotlines
Einsamkeit zermürbt auch Kinder

Ahlen -

Welche Ängste Kinder und Jugendliche im Lockdown umtreiben, wissen jene, die zurzeit an den Beratungshotlines Unterstützung geben.

Sonntag, 28.02.2021, 17:15 Uhr aktualisiert: 28.02.2021, 17:20 Uhr
Urim Kodzadziku an der Hotline für Kinder und Jugendliche.
Urim Kodzadziku an der Hotline für Kinder und Jugendliche. Foto: Martin Feldhaus

Lange gab es keinen Präsenzunterricht, kaum Freizeit- und Sportangebote und Treffen sind nur mit einem einzigen Freund oder einer einzigen Freundin erlaubt: Der Corona-Lockdown stellt das Leben von Kindern und Jugendlichen auf den Kopf. Nichts ist mehr so, wie es vor der Pandemie war.

Ein Umstand, der dem Nachwuchs zunehmend Ängste bereitet, ihn stark verunsichert oder der sogar negative gesundheitliche Auswirkungen hat. Die Folge: Der Gesprächsbedarf nimmt zu.

Das macht sich derzeit sowohl bei der „ Nummer gegen Kummer “ des Kinderschutzbundes im Kreis Warendorf als auch beim Juk-Haus bemerkbar, das während des Lockdowns unter anderem telefonisch für Kinder und Jugendliche erreichbar ist.

Wir werden als Gesprächspartner gebraucht.

Urim Kodzadziku, Leiter des Juk-Hauses

„Es gibt im Moment viel mehr gravierende Ängste als früher“, haben Juk-Haus-Leiter Urim Kodzadziku und seine Kollegen festgestellt. Soll ich mich impfen lassen? Sollte ich mich noch mit Freunden treffen oder besser doch nicht? Was ist mit meinem Schulabschluss? Muss ich das Schuljahr jetzt wiederholen? Oder, noch viel grundsätzlicher: Ist das, was gerade passiert, eigentlich alles so richtig? Die Fragen und Probleme, mit denen Ahlens Jugendeinrichtungen zurzeit konfrontiert werden, sind gravierend und tiefgehend.

Das Grund dafür liegt auf der Hand: „Es gibt eine große Verunsicherung bei unseren Jugendlichen“, sagt Urim Kodzadziku unumwunden. Die derzeitige Situation sei offensichtlich für viele junge Ahlenerinnen und Ahlener nur schwer auszuhalten. „Wir werden als Gesprächspartner gebraucht“, verdeutlicht er. Zahlreiche Zukunftsängste gelte es dann im Dialog auszuräumen. Deutlich mehr als vor der Pandemie.

Der Kinderschutzbund im Kreis Warendorf bietet eine Nummer gegen Kummer an.

Der Kinderschutzbund im Kreis Warendorf bietet eine Nummer gegen Kummer an. Foto: Martin Feldhaus

Eine Entwicklung, die auch der Kreisverband Warendorf des Deutschen Kinderschutzbunds mit Sitz in Ahlen bei seiner Telefonhotline „Nummer gegen Kummer“ ausgemacht hat. Die Zahl der Anrufe habe zwar nicht zugenommen, aber die Probleme seien „tiefergehender als früher“, so Sandra Flaute, die regelmäßig junge Anrufer aus der gesamten Republik berät. Im Mittelpunkt der Gespräche stehe dabei oft die soziale Isolation aufgrund der derzeit strengen Kontaktbegrenzungen: „Wann darf ich endlich meine Freunde wiedersehen?“

Die derzeitige Einsamkeit zermürbt sehr viele Kinder und Jugendliche. Sie ist jedoch beileibe nicht das einzige ernste Anliegen. Viele Mädchen und Jungen sorgen sich auch um die Gesundheit der eigenen Eltern. Und das gerade auch, wenn diese in Berufen mit vielen Kontakten arbeiten und der Gefahr einer Ansteckung ausgesetzt sind. Eine Angst, so Sandra Flaute, die sich oft noch verstärke, wenn ein Elternteil bereits verstorben ist.

Zudem ein häufiges Thema: Beziehungen, die per Chat beendet werden, weil ein reales Treffen nicht möglich ist. „Es gibt dann keine Chance, sich auszusprechen. Das setzt vielen Jugendlichen sehr zu“, hat Margarete Naerger, Gruppenleiterin Beratung beim Kinderschutzbund, eine weitere Entwicklung ausgemacht.

Eine ungewöhnliche Veränderung betrifft auch die Anrufer selbst bei der „Nummer gegen Kummer“. So nutzten derzeit immer mehr Erwachsene das Angebot für Kinder und Jugendliche. Großeltern sorgten sich um ihre Enkel, andere Anrufer berichteten, dass sie hören wie beispielsweise im Nachbarhaus Kinder und Jugendliche geschlagen würden und fragen, wie sie sich verhalten sollen.

Die Erwachsenenseelsorge scheint stark überlastet zu sein.

Margarete Naerger, Gruppenleiterin Beratung

Wiederum andere haben eigene Probleme und brauchen jemanden zum Reden. „Die Erwachsenenseelsorge scheint stark überlastet zu sein“, zieht Naerger einen Schluss aus den vermehrten Anrufen Erwachsener.

Doch was könnte Kindern und Jugendlichen helfen und die zunehmenden Ängste lindern? Für die Besucher des Juk-Hauses ist die Antwort klar: eine Öffnung der Einrichtung. „Die Sehnsucht nach Kontakten ist sehr groß“, berichtet Urim Kodzadziku, was er immer wieder hört. So groß, dass mittlerweile gar bei einigen jungen Gästen eine gewisse Online-Verdrossenheit eingetreten sei. Digitaler Unterricht und auch sonst ausschließlich digitale Angebote: zu viel für manche, die einfach keine Lust mehr haben, am PC zu sitzen.

„Wann macht ihr wieder auf?“ Eine Frage, die der Juk-Haus-Leiter derzeit immer häufiger hört. Für viele Mädchen und Jungen sei eine Öffnung des Juk-Hauses äußerst wichtig, sagt Urim Kodzadziku, und würde wohl zumindest einen Teil ihrer Probleme lösen.

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