Folge 1: Die Zeit vor der Kaserneneröffnung
Start ohne Bleistift und eigenen Schrank

Ahlen -

Zum Auftakt der neuen Serie unserer Zeitung über die 60-jährige Geschichte des Bundeswehr-Standorts Ahlen kommt ein Zeitzeuge zu Wort. Heinrich Romer gehörte 1959 zum „Vorkommando“ in der noch nicht eröffneten Kaserne.

Dienstag, 05.03.2019, 14:58 Uhr aktualisiert: 05.03.2019, 15:06 Uhr
In Ahlen gut angekommen: Der Gefreite Heinrich Romer (M.) im Sommer 1959 mit seinen Kameraden Bernd Dangel (l.) und Egon Meier in der „Westfalen-Kaserne“.
In Ahlen gut angekommen: Der Gefreite Heinrich Romer (M.) im Sommer 1959 mit seinen Kameraden Bernd Dangel (l.) und Egon Meier in der „Westfalen-Kaserne“. Foto: privat

Aller Anfang ist schwer. Gerade die Bundeswehr musste mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht im Jahr 1957 „dicke Bretter bohren“, um die Bevölkerung mitzunehmen. Die sichtbaren Spuren des Zweiten Weltkriegs waren längst nicht beseitigt, die unsichtbaren Spuren wirkten noch nach – zum Teil bis heute.

In der „Westfalen-Kaserne“ mangelte es in der Anfangszeit vor 60 Jahren an ganz profanen Dingen. „Wir hatten keinen Bleistift und kein Radiergummi“, verdeutlicht Heinrich Romer . „Wir hatten einen Stuhl, ein Bett, einen Tisch – aber keinen Schrank in der Stube.“ Der heute 81-jährige Ahlener gehörte zu den „Männern der ersten Stunde“ am Standort Ahlen. Gut einen Monat vor dem offiziellen Einzug der ersten Soldaten gehörte der gebürtige Schwabe zum sogenannten Vorkommando.

Romer, Jahrgang 1937, musste schon im Februar 1957 zur Musterung. „Ursprünglich komme ich aus Untersulmetingen, einem Stadtteil von Laupheim im Landkreis Biberach im östlichen Baden-Württemberg, gut 20 Kilometer von Ulm“, erzählt er im „AZ“-Gespräch. Dort habe er eigentlich erst eine Ausbildung beginnen wollen, doch alle Bewerbungen endeten mit dem Hinweis, er solle doch erst einmal seinen Wehrdienst absolvieren. „Da in Süddeutschland noch Besatzungstruppen lagen, war in meiner Nähe kaum eine Kaserne für die neue Bundeswehr frei.“ Als Romer schließlich sein zuständiges Kreiswehrersatzamt anrief, war ihm klar, dass er in weitere Ferne schweifen musste.

Dokumente aus Heinrich Romers Privatarchiv.

Dokumente aus Heinrich Romers Privatarchiv. Foto: privat

„Am 16. Oktober 1957 wurde ich eingezogen“, weiß er. Zunächst ging es nach Wetzlar, zum Panzergrenadierbataillon 15. „Anfang 1959 zeichnete sich ab, dass eine unserer Kompanien zur Neuaufstellung nach Ahlen kommt. Das war alles streng geheim. Schließlich wurde unsere Kompanie, die zweite, ausgelost.“ Zum 6. März wurden Heinrich Romer und seine Kameraden in die Wersestadt abkommandiert – ins Vorkommando unter Führung von Hauptmann Emil Prskawetz , Jahrgang 1922. Neben den Männern aus Wetzlar kam Verstärkung aus Fritzlar, Hemer und Göttingen hinzu.

„Es war ein Freitag, als wir in die Ahlener Kaserne kamen. Nur ein Gebäude war bezugsfertig“, so Romer. Aufgrund seiner guten Vorkenntnisse musste der „Neu-Ahlener“ damals den Rechnungsführerposten übernehmen. „Gegessen wurde in einer Baubaracke an der Hammer Straße, die sonst von den Bauarbeitern genutzt wurde.“ Die Truppenversorgung habe die Firma Immenkamp aus Hamm übernommen.

Langsam spielte sich Routine ein. Romer bekam einen Fahrer, machte täglich seine Besuche bei der Post, holte sich die nötigen Formulare aus Unna – und die Grenadier-Uniform saß wie angegossen. „Ein Höchstmaß termingerechter Arbeit ist noch zu leisten, bevor die Einheiten, aus denen das Vorkommando zusammengestellt ist, einziehen können“, heißt es in einem Pressebericht vom 9. März 1959, in dem auch Heinrich Romer mit seinem Akkordeon aus der Heimat abgebildet ist. Der Redakteur, der ihn nur „Gefreiter aus dem Schwabenländle“ nennt, notierte sich damals seine Pläne für das erste dienstfreie Wochenende in Ahlen. Für das hatte Hauptmann Prskawetz demnach seinen Männern vorgeschlagen, die Stadt und ihre Bevölkerung besser kennenzulernen: „Am Samstag um 14 Uhr bringt Sie ein Fahrzeug nach Ahlen und holt Sie abends wieder ab. Ich lege Wert auf besten Kontakt.“ Heinrich Romer konnte sich, wie der Artikel beschreibt, noch nicht so recht entschließen. Vielleicht bleibe er auch „auf Tauchstation“ und schreibt endlich mal nach Hause, wird er im Bericht zitiert.

Weil der Anfang so schwer war, wurde Heinrich Romer, der nun dem Panzergrenadierbataillon 192 angehörte, als einer der ersten zum Unteroffizierslehrgang geschickt. „Das war eine Auszeichnung“, lacht der 81-Jährige, der 1960 aus der Bundeswehr ausschied und nach kurzer Rückkehr in die Heimat wieder Ahlener wurde, da er hier zuvor seine spätere Ehefrau kennengelernt hatte.

Anfang 1959 zeichnete sich ab, dass eine unserer Kompanien zur Neuaufstellung nach Ahlen kommt.

Heinrich Romer
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