Folge 4: Erste gemeinsame Vereidigung
Für Vereine wird Zeremonie zur Gala

Ahlen -

Mitte Mai 1964 kommen erstmals die Rekruten aller sechs Ausbildungskompanien der Panzergrenadierbrigade 19 zu einer gemeinsamen Vereidigung zusammen. Ort des Geschehens: der Ahlener Lindensportplatz.

Mittwoch, 20.03.2019, 11:50 Uhr
Fackelträger marschieren zum Großen Zapfenstreich auf. 1200 Rekruten aus den Standorten Ahlen und Handorf sind angetreten, während sechs Soldaten stellvertretend für sie zur Fahne schreiten und für die sechs Ausbildungskompanien den soldatischen Eid und das Gelöbnis ablegten.
Fackelträger marschieren zum Großen Zapfenstreich auf. 1200 Rekruten aus den Standorten Ahlen und Handorf sind angetreten, während sechs Soldaten stellvertretend für sie zur Fahne schreiten und für die sechs Ausbildungskompanien den soldatischen Eid und das Gelöbnis ablegten. Foto: Günter Siebel

Das fahle Licht einer dünnen Mondsichel reicht nicht aus, um die fast gespenstisch anmutende Szenerie auf dem Lindensportplatz zu beleuchten. Zwischen den Toren, umgeben von aufgerichteten Feldhaubitzen und Mörsern, haben sich an einem Abend im Mai 1964 sechs Kompanien junger Soldaten aufgebaut.

Der Anlass gehört in die Annalen der „Westfalen-Kaserne“, denn zum ersten Mal werden auf diese Weise die Rekruten aller sechs Ausbildungskompanien der Panzergrenadierbrigade 19 gemeinsam vereidigt – 1200 Männer, die in Ahlen und Handorf stationiert sind.

Rund 2000 Ehrengäste sind Augen- und Ohrenzeugen – Spitzen der Behörden, der Ahlener Schulen, der Kirchen, des Jugendrings, des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), der Arbeitsgemeinschaft der Bundeswehrreservisten sowie Abordnungen der umliegenden Schützengesellschaften. Gerade für die Vereine, schreibt Günter Siebel, Redaktionsleiter der „Ahlener Volkszeitung“, am 15. Mai 1964, wird die Vereidigung zu einer Galavorstellung. „Auf den Rängen stehen mehr Zuschauer, als ein Spiel des Fußball-Lokalfavoriten hinter den Fernsehmattscheiben hervorlocken könnte“, formuliert er im Nachgang.

Schweigen senkt sich mit der Dämmerung über den Lindensportplatz, als Oberst Freiherr von Loringhoven als Kommandeur der Panzergrenadierbrigade 19 mit seinem Stellvertreter, Oberstleutnant Vollmer, vor die Soldaten tritt. „Sie, meine jungen Soldaten, sind heute hier versammelt, um als Wehrpflichtige das feierliche Gelöbnis und als freiwillig Längerdienende den Eid abzulegen“, sagt der Oberst. Eine schwache Lautsprecheranlage trägt seine Worte leise über den Platz. Von den Häusern am Westfalendamm und vom Städtischen Gymnasium schallt es zurück. „Nach den Worten des Gelöbnisses und des Eides verpflichtet sich der Soldat, das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes zu verteidigen. Wir Älteren wissen aus eigener bitterer Erfahrung die Segnungen eines freiheitlichen Rechtsstaates zu schätzen.“

Aus der grauen Formation der Rekruten lösen sich nach dem Kommando von Oberstleutnant Vollmer die Fahnenabordnung und sechs Soldaten, stellvertretend für alle ihrer Kameraden. „ich schwöre“, donnert es über den Sportplatz. Und: „Ich gelobe“, rufen die Wehrpflichtigen. Für den besonderen Moment hat das Bundesverteidigungsministerium den Großen Zapfenstreich genehmigt. Fackelträger marschieren dazu auf und beleuchten die Musiker. Die weißen Handschuhe des Trommlers durchzucken die Nachtstimmung. Günter Siebel notiert dazu: „Das Feierliche jenes Augenblickes ergriff vor allem die Älteren. Die junge Generation, allem Soldatischen gegenüber skeptisch eingestellt, wird kaum um die Bedeutung der Zeremonie gewusst haben, die Oberst von Loringhoven als ,eine der schönsten des deutschen Militärs‘ bezeichnete.“

Was militärische Disziplin vermag, beweist sich beim Abzug der Kompanien. Sie marschieren in geordneten Formationen in ihre Busse, die sie zurück in die Kasernen transportieren. Ganz anders dagegen die Zivilisten: Sie drängen sich ungeordnet durch die schmalen Tore des Sportgeländes, die ersten schon beim „Deutschlandlied“ und beim Kommando „Helm ab zum Gebet“.

Blick über die Friedrich-Ebert-Straße im Jahr 1964: Auf dem anliegenden Lindensportplatz (l.) werden Mitte Mai erstmals die Rekruten aller sechs Ausbildungskompanien der Panzergrenadierbrigade 19 gemeinsam vereidigt.

Blick über die Friedrich-Ebert-Straße im Jahr 1964: Auf dem anliegenden Lindensportplatz (l.) werden Mitte Mai erstmals die Rekruten aller sechs Ausbildungskompanien der Panzergrenadierbrigade 19 gemeinsam vereidigt. Foto: Archiv

Nur einen Monat und zwei Wochen später ist die Bundeswehr der „AV“ erneut einen Aufmacher wert. Zum „Tag der offenen Tür“, der inzwischen alle zwei Jahre ausgerichtet wird, verzeichnen die Statistiker einen neuen Besucherrekord: Kamen im Sommer 1962 rund 18 000 Gäste in die „Westfalen-Kaserne“, sind es jetzt stolze 28 000. Hinzu kommen 150 Ehrengäste, zehn eingesetzte Polizeibeamte, 30 Feldjäger und 100 unterstellte Soldaten zur Park- und Verkehrsregelung rund um die Hammer Straße. 1000 Soldaten sind zur Bewachung und Beratung im Gelände unterwegs. „Am beliebtesten sind Jeep-Rundfahrten und Erbsensuppe“, hält Berichterstatterin Ingrid Kowalsky fest und untermauert das mit einem Bild von einer der überfüllten Kantinen.

Oberst von Loringhoven hält gegenüber der Presse fest: „Wir wollen zeigen, dass wir keine Isolierung wollen, sondern aufs Innigste mit den Städten und Gemeinden zusammenarbeiten, keinen Staat im Staate bilden möchten. Der Bundestagsabgeordnete Heinrich Windelen (CDU) ist ebenso zu Gast – und überzeugt, dass „die Bemühungen der Bundeswehr um Kontakte mit der Bevölkerung erfolgreich gewesen sind“. Das belegten für ihn die steigenden Besucherzahlen bei den Veranstaltungen am Standort Ahlen und anderswo.

Wir Älteren wissen aus eigener bitterer Erfahrung die Segnungen eines freiheitlichen Rechtsstaates zu schätzen.

Oberst Freiherr von Loringhoven
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