Drensteinfurt
Raketentechnik für den Irak

Drensteinfurt - Es begann mit einem Geistesblitz und einer genialen Geschäftsidee - und endete mit einem der größten Wirtschaftsskandale der Nachkriegszeit, der Tausende von Seiten Prozessakten füllte und jahrelang Fahnder und Justiz in Atem hielt...

Donnerstag, 30.07.2009, 05:07 Uhr

Drensteinfurt - Es begann mit einem Geistesblitz und einer genialen Geschäftsidee - und endete mit einem der größten Wirtschaftsskandale der Nachkriegszeit, der Tausende von Seiten Prozessakten füllte und jahrelang Fahnder und Justiz in Atem hielt. Und Auswirkungen bis in die Gegenwart hat. Das 1983 errichtete Gebäude der einstigen Firma „ H+H Metallform“ im Gewerbegebiet Viehfeld steht nach wechselhafter Geschichte nämlich abermals zum Verkauf - zum Preis von 1,25 Millionen Euro.

Die vermeintliche Erfolgsgeschichte der Firma „H+H“ begann im Jahr 1983, als sich ein damals 44-jähriger Diplom-Ingenieur nach 20-jähriger Tätigkeit bei einem namhaften Ahlener Maschinenbaubetrieb selbstständig machte. Ein halbes Jahr später folgte ihm sein späterer Kompagnon - ein 51-Jähriger, der später der kaufmännische Kopf der Firma „H+H Metallform“ wurde. Die geniale Geschäftsidee: Eine Zauberformel zur spanlosen Umformung von Metallen, die in Form einer „vertikalen Drückwalze“ in Produktion ging.

Eine Maschine, die es ermöglichte, zylindrische Körper in größter Präzision zu fertigen, wie sie etwa für die Herstellung von Gasflaschen, Fahrzeugteilen oder Hydraulik-Zylindern notwendig ist. Und für die Fertigung von Raketenteilen.

Millionenschwere Umsätze wurden in den folgenden Jahren erzielt - und zwar hauptsächlich mit dem Irak . Das Interesse des Regimes von Saddam Hussein ging sogar soweit, dass ein irakisches Unternehmen 1987 offiziell 50 Prozent der Firmenanteile der „H+H Metallform“ für damals 2,75 Millionen Mark kaufte. Und hinter vorgehaltenen Händen hält sich bis heute das Gerücht, dass hochdekorierte Angehörige der Saddam-Armee sich seinerzeit persönlich von der Fertigungs-Qualität im Drensteinfurter Betrieb überzeugt haben sollen.

Die Geschäfte liefen gut - bis es 1990 zum „großen Knall“ kam. Nach dem Einmarsch des Iraks in das Emirat Kuwait wurden weltweit die Exportkontrollen für Rüstungsgüter verschärft. Als der Zoll am Frankfurter Flughafen kurze Zeit später eine Lieferung des Drensteinfurter Betriebes mit Bestimmungsort Irak kontrollierte, entdeckten die Zoll-Fahnder Maschinenteile und Lektüre, die auf einen illegalen Rüstungsexport schließen ließen. Der Beginn der Ermittlungen - und des wirtschaftlichen Niedergangs des Drensteinfurter Betriebes.

Besonders „dick“ kam es für die beiden Geschäftsführer, als die UNO-Inspekteure im Irak im Januar 1992 „H+H“-Maschinen entdeckten. Insgesamt sollen aus Drensteinfurt acht Maschinen vom Typ „DV 450“ im Gesamtwert von 27 Millionen Mark in den Irak geliefert worden seien. Sie waren dazu geeignet, Brennkammern sowie Triebwerks- und Ersatzteile für Raketen vom Typ Scud und Katjuscha herzustellen.

Im Februar 1992 wurden die beiden „H+H“-Geschäftsführer sowie ein weiterer leitender Angestellter von der Bielefelder Staatsanwaltschaft verhaftet. Die Geschäftsräume an der Strontianitstraße wurden durchsucht und zahlreiche Unterlagen sichergestellt. Im August 1992 stellte der Betrieb schließlich einen Konkursantrag. 24 Beschäftigte standen danach auf der Straße.

Wie sich während der weiteren Ermittlungen herausstellte, soll die Drensteinfurter Firma nicht nur den Irak mit dem brisanten technischen Equipment versorgt haben. Auf der Kundenliste sollen auch Abnehmer aus Libyen und Indien gestanden haben. Beliefert sein sollen sie über verschlungene Wege und Zwischenstationen in mehreren Ländern.

Für die beiden Geschäftsführer des Drensteinfurter Unternehmens endete das Verfahren im Juni 1994 mit der Urteilsverkündung vor dem Münsteraner Landgericht. Die beiden Hauptverantwortlichen mussten wegen Verstoßes gegen das Außenwirtschaftsgesetz für 34 beziehungsweise 30 Monate in Haft.

Das Gericht sah es als erwiesen, dass die Firma „H+H“ die Kontrollbehörden vorsätzlich getäuscht und illegal Maschinen und Werkzeuge zur Fertigung von Raketenteilen an den Irak und nach Libyen geliefert hat.

Das Kapitel „H+H“ war damit aber noch lange nicht geschlossen. Im August 1997 nahmen Fahnder der italienischen Anti-Terror-Einheit in der Hafenstadt La Spezia sieben Personen fest. Sie wurden beschuldigt, eine Fließdrückmaschine aus der Konkursmasse des Drensteinfurter Betriebes für den Versand nach Libyen vorbereitet zu haben. Ziel soll eine Raketen-Farbrik in der Nähe der libyschen Stadt Benghazi gewesen sein, in der nach Informationen westlicher Geheimdienste Giftgas wie Lost oder Sarin hergestellt werden konnte.

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