Themenabend mit Franz Müntefering
„Sterben ist ein Stück des Lebens“

Drensteinfurt -

Einen besonderen Gast hatte die Hospizgruppe zum Themenabend anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens eingeladen. Der ehemalige SPD-Vorsitzende und Vizekanzler Franz Müntefering baute in seinen Vortrag über das Leben und Sterben auch persönliche Erfahrungen ein.

Donnerstag, 26.04.2018, 05:04 Uhr

Mit seiner authentischen Art, den persönlichen Erinnerungen und seinem fundierten Fachwissen hat Franz Müntefering das Publikum für sich eingenommen.
Mit seiner authentischen Art, den persönlichen Erinnerungen und seinem fundierten Fachwissen hat Franz Müntefering das Publikum für sich eingenommen. Foto: Nicole Evering

Um einem eigentlich ernsten Thema zugleich mit sensiblem Blick, aber auch mit einer humorvollen Note zu begegnen, hatte die Hospizgruppe genau den richtigen Redner eingeladen. Franz Müntefering war anlässlich des Themenabends zum 20-jährigen Bestehen der Drensteinfurter Gruppe ins Alte Pfarrhaus gekommen und sprach vor knapp 100 interessierten Zuhörern über die wichtige Hospiz- und Palliativarbeit.

Auf die Intention der Hospizbewegung, den Themen „Sterben, Tod und Trauer“ verstärkt auch einen Platz im Leben einzuräumen, verwiesen die drei Ansprechpartnerinnen für Drensteinfurt, Sibylle Vornholt , Margarete Naerger und Ulrike Pöhler-Spliethoff, in ihrer Begrüßung. Neben der Öffentlichkeitsarbeit ist die Begleitung Sterbender und ihrer Angehörigen die zentrale Aufgabe der zumeist ehrenamtlichen Helfer. „Wir teilen unsere Zeit, wir stellen uns den existenziellen Fragen“, sagte Sibylle Vornholt.

Den Gast des Abends müsse er eigentlich gar nicht mehr umfassend vorstellen, erklärte Journalist Robert Vornholt, der die Veranstaltung moderierte. Denn der sei bekannt wie ein bunter Hund. Der ehemalige SPD-Chef und Vizekanzler ist heute Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen und verfügt schon deshalb über fundiertes Wissen zur „letzten Phase des Lebens“. Doch auch zahlreiche persönliche Erfahrungen flossen in seinen Vortrag mit ein und machten diesen lebensnah und glaubwürdig.

Eingangs gratulierte Müntefering sowohl der Hospizgruppe Drensteinfurt zum 20-jährigen, als auch der Hospizbewegung im Kreis Warendorf zum 25-jährigen Bestehen. „Werden Sie nicht müde“, lobte er deren engagierten Einsatz für andere.

Der Satz „Früher war alles besser“ treffe nicht auf alle Bereiche des Lebens zu. Das Sterben sei damals nämlich nicht leichter gewesen, ließ Müntefering gleich zu Beginn Erinnerungen an seine Kindheit im sauerländischen Sundern wach werden. „Da hörte man die Schreie aus dem Nachbarhaus, wenn jemand im Sterben lag.“ Dank der Palliativmedizin müsse heute niemand mehr Schmerzen ertragen. Aber: Damals habe man den Tod eben auch hautnah miterlebt. Und heute? „Viele fremdeln mit dem Thema“, so der 78-Jährige. Dabei sei das Sterben ein Stück des Lebens, bei jedem ganz individuell und könne nicht irgendeiner Kategorie zugeordnet werden. Umso wichtiger sei die Arbeit der Hospizbewegung, die so vielen Menschen in dieser letzten Phase schon geholfen habe.

Sogar fast amüsant waren Münteferings Schilderungen über die eigenen Eltern. Sein Vater sei unerwartet in einem Krankenhaus gestorben. Ein Schock. Das habe seine Mutter anders haben wollen. „Ich zog ihr das gute Kleid an. Denn sie wollte sich den päpstlichen Segen im Fernsehen nicht im Bademantel abholen.“ Sie habe gewusst, dass sie bald sterben werde. „Und hat mir noch Wünsche für ihre Beerdigung diktiert – wen ich einladen soll und wen besser nicht. Ich gebe zu, daran habe ich mich nicht so ganz gehalten“, bemerkte Müntefering schmunzelnd.

Er blickte aber auch auf die Kehrseite der Medaille in Bezug auf den medizinischen Fortschritt. „Wir können heute im Grunde fast alles. Auch das Leben immer weiter verlängern. Doch man muss auch Sterben lassen.“ Damit wollte der ehemalige Bundestagsabgeordnete keineswegs eine Lanze für die Sterbehilfe brechen. Im Gegenteil. Die Entscheidung des Bundestages, geschäftsmäßige Suizidbeihilfe unter Strafe zu stellen, habe er begrüßt, ging er auf eine Frage aus dem Publikum ein. Viel wichtiger sei es, Kranke und Verzweifelte besser zu begleiten. Was an allen Ecken und Enden fehle, sei Zeit. „Insbesondere die hauptamtliche Arbeit muss stabilisiert, der Pflegeberuf besser gestellt werden.“ Die vom neuen Gesundheitsminister Jens Spahn ins Spiel gebrachten zusätzlichen Stellen seien da nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Eine Bezahlung nach Tarif sei wünschenswert. Zudem warf Müntefering die Frage auf, ob es nicht ein Gesetz brauche, das die Pflegeheimkosten ähnlich wie bei den Kindertagesstätten regele: „Dürfen wir die Pflege in privater Hand lassen, oder muss der Staat eingreifen?“.

Auch innerhalb der Familien hätten sich die Rahmenbedingungen geändert. „Früher haben drei, vier Generationen unter einem Dach gelebt. Das ist heute oft anders.“ Umso wichtiger seien andere soziale Kontakte. „Allein zu sein, ist manchmal gut. Aber einsam zu sein, das ist fürchterlich“, mahnte Müntefering an, mehr aufeinander Acht zu geben und den älteren Mitmenschen Angebote zu machen, bei denen sie gemeinsam aktiv sein können.

Die Zuhörer forderte der Referent abschließend auf, es ihm gleichzutun und die „drei L‘s“ zu beachten: Laufen, Lernen, Lachen. „Denn auch ich will nicht früher als nötig abtreten.“ 

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