Charlotte Kramer berichtet über ihren Afrika-Einsatz
Geschneidert wird im Wohnzimmer

Drensteinfurt -

Hinter Charlotte Kramer liegen vier arbeits- und erlebnisreiche Wochen in Afrika. Im Rahmen eines Hilfsprojekts war die 20-jährige Drensteinfurter Mode-Studentin nach Ghana gereist, um einer jungen Gehörlosen einige Tipps und Kniffe im Schneiderhandwerk beizubringen.

Freitag, 31.08.2018, 06:00 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 31.08.2018, 06:00 Uhr
Nach einer gewissen Eingewöhnungsphase stimmte die „Chemie“ zwischen der 20-Jährigen Charlotte Kramer und der Gehörlosen Jenny. Vier Wochen lang half die Drensteinfurterin in der kleinen Schneiderwerkstatt in Ghana. Zwischendurch hatte sie aber noch Gelegenheit, Elefanten in freier Wildbahn zu beobachten.
Nach einer gewissen Eingewöhnungsphase stimmte die „Chemie“ zwischen der 20-Jährigen Charlotte Kramer und der Gehörlosen Jenny. Vier Wochen lang half die Drensteinfurterin in der kleinen Schneiderwerkstatt in Ghana. Zwischendurch hatte sie aber noch Gelegenheit, Elefanten in freier Wildbahn zu beobachten.

„Es war einfach ein tolles Erlebnis.“ Für ihr persönliches Fazit braucht Charlotte Kramer nur wenige Worte. Was aber nicht bedeutet, dass sie nichts zu erzählen hat. Im Gegenteil: „Ich habe viel daraus gelernt – für mich selbst“, berichtet die 20-jährige Drensteinfurterin, die ihre Sommerferien für ein nicht alltägliches Hilfsprojekt genutzt hat. Vier Wochen lang hat die Modeschülerin in einem kleinen Dorf in der Volta-Region des afrikanischen Landes Ghana verbracht, um einer jungen, gehörlosen Frau in deren kleiner Schneiderei zu helfen ( WN berichteten). Mit vielen Eindrücken ist Charlotte Kramer nun in ihre Heimat zurückgekehrt.

Das „Abenteuer Afrika“ begann für die Schülerin der Modeschule Münster bereits unmittelbar nach der Ankunft am internationalen Flughafen der Hauptstadt Accra. „Man merkte es gleich an der besonderen Luft, als sich die Flugzeugtür öffnete“, erzählt Kramer. Nach einer ersten Übernachtung in einem bescheidenen, aber dennoch vergleichsweise luxuriösen Hotelzimmer ging es am nächsten Tag weiter in die Gastfamilie, wo erst einmal „Ankommen“ angesagt war. „Eine kleine Wohnung, keine Rückzugsmöglichkeiten, keine Privatsphäre. Anfangs habe ich gedacht: ,Oh, Gott‘. Aber schon nach ein paar Tagen war alles easy“, erzählt Kramer. „Denn als ich den Rest des Dorfes gesehen hatte, wusste ich: Das hier ist totaler Luxus. Ein Steinhaus mit festem Dach. Man gewöhnt sich schnell an wenig.“

Das vermeintliche „Luxus-Haus“ gehört zu einem kleinen Klinik-Komplex, in dem Charlottes Gastmutter als Hebamme arbeitet. Unterstützt wird die Einrichtung von dem deutschen Verein „Meeting Bismarck – Gododo Ghana“, der es sich zum Ziel gesetzt hat, den Menschen in der Volta-Region nachhaltig zu helfen. Und das in erster Linie in der Geburtshilfe. Dass dabei nun auch eine deutsche Modeschülerin gefragt war, hat mit der Hebammen-Tochter Jenny zu tun. Sie nämlich ist gehörlos und verdient ihr Geld dank einiger selbst angeeigneter Kenntnisse mit der Schneiderei. Nicht etwa von Hosen oder Kleidern, sondern von bunten Beuteln und Taschen, die der Hilfsverein in Deutschland als praktisches und schon ein wenig außergewöhnliches Zubehör für Handys, Tablets oder Laptops vermarktet. Worauf es bei der Herstellung von internationalen Qualitätswaren ankommt – und was sich an den einzelnen Produkten vielleicht noch verbessern lässt –, das sollte die angehende Mode-Managerin Charlotte Kramer der 22-jährigen Gehörlosen einen Monat lang näherbringen.

Eine besondere Herausforderung, wie die Drensteinfurterin schnell erfuhr. Und das nicht nur wegen der familiären Verhältnisse – Jenny hat noch eine weitere behinderte Schwester, die ebenfalls im Sechs-Personenhaushalt auf engstem Raum lebt. Auch die Tatsache, dass ihre „Schülerin“ gehörlos ist, war nicht die eigentliche Hürde. „Die Zeichensprache war nicht immer das Problem, sondern das Zwischenmenschliche. Es war nicht einfach, an sie heranzukommen“, erzählt Kramer. „Manchmal fehlte ihr auch die nötige Motivation, und sie nähte relativ wenig am Tag. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie nicht so richtig Lust hat, etwas Neues zu lernen. Das hat mich gerade am Anfang sehr deprimiert.“

Aber das sollte glücklicherweise nicht von langer Dauer sein, tat Charlottes Gastmutter doch nicht nur alles, damit es dem Gast aus Deutschland während des Besuches gut geht, sondern auch dafür, dass die „Chemie“ zwischen allen Beteiligten stimmt. „Manchmal habe ich mich schlecht gefühlt, da sie letztendlich für mich immer Luxussachen wie Hühnchen und Pasta gekocht hat, während die Familie am Abend selbst geernteten Mais gegessen und sich zu fünft einen Fisch geteilt hat“, so die Drensteinfurterin.

Als das anfängliche „Eis“ schließlich „gebrochen“ war, ging es auch zwischen Jenny und Charlotte zwischenmenschlich voran. Die Drensteinfurterin zeigte ihrer afrikanischen Gastschwester ihre Ideen für Computer-Taschen und Co. Und die wurden dann gemeinsam in die Tat umgesetzt – wenn es denn Elektrizität für die beiden Nähmaschinen gab, die im tagsüber zur Werkstatt umfunktionierten einzigen Wohnraum der Familie als Hauptwerkzeuge dienten. „Einmal war der Strom für vier Stunden weg. Da haben wir halt nur noch Schnitte erstellt“, schmunzelt Kramer.

Familiär fühlte sich die Drensteinfurterin mittlerweile immer besser integriert. Mit Jennys Schwester Germima, die an Trisomie 21 – auch bekannt als Down-Syndrom – leidet, malte sie gemeinsam Bilder.

Und mit ihrem „Gastbruder“ startete sie schließlich noch zu einem besonderen Ausflug. Nach fünfstündiger Fahrt in Richtung Accra, einer Zwischenübernachtung und weiteren 13 Stunden im Bus ging es gemeinsam in den Mole-Nationalpark, wo nicht nur die Drensteinfurterin zum ersten Mal Elefanten aus nächster Nähe in freier Wildbahn erlebte. Auch für ihren Gastbruder war es der erste Ausflug dieser Art. „Ich hatte ihn eingeladen“, erzählt Charlotte Kramer. Denn selbst könne sich die Familie derartige Reisen nicht leisten.

„Am Ende war die Zeit superschnell vergangen“, sagt die 20-Jährige, auf die nun weitere spannende – und arbeitsintensive – Wochen warten. Denn im Zuge ihrer weiteren Ausbildung wird sie im Dezember zunächst ihre Gesellenprüfung als Maßschneiderin ablegen. Und dann wartet im Januar der nächste „Cat Walk“. Dazwischen wird sie ihren Mitstudierenden aber natürlich noch ausführlich über ihre besonderen „Sommerferien“ berichten müssen . . .

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