80 Jahre Reichspogromnacht
Nackt über die Straße getrieben

Drensteinfurt -

Die „Reichspogromnacht“ jährt sich am heutigen Freitag zum 80. Mal. Auch in Drensteinfurt bekam die einstige jüdische Gemeinschaft in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 offen den Hass des NS-Regimes zu spüren.

Freitag, 09.11.2018, 00:00 Uhr
Veröffentlicht: Donnerstag, 08.11.2018, 23:54 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 09.11.2018, 00:00 Uhr
Heute erinnern nur noch die „Stolpersteine“ an die einstigen jüdischen Familien, deren religiöses Zentrum die kleine Synagoge (li.) war. Das Gotteshaus wurde in der Pogromnacht vor 80 Jahren ebenso verwüstet wie die Häuser der Familie Terhoch.
Heute erinnern nur noch die „Stolpersteine“ an die einstigen jüdischen Familien, deren religiöses Zentrum die kleine Synagoge (li.) war. Das Gotteshaus wurde in der Pogromnacht vor 80 Jahren ebenso verwüstet wie die Häuser der Familie Terhoch. Foto: Dietmar Jeschke

Verwüstete Synagogen, brennende Bücher und Zehntausende misshandelte, erniedrigte und drangsalierte Menschen: Die „Reichspogromnacht“ jährt sich am heutigen Freitag zum 80. Mal. Auch in Drensteinfurt, wo die einstige jüdische Gemeinschaft in der Nacht vom 9. auf den 10. November offen den Hass des NS-Regimes und seiner Anhänger zu spüren bekommen hat.

„Bei den Tätern handelte es sich überwiegend um SS-Leute aus Werne“, berichtet die Historikerin Dr. Sabine Omland in ihrem Buch „Zur Geschichte der Juden in Drensteinfurt“. Wie den Berichten einiger Augenzeugen zu entnehmen sei, seien es mindestens 20 Männer gewesen sein, die zunächst an einer Gedenkfeier zum Hitlerputsch in Ahlen teilgenommen hatten, bevor sie in Werne und schließlich auch in Drensteinfurt zu den Häusern der jüdischen Familien zogen. Ein Ziel: das Haus Terhoch unweit der einstigen Gaststätte Bultmann, in das die SA- und SS-Leute gewaltsam eindrangen. „Das Poltern, Schreien und Krachen, das dann aus dem Hause zu hören war, weckte die Nachbarn“, schildert Sabine Omland. „Siegfried Terhoch und sein Söhne Hans und Ernst wurden schwer misshandelt. Die Söhne wurden mit eisernen Brechstangen geschlagen. Darüber hinaus wurden sie und ihre Schwester Hildegard dadurch gedemütigt, dass man sie nackt über die Straße trieb“, so Omland.

Auch die Familien Hubert und Simon Terhoch wurden in besagter Nacht überfallen und schwer misshandelt. Wie der damals 15-jährige Sohn Werner Terhoch später schilderte, wurde die Familie gegen 3 Uhr in der Früh aus dem Schlaf gerissen. „Bevor es meinem Vater gelang, herunterzugehen, wurde bereits die Haustür aufgebrochen, und die Nazis waren im Schlafzimmer“, so Werner Terhoch. Sein Vater habe den Eindringlingen schließlich seine Auszeichnung als Frontsoldat des Ersten Weltkriegs gezeigt und sie gebeten, die Familie zu verschonen. Vergeblich. „Da fügte man ihm mit einem Gummiknüppel eine schwere Kopfverletzung zu“, berichtete Werner Terhoch. „Auch meiner Mutter wurde die Hand zerschlagen.“ Als der Familie schließlich die Flucht gelang, verwüsteten die Mitglieder von SA und SS das Haus. „Nichts wurde respektiert, nicht einmal die Werke von Schiller und Goethe in unserer Bibliothek. Alles wurde zum Trümmerhaufen, und dazwischen flogen die Daunen und Federn all der mit Zerstörungswut zerschnittenen Federbetten durch die Luft“, heißt es im Bericht des damals 15-Jährigen Opfers weiter.

Wie Sabine Omland weiter beschreibt, gipfelte die Pogromnacht schließlich darin, dass man die Familien Terhoch in die Synagoge trieb. Dort, so Omland, inszenierten die SA- und SS-Leute „das blasphemische Schauspiel eines Synagogengottesdienstes“, bevor sie das Innere des Gotteshauses verwüsteten. „Als ein Anwohner des Kirchplatzes aus dem Fenster schaute, um festzustellen, wer die Ruhestörer waren, rief ihm einer er Männer zu: ,Sind Sie auch so´n Judenschwein? Dann holen wir sie runter!‘“, schildert Sabine Omland. „Offenbar hat keiner der so eingeschüchterten Nachbarn versucht, gegen die SS- und SA-Leute vorzugehen.“ Hilfe fanden die geschundenen Familien erst später im damaligen Marienhospital, wo man ihre teils schweren Verletzungen behandelte.

Die jüdischen Familien, die damals am Südwall und an der Hammer Straße lebten, entkamen den Ausschreitungen der Pogromnacht. „Weil in unserem Haus noch zwei deutsche Familien gewohnt haben“, mutmaßte die spätere Holocaust-Überlebende Hertha Herschcowitsch.

Die Schäden an den übrigen Häusern kamen erst am kommenden Tag in Gänze ans Licht: zerschlagene Möbel, aufgeschlitzte Polster, zerbrochenes Porzellan und zerbrochene Einmachgläser. Und damit sich auch die jüngsten Einwohner ein detailliertes Bild vom „Volkszorn“ machen konnten, hatten die Kinder – so schildert es Sabine Omland – am 10. November eigens schulfrei. „Nach einer Zeitzeugenaussage sollen am nächsten Tag die hebräischen Gebetbücher von SA-Leuten auf dem Platz vor der ehemaligen Schmiede Schmand verbrannt worden sein“, schildert die Historikerin, die zudem davon ausgeht, dass SA und SS gezielt ortsfremde Mitglieder mit den Verwüstungen und Gewalttaten beauftragt hatten, da sie später von den misshandelten Juden schlichtweg nicht zu identifizieren waren. „Außerdem hatten die auswärtigen SA- und SS-Leute sicher weniger Skrupel, gegen ihnen unbekannten Menschen vorzugehen“, mutmaßt Omland. „Sie brauchten keine Rücksicht auf eventuell bestehende Beziehungen zu ihren Opfern oder zu deren nichtjüdischen Freunden oder Nachbarn nehmen.“

Auf Widerstand aus der Bevölkerung waren die Schlägertrupps übrigens nicht gestoßen. „Das lag sicher zum einen an den äußeren Umständen und dem überfallartigen Vorgehen zu nächtlicher Stunde. Vor allem aber wirkte das brutale Vorgehen der mit Knüppeln und Eisenstangen bewaffneten Männer derart einschüchternd und bedrohlich (...), dass auch befreundete und hilfsbereite Nachbarn es nicht wagten, den Juden zu Hilfe zu kommen“, schreibt Omland.

Unterstützung hatte es dagegen auf anderer Seite gegeben, denn ohne ortskundige Hilfe hätten die auswärtigen Schlägertrupps wohl kaum mitten in der Nacht zielstrebig die Häuser der jüdischen Bewohner gefunden.

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