Gesprächsabend zum Missbrauchsskandal
Kirche in der Verantwortung

Drensteinfurt -

Zu einem Gesprächsabend zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche hatte die Pfarrgemeinde eingeladen. Neben Weihbischof Dr. Stefan Zekorn war auch der stellvertretende Generalvikar Dr. Jochen Reidegeld zu Gast, der sich für ein neues Verhältnis der Kirche zur Sexualität stark machte.

Mittwoch, 13.02.2019, 18:00 Uhr aktualisiert: 13.02.2019, 22:03 Uhr
Der stellvertretende Generalvikar Dr. Jochen Reidegeld, Ann-Kathrin Kahle, Präventionsbeauftragte des Bistums, und Weihbischof Dr. Stefan Zekorn (v.li.) stellten sich bei dem Gesprächsabend den teils kritischen Fragen des Publikums.
Der stellvertretende Generalvikar Dr. Jochen Reidegeld, Ann-Kathrin Kahle, Präventionsbeauftragte des Bistums, und Weihbischof Dr. Stefan Zekorn (v.li.) stellten sich bei dem Gesprächsabend den teils kritischen Fragen des Publikums. Foto: Nicole Evering

Verunsicherung, Misstrauen, Wut, Enttäuschung: Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche , der in Deutschland seit 2010 nach und nach ans Licht gekommen ist, hat viele Menschen erschüttert. Das Ausmaß wird durch die jüngst erschienene MHG-Studie belegt, die von mehr als 3500 Übergriffen durch rund 1700 Beschuldigte zwischen 1946 und 2014 ausgeht.

Für eine lückenlose Aufklärung, eine neue Diskussionskultur und den Versuch, mit den Menschen in Dialog zu treten, stehen im Bistum Münster auch Weihbischof Dr. Stefan Zekorn und der stellvertretende Generalvikar Dr. Jochen Reidegeld. Sie waren zusammen mit der Präventionsbeauftragten Ann-Kathrin Kahle der Einladung des Pfarreirates gefolgt und bezogen Stellung zu diesem Thema, „das uns alle belastet“.

So hatte Hermann Schulte-Huxel die etwa 80 interessierten Zuhörer im Pfarrsaal begrüßt. Die Vorfälle hätten die Kirche in eine existenzielle Krise gestürzt, so der Vorsitzende des Pfarreirates. Sein Dank galt den drei Bistumsvertretern, für die dies sicherlich kein angenehmer Termin sei. In gewisser Hinsicht schon, erwiderte der Weihbischof, denn durch die Beschäftigung damit könne man den Betroffenen eine Form von Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Vertuschen und versetzen

Ihr Leid sei unvorstellbar, und mit den Tätern sei falsch umgegangen worden, so dass weitere Übergriffe erst möglich wurden. „Ich verstehe es einfach nicht. Da könnte ich mir die Haare raufen“, kommentierte er die Kultur des Vertuschens und Versetzens von auffällig gewordenen Priestern in andere Gemeinden. „Das ist die Pervertierung der christlichen Botschaft in ihr genaues Gegenteil.“ Man stehe nun in der Verantwortung: den Betroffenen Hilfe zu leisten, das Geschehene aufzuklären und solche Taten in Zukunft möglichst zu verhindern.

Jeder Fall werde, so der Weihbischof, der Staatsanwaltschaft übergeben. Und auch wenn keine juristisch strafbare Handlung vorliege, habe das Bistum mit einem Untersuchungsrichter eine weitere Instanz eingeführt, die gegebenenfalls ein kirchliches Verfahren einleitet. „Ich persönlich brauche das Kirchenrecht nicht. Aber es ist gut, dass wir es haben. Denn so können wir noch mehr tun als rechtlich möglich ist.“ Leider habe man davon vor 20, 30 Jahren keinen Gebrauch gemacht.

Unkontrollierte Machtstellung

Als Ursache für die Vielzahl der Übergriffe werde in der Studie unter anderem die unkontrollierte Machtstellung des Klerus‘ genannt. Auch eine Streitkultur habe es innerhalb der kirchlichen Strukturen nicht gegeben, so Dr. Jochen Reidegeld. Stattdessen das Bestreben, das Problem klein und den Ruf der Kirche sauber zu halten. „Die Täter haben sich ihre Unantastbarkeit als Priester zunutze gemacht. Sie konnten sich darauf verlassen, dass niemand dem Kind glaubt und Eltern sich nicht trauen, einen Priester zu beschuldigen.“ Deshalb sei heute besonders wichtig: „Wir müssen den Betroffenen zeigen, dass wir ihnen glauben.“

Es entwickelte sich eine rege, teils kontroverse Diskussion mit dem Publikum. Kritik zielte beispielsweise auf die Rolle des Zölibats und die untergeordnete Stellung der Frau in der Kirche als mögliche Ursachen für die sexualisierte Gewalt ab. Doch lediglich die verordnete Enthaltsamkeit oder auch die Tabuisierung von Homosexualität für die Vorfälle verantwortlich zu machen, sei, so Ann-Kathrin Kahle, zu einfach gedacht. Das sei auch aus der MHG-Studie so nicht abzuleiten. Zekorn meinte ebenfalls, dass die Gleichung, den Zölibat abzuschaffen und damit jegliche sexualisierte Gewalt zu verhindern, nicht aufgehe.

Grundvertrauen zerstört

Mit 50, 60 Betroffenen habe Reidegeld in den vergangenen Jahren gesprochen. Durch das, was ihnen angetan worden sei, sei ihr Grundvertrauen in andere Menschen zerstört worden. Auch er selbst habe sich zeitweise ein Stück weit von der Kirche entfremdet und sich gefragt: „Wo arbeitest du da eigentlich?“.

Umso mehr setzt sich Reidegeld für eine grundsätzliche Haltungsänderung ein. „Die kirchliche Vorstellung von Sexualität ist von der Wirklichkeit der Jugend so weit entfernt wie der Mars“, berichtete er von Gesprächen mit seinen Nichten und Neffen. „Sie nehmen uns in diesem Bereich gar nicht als kompetente Gesprächspartner wahr.“ Die Kirche müsse ihr Verhältnis zur Sexualität hinterfragen – auch, ob die Unterdrückung von Homosexualität Täterstrukturen vielleicht begünstigt habe. Und: Es müsse bessere Korrekturmechanismen geben. „Unser System hat sich als so fehlerhaft erwiesen. Ich hoffe nun auf eine offenere Diskussionskultur“, so Reidegeld.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6388690?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F127%2F
Früh wie selten: Kraniche kehren zurück
Tausende Kraniche sind bereits seit Anfang Februar über Münster hinweggezogen.
Nachrichten-Ticker