Serie „Leben und Arbeiten im Stift“
Die Ich-Wichtigkeit stärken

Drensteinfurt -

Gerade Menschen mit einer Demenzerkrankung brauchen spezielle Betreuung und eine besondere Ansprache. Dies wird im Malteserstift St. Marien seit einiger Zeit konsequent umgesetzt. Denn seit Ende 2018 ist das Haus nach Professor Erwin Böhm zertifiziert.

Samstag, 19.10.2019, 06:00 Uhr
Wohnbereichsleiterin Daniela Kröger (li.) und Pflegedienstleitung Agnes Junker in der eigenen Kneipe: Auch sonst sind die Räume mit viel Mobiliar aus vergangenen Zeiten eingerichtet.
Wohnbereichsleiterin Daniela Kröger (li.) und Pflegedienstleitung Agnes Junker in der eigenen Kneipe: Auch sonst sind die Räume mit viel Mobiliar aus vergangenen Zeiten eingerichtet. Foto: Nicole Evering

Herr Müller hat nachts Angst im Bett. Lieber schläft er im Sessel, vollständig angezogen. Dann könnte er, falls es einen Bombenalarm geben sollte, am schnellsten in den Keller flüchten. Frau Meier lässt sich nur waschen, wenn die Pfleger das Wort „Brause“ statt „Dusche“ benutzen. Denn das kennt sie noch von früher. Und Frau Schulze wird am liebsten mit ihrem Vornamen angesprochen – obwohl sonst alle Bewohner im Haus gesiezt werden.

Den Menschen ganz individuell betrachten, seine Biografie beleuchten und daraus die persönliche Ansprache und Behandlung ableiten: Das hat sich das Malteserstift St. Marien auf die Fahnen geschrieben, als es sich vor drei Jahren auf den Weg gemacht hat, das Psychobiografische Pflegemodell nach Professor Erwin Böhm umzusetzen. Die Zertifizierung erfolgte 2018. Der Weg dorthin war insbesondere für die mehr als 20 in diesem Bereich tätigen Mitarbeiter – in Pflege, Küche, Nachtwache oder Reinigung – mit einigem Umdenken verbunden. „Gerade für die, die es zuvor viele Jahre anders gekannt und gemacht haben“, weiß Pflegedienstleitung Agnes Junker .

Nicht nur, aber gerade bei Menschen mit einer Demenz-Erkrankung sei es wichtig, das, was noch an Fertigkeiten vorhanden sei, einzufordern, sagt Wohnbereichsleiterin Daniela Kröger. Und ihnen so zu vermitteln, dass sie noch etwas leisten können und nicht immer nur auf Hilfe angewiesen sind. „Es ist entscheidend, die Ich-Wichtigkeit zu stärken“, ergänzt Junker. Deshalb wird das Essen in den Wohnbereichen, die speziell für Demenzkranke ausgelegt sind, auch auf Platten oder in Schüsseln serviert. „Wie zu Hause: Jeder nimmt sich und reicht das Essen dann weiter“, erklärt Junker den Unterschied zu den anderen Bereichen, in denen die Senioren lieber den „Hotel-Charakter“ genießen und sich gerne bedienen lassen.

Die Feinmotorik schulen

Beim Falten der Wäsche wird nicht nur die Feinmotorik geschult. „Dann kommen die Bewohner manchmal richtig ins Erzählen“, sagt Kröger schmunzelnd: wie jemand das von seiner Mutter gelernt habe und dass es mit diesem oder jenem Handgriff doch viel besser gehe. So viel Normalität wie möglich in den Alltag der Bewohner zu bringen, das ist das Ziel des speziellen Pflegekonzeptes nach Böhm.

„Vor den Beinen muss die Seele bewegt werden“: Dieser Satz geht auf den österreichischen Pflegewissenschaftler zurück. Heißt: Werden die Demenzkranken mit Erinnerungen konfrontiert, mit Bekanntem aus ihrer Kindheit, mit Liedern, Gedichten oder Bildern, dann gelingt die Ansprache, die Kommunikation viel einfacher. „Wir hatten während der Fortbildung richtigen Geschichtsunterricht“, sagen Junker und Kröger lachend. Was in den 1930-er Jahren etwa in Polen Thema war – von dort stammen viele der Bewohner im Stift –, das wissen nun auch die Mitarbeiter. „Und darüber kommt man dann ins Gespräch“, erklärt Daniela Kröger, die seit 2015 im Haus tätig ist.

Eine eigene „kleine Kneipe“

Sowohl die privaten Zimmer als auch die Gemeinschaftsräume sind dementsprechend gestaltet. An dem Sekretär mit der schon fast antiken Schreibmaschine erledigt Herr Schmidt gewissenhaft seine „Arbeit“. Und wenn der Schallplattenspieler angeworfen wird – der nur „alt“ aussieht, in Wirklichkeit aber sogar einen USB-Anschluss hat –, dann lassen die Bewohner längst vergangene Zeiten wieder aufleben. Die Wände sind mit Drucken historischer Fotos aus Drensteinfurt geschmückt. So sah es dort früher mal aus, das hat der eine oder andere noch selbst erlebt. Und wo trifft man sich auf ein – alkoholfreies – Bier mit Freunden, um zu klönen, zu knobeln oder Karten zu kloppen? Richtig, in der „kleinen Kneipe“. Sogar die wurde eigens eingerichtet. „Die Theke haben unsere Mitarbeiter selbst gebaut“, sind Junker und Kröger schon ein wenig stolz. Die Öffnungszeiten der Kneipe kennt fast jeder Bewohner aus dem Effeff.

Noch einmal zurück zu Herrn Müller, der lieber im Sessel schläft. Dieses Beispiel zeigt gut, welches Wissen beim Personal vorhanden sein muss, um den individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden. Niederschriften und Übergaben sind dabei unerlässlich. Zudem muss ständig überprüft werden, ob das, was gestern für den Menschen noch gut und richtig war, auch heute noch gilt. „Wenn ich diesen Bewohner ins Bett zwingen würde, bräuchte ich mehr Medikamente, um ihn ruhig zu stellen, und würde nachts wahrscheinlich trotzdem mehrfach nach ihm sehen müssen“, beschreibt Daniela Kröger anschaulich, dass das spezielle Konzept positive Auswirkungen nicht nur auf die Bewohner, sondern auch auf die Mitarbeiter hat. Nachweislich, so betont Agnes Junker, sei der Psychopharmaka-Einsatz seit Einführung des Böhmschen Modells im Haus gesunken.

Das Pflegemodell nach Böhm

Professor Erwin Böhm, geboren am 16. Mai 1940 in Wien, ist Begründer des Psychobiografischen Pflegemodells. Dieses fördert ein vertieftes Pflegeverständnis durch die intensive Auseinandersetzung mit der Gefühlsbiografie der Betroffenen. Statt der damals üblichen „Warm-Satt-Sauber-Pflege“ entwarf Böhm in den 1960-er Jahren ein Reaktivierungsmodell, in dem Patienten oder Bewohner wieder selbst die Tätigkeiten des Alltags verrichten sollten. Oberstes Ziel der Böhmschen Pflegephilosophie ist die psychische Wiederbelebung des alten Menschen, die maximale Förderung seiner noch vorhandenen Ressourcen und die Anerkennung seiner psychobiografisch gewachsenen Identität. 2005 wurde das Europäische Netzwerk für psychobiografische Pflegeforschung (ENPP) in Bochum gegründet, nach dessen Vorgaben auch das Drensteinfurter Malteserstift St. Marien seit 2018 zertifiziert ist. Gefordert wird, dass mindestens 80 Prozent des Personals im betroffenen Wohnbereich den ENPP-Grundkursus absolviert haben. Dieser umfasst 24 Theorie- und 100 Praxisstunden, ein Projekt sowie eine schriftliche Prüfung. Eine Re-Zertifizierung ist alle zwei Jahre nötig.

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