Fracking: Bürgerinitiative feiert Erfolg – und macht weiter
„Langer Atem hat sich gelohnt“

Drensteinfurt -

Mit dem Erlöschen der sogenannten Aufsuchungserlaubnis ist das Thema „Fracking“ bis auf Weiteres vom Tisch. Die Aktiven der vor gut einem Jahrzehnt gegründeten „Bürgerinitiative gegen Gasbohren“ machen dennoch weiter – mit neuen Zielsetzungen.

Dienstag, 14.04.2020, 19:57 Uhr aktualisiert: 15.04.2020, 13:00 Uhr
„Nein zum Fracking“: Kaum ein politisches Thema hat in den vergangenen Jahren so viele Menschen in der Stadt mobilisiert. Fotos: BIGG
„Nein zum Fracking“: Kaum ein politisches Thema hat in den vergangenen Jahren so viele Menschen in der Stadt mobilisiert. Fotos: BIGG Foto: BIGG

Es war nur eine kurze Meldung, die kurz vor dem Osterfest trotz Corona-Krise eine wahrhaft „frohe Botschaft“ für zahlreiche Menschen in der Stadt gewesen sein dürfte: Die Bezirksregierung in Arnsberg hat der Stadtverwaltung mitgeteilt, dass die „Erlaubnis zur Aufsuchung von Bodenschätzen zu gewerblichen Zwecken für das Feld ,Nordrhein-Westfalen Nord““ abgelaufen ist. Das Thema „Fracking in Drensteinfurt“ ist damit – vorerst – vom Tisch.

Ein Erfolg für die örtliche Politik, die sich mit seltener Einmütigkeit gegen die umstrittene, weil als höchst umweltgefährdende Technik zur Gasgewinnung zur Wehr gesetzt hatte. Die Protestwelle ins Rollen gebracht hatten allerdings andere: Die Bürger, die sich bereits kurz nach dem Bekanntwerden der Fracking-Pläne von „Exxon Mobil“ zur „Bürgerinitiative gegen Gasbohren“ – kurz „BIGG“ – zusammengeschlossen hatten. Unsere Zeitung wollte wissen, was die aktuelle Entwicklung für sie bedeutet und wie es nun, gut zehn Jahre nach ihrer Gründung, mit der Initiative weitergeht.

Anzupacken gibt es viel.

Dieter Brinkmann und Dieter Fetting

„Unser Fazit nach der Meldung der Bezirksregierung Arnsberg: Die Gefahr des Frackings ist in NRW kleiner geworden, aber nicht wirklich vorüber. Und anzupacken gibt es viel“, teilen Dieter Brinkmann und Dieter Fetting von der Bürgerinitiative mit. „Wir haben als BIGG schon seit 2018 unsere Aktivitäten nicht mehr in erster Linie gegen etwas konzentriert, sondern aktiv für etwas. Wir haben Ideen und sind inzwischen in Gesprächen mit unterschiedlichen lokalen Akteuren, um Perspektiven und vielleicht auch Tatkräftiges beizutragen auf dem Weg zu einer lokalen Energiewende. Die von der BIGG im Jahr 2019 organisierte Fahrt nach Saerbeck, der ,Klimakommune NRW‘, war hierzu ein hilfreicher Anstoß in die neue Richtung.“

Wie Brinkmann und Fetting einräumen, bestehe mit dem Wegfall der Aufsuchungserlaubnis nun zwar kein unmittelbarer weiterer Handlungsbedarf im Kampf gegen Fracking. Aber: „Es gibt gewichtige Gründe, die BIGG nicht aufzulösen, die nach wie vor als Verein eingetragen ist. Das wurde schon während der Mitgliederversammlung Ende 2018 diskutiert und festgestellt. Eine große Mehrheit sprach sich gegen eine Auflösung aus“, so Brinkmann und Fetting in ihrer Stellungnahme.

Anderswo wird weiter gefrackt

Eine Rechtfertigung für den Fortbestand sei die Tatsache, dass nicht ausgeschlossen werden könne, dass nicht andere Firmen kommen, um sich neuerlich ein Feld sichern, um dort nach Erdgas zu bohren. Dass die Gefahr real sei, zeige die Situation in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, wo nach wie vor gefrackt werde. In den Niederlanden dagegen habe man die Gasförderung nach mehreren Erdbeben inzwischen zurückgefahren.

„Das Bedürfnis nach Energie wird wieder steigen – nach der Delle durch die Corona-Pandemie. Durch das Abschalten von Atom- und Kohlekraftwerken sowie dem faktischen Zusammenbruch der weiteren Entwicklung der ,Energiewende‘ durch regenerative Energiequellen wie Wind und Sonne sieht man das Erdgas als ,Brückentechnologie‘, obwohl auch das eindeutig zu den fossilen und dadurch nicht nachhaltigen Energiequellen zu zählen ist“, betonen Brinkmann und Fetting. „Darüber hinaus: An der deutschen Nordseeküste wird nach einem Standort für einen Terminal gesucht, um amerikanisches Gas anzulanden. Gas, von dem man annehmen muss, dass es durch Fracking gewonnen wurde. Das Bundesland Schleswig-Holstein investiert dafür 50 Millionen Euro.“

Bergrechtsänderung lässt auf sich warten

Wie die beiden BIGG-Sprecher weiter erläutern, habe eine Änderung des Bergrechtes zur Verhinderung der umstrittenen Fracking-Technik bisher nicht stattgefunden. Bemühungen um eine entsprechende Gesetzesänderung im Bundestag – etwa durch die Grünen – seien bislang mehrheitlich abgelehnt worden.

„Auf diese Entwicklungen können wir als BIGG allerdings kaum Einfluss nehmen. Wir können aber weiterhin sachlich informieren. Die Importterminals in Niedersachsen und Schleswig-Holstein etwa könnten nur von der dortigen Bevölkerung beeinflusst werden. Und das Bundesberggesetz kann nur mit einer Bundestagsmehrheit geändert werden“, so Fetting und Brinkmann. Und was den vielfach diskutierten Klimanwandel betreffen, so sei festzustellen, dass es nicht gleichgültig sei, ob das Erdgas aus einer „konventionellen“ Quelle gefördert werde oder mittels einer sogenannten „unkonventionellen“ Fördermethode gewonnen wird – also mittels Fracking. „Der technische Aufwand hierbei ist ungleich höher. Der CO2-Fußabdruck des Fracking-Erdgases ist durchaus mit dem der Steinkohle vergleichbar. Das bedeutet, dass ein mit Fracking-Erdgas angetriebenes (Kreuzfahrt-) Schiff genau so dreckig unterwegs ist wie ein Schiff mit Schwerölantrieb“, so die Bürgerinitiative. „Wir sind aber der Überzeugung: das beste Mittel gegen das Fracking und alle Formen der fossilen Energiegewinnung ist, sich auf der lokalen Ebene um die Energiewende zu bemühen und so etwas gegen den Klimawandel und dem weiteren Verlust der Artenvielfalt zu tun. Es hat eben doch eine weltweite Wirkung, sollten wir in Deutschland die Energiewende hinbekommen. Denn wenn wir es nicht schaffen, fangen andere erst gar nicht an.“

Die Bilanz der beiden BIGG-Sprecher: „Zehn Jahre langer Atem haben sich definitiv gelohnt! Wir freuen uns, dass die BIGG-Drensteinfurt einen solchen Erfolg hatte, den wir in aller Bescheidenheit dem großen Engagement aller Aktiven und Unterstützer und den Bürgerinitiativen in den Nachbarorten zu verdanken haben.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7369231?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F127%2F
Nachrichten-Ticker