Selbsthilfegruppe „Kreuzbund“ besteht seit 20 Jahren
Jeder bekommt eine Chance

Drensteinfurt -

Halt, Rat und Unterstützung in jeder Lebenslage finden Suchtkranke im Kreuzbund. In Drensteinfurt besteht die Selbsthilfegruppe bereits seit 20 Jahren – und das sei auch wichtig, wie ihre Leiterin Hildegard Rüsing betont.

Montag, 23.11.2020, 05:23 Uhr
Hildegard Rüsing hat die Kreuzbundgruppe in Drensteinfurt vor 20 Jahren gegründet.
Hildegard Rüsing hat die Kreuzbundgruppe in Drensteinfurt vor 20 Jahren gegründet. Foto: Simon Beckmann

Der Kopf dröhnt. Das Verlangen nach dem nächsten Schluck wächst. Erst als die hochprozentige Flüssigkeit langsam den Rachen herunterfließt, stellt sich ein wärmendes Gefühl ein – das allerdings nicht lange anhält: Schließlich lechzt der Körper schon wenig später erneut nach der „Alltagsdroge“, die mittlerweile nicht nur das Handeln der Person beeinflusst, sondern auch deren Gedanken kontrolliert.

Solche Situationen kennen viele Mitglieder des Stewwerter Kreuzbundes, einer Selbsthilfegruppe für Alkohol- und Tablettenabhängige, Suchtkranke und ihre Angehörigen. Schließlich können die meisten von ihnen selbst auf eine „Trinkerkarriere“ zurückblicken und müssen nun mit den Folgen leben. „Der Alkohol hat alles für mich bedeutet: Entspannung, Belebung, Beruhigung und gute Laune“, erzählt ein Betroffener. „Wenn man aber irgendwann merkt, dass es ohne nicht mehr geht, dann wird es verdammt kritisch.“ Halt, Rat und Unterstützung in jeder Lebenslage finden er sowie andere Suchtkranke im Kreuzbund. In Drensteinfurt besteht die Selbsthilfegruppe bereits seit 20 Jahren – und das sei auch wichtig, wie ihre Leiterin Hildegard Rüsing betont.

„Durch den übermäßigen Alkoholkonsum haben einige Mitglieder etwa ihren Führerschein verloren. Sie können also nicht mal eben in einen anderen Ort fahren“, erläutert sie. Die 74-Jährige kam selbst in den 1990er Jahren als „Co-Abhängige“ – das sind Personen, die einem Suchtkranken nahe stehen und aus Sorge um dessen Gesundheit ein Leben führen, das völlig von der Abhängigkeit gesteuert wird – zum Kreuzbund und fand dort die benötigte Hilfe.

Es ist keine Schande, krank zu sein, aber eine, nichts dagegen

Hildegard Rüsing

Daraus entwickelte sich ein Engagement, das bis heute anhält. Zuerst übernahm Rüsing die Leitung des Ahlener Kreuzbundes und gründete im Juli 2000 dann die Drensteinfurter Gruppe. „Man konnte nicht mehr vernünftig arbeiten, weil die Gruppe in Ahlen einfach zu groß geworden war“, erinnert sie sich. Zuerst trafen sich die Stewwerter Mitglieder im Alten Pfarrhaus. Irgendwann folgte der Umzug in die Alte Küsterei. „Nach und nach kamen immer mehr Leute dazu. Mittlerweile haben wir hier einen festen Stamm von rund zehn Personen“, so die Leiterin.

Neben den wöchentlichen Treffen finden jedes Jahr auch ein Grillabend mit den Familien und ein Weihnachtsessen statt. Hinzu kommt der eine oder andere Besuch in der Eisdiele. „Hier bekommt jeder seine Chance. Wir haben immer ein offenes Ohr. Selbst nach einem Rückschlag kann jeder zurückkommen, bis er trocken ist. Derjenige muss es nur wollen“, sagt Rüsing. „Es ist keine Schande, krank zu sein, aber eine, nichts dagegen zu tun.“

Für die Mitglieder hat die Selbsthilfegruppe enorme Bedeutung. „Ich habe mich hier sofort wohlgefühlt, als ich vor 16 Jahren zum ersten Mal diese Gruppe besucht habe“, blickt ein Betroffener, der nicht rückfällig geworden ist, zurück. Die regelmäßigen Besuche würden ihm nach wie vor helfen. „Man wird ein Mal in der Woche daran erinnert, dass man alkoholkrank ist und die Sucht nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte.“

Ein anderer erklärt, dass es ein großer Vorteil sei, im Kreuzbund unter Gleichgesinnten zu sein. „Hier werden meine Probleme verstanden. Die Menschen in der Gruppe wissen, wie es zur Sucht gekommen ist und was das mit der Psyche macht“, sagt der Mann. Zudem schätze er den Erfahrungsaustausch. „Die Selbsthilfegemeinschaft ist nach der Therapie eine wichtige Anlaufstelle, weil man nach einem Entzug relativ orientierungslos ist. Das ist ein fester Punkt im sozialen Netz“, erklärt der Betroffene. Er könne jedem Suchtkranken empfehlen, eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen.

In Drensteinfurt besteht dazu jeden Montag ab 19.30 Uhr in der Alten Küsterei – sofern es die Corona-Richtlinien zulassen – die Gelegenheit. „Jeder teilt zu Beginn seine Probleme mit. Das Wichtigste muss am Anfang einfach raus“, berichtet Rüsing von den Treffen. Danach werden auch andere Themen angesprochen. „Es herrscht natürlich absolute Schweigepflicht“, betont die Leiterin, die ebenfalls jederzeit Telefongespräche unter  0 25 08 / 13 41 oder unter  01 71 / 6 20 88 99 anbietet. Außerdem gibt es in Stewwert eine entsprechende WhatsApp-Gruppe. Ebenso weist die 74-Jährige noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass auch Angehörige von Suchtkranken willkommen sind: „Die leiden oft sehr unter der Situation im eigenen Haushalt und können hier genauso ihre Probleme loswerden.“

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