Everswinkel
Artisten an jeder Ecke

Donnerstag, 17.03.2011, 09:03 Uhr

Everswinkel - In den Worten schwingt eine gehörige Portion Respekt mit. Und Mitgefühl. „Tut das denn nicht weh?“. Gerade hat Kai Hutmacher eine Fackel entzündet und sie sich - ohne eine Miene zu verziehen - über die Hand gestrichen. Noch einmal holt er aus, und dann gleitet der kleine Feuerball sogar über den ganzen Unterarm. Ungläubiges Staunen bei den etwa 15 Jungs, die die Szene auf dem Schulhof gebannt verfolgen. „Aber da brennen doch die Haare ab, oder?“, will einer von ihnen wissen. „Das ist normal“, antwortet Hutmacher trocken, als wäre das nur eine gängige Variante der Körperrasur. Einen Moment später paart sich zum Respekt noch die Gänsehaut. Kai Hutmacher hat sich den brennenden Fackelkopf gerade auf die Zunge gelegt. „Oh mein Gott!“, ruft ein Junge erschrocken. „Ist das nicht eklig?“, verzieht ein anderer gequält das Gesicht. Nein, das ist Alltag im Zirkus. Seit Wochenbeginn auch im Zirkus „Grundolino“.

Die Workshops sind im vollen Gange, und so wie die künftigen jungen Feuer-Artisten zurzeit ihre ersten Erfahrungen mit der brennenden Fackel machen, so eignen sich auch die anderen der rund 300 Grundschüler derzeit ihre ganz speziellen Fähigkeiten an, um am Freitag und Samstag in insgesamt vier Vorstellungen zu begeistern. „Die Stimmung ist super, die Eltern begeistert“, freut sich Schulleiter und „Zirkusdirektor“ Martin Linnemannstöns. Die beiden Samstagsvorstellungen mit jeweils 350 Zuschauern sind schon ausverkauft, für die beiden Freitagsvorstellungen gibt es noch Restkarten im Schul-Sekretariat. Zirkusfieber an der Grundschule. Nach der Vorführung der Lehrer und Eltern am Montag seien einige Eltern regelrecht traurig gewesen: „Wie, das wars schon? Jetzt dürfen wir nicht mehr auftreten?“ Nein, jetzt sind die Kinder dran.

Im Zirkuszelt motiviert Zirkuspädagoge Edgar Hedergott eine überwiegend aus Mädchen bestehende Gruppe, sich mittels Trapez vom sicheren Boden zu lösen. „Und durchdrücken die Beine! Durchdrücken!“, ruft er, während sich zwei Mädchen parallel an den Trapezstangen präsentieren. Etwa 40 Mitschüler in den grünen Grundolino-T-Shirts wechseln fortlaufend von der Zuschauer- in die Artistenrolle und umgekehrt. Fachsimpeleien, Applaus und fröhliches Lachen bilden die Geräuschkulisse. Und die nächsten beiden sind dran. Hochschwingen, die Trapezstange in die Kniekehle, sich runterhängen lassen, Kopf nach vorn und die Arme strecken. „Hier muss Spannung drauf sein“, kommentiert Hedergott und zieht die Arme weiter auseinander. Zauberhaftes im Zirkuszelt.

Aber nicht nur dort, sondern auf dem ganzen Schulgelände finden sich Gruppen, die für den großen Auftritt üben. In der Hauptschul-Turnhalle balancieren Mädchen mit Tüchern in der Hand auf dem Seil, andere Schüler studieren gerade eine Fahnenparade ein, in der Grundschul-Turnhalle widmen sich Schüler dem Trampolin als Artistengerät, und in verschiedenen Schulräumen sind Clowns, Zauberer, Fakire und Jongleure konzentriert bei der Sache. Fünf Betreuer inklusive zwei Sportstudenten sind am Start. Die ganze Grundschule ein einziges Zirkus-Trainingslager, das ganze Projekt eine große Gemeinschaftsaktion von Kindern, Lehrern und Eltern. Sie alle arbeiten auf den Höhepunkt hin, die vier Aufführungen am Freitag und Samstag. Und dann folgt der Zeltabbau als abschließendes Gemeinschaftserlebnis. Damit wird das Projekt aber wohl noch nicht abgehakt sein. „Ich habe das Gefühl, dass da noch was kommt“, spekuliert der Schulleiter auf einen geselligen Abschluss. Auf jeden Fall soll das Erlebnis aber noch mit in den Schulalltag hinein genommen, nachbearbeitet werden. „Es wäre fahrlässig, wenn wir das nicht machen würden.“

Schon jetzt ist das Projekt ein Meilenstein. Die Zirkus-Workshops, die Aufführungen, das Drumherum mit Catering und Café, die 380 grünen T-Shirts für Kinder, Eltern und Lehrer, das bunte Programmheft, „das uns einige Schweißperlen gekostet hat“, der Profi-Filmer, der die Vorstellungen filmen und eine DVD produzieren wird, und die 60 örtlichen Sponsoren, die das Projekt mit ermöglichen; denn das hat immerhin ein Gesamtvolumen von rund 15 000 Euro. Und schließlich die begeisterten Eltern, die mitziehen. So wie jener Vater, den eigentlich seine Frau zum Mitmachen geschickt und der jetzt festgestellt habe: „Es war einer der besten Urlaubstage, die ich mir vorstellen konnte.“

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