Zeitzeuge berichtet über Stasi-Willkür
Zeitzeugen-Abend: Ehemaliger Stasi-Häftling liefert bedrückenden Bericht

Alverskirchen -

Es war ein besonderer Abend. Karl-Heinz Richter erzählte auf Einladung der CDU Alverskirchen von seinem gescheiterten Fluchtversuch aus der ehemaligen DDR, von den unmenschlichen Haftbedingungen im Stasi-Gefängnis und davon, wie auch seine Familie tyrannisiert wurde. Eine bedrückender Bericht eines Zeitzeugen. Die Schilderung von Haftbedingungen und Misshandlungen macht die mehr als 60 Zuhörer sprachlos.

Montag, 23.01.2012, 20:01 Uhr

Zeitzeuge berichtet über Stasi-Willkür : Zeitzeugen-Abend: Ehemaliger Stasi-Häftling liefert bedrückenden Bericht
Karl-Heinz Richter schilderte in beeindruckender Weise, zu welchen Gräueltaten das Stasi-Regime in der ehemaligen DDR fähig war. Foto: Wehmeyer

Vorn steht ein etwas untersetzter Mann. Er ist 65 Jahre alt. Er berichtet von Willkür und Terror in der SED-Diktatur in der ehemaligen DDR . Seine Stimme ist ruhig, der Tonfall im Berliner Dialekt manchmal sogar etwas salopp. „Wenn Sie aber wüssten, wie es in mir aussieht, würden Sie vermutlich zu heulen beginnen“, räumt er im Laufe des Abends ein. Karl-Heinz Richter erzählt auf Einladung der CDU Alverskirchen von seinem gescheiterten Fluchtversuch, von den unmenschlichen Haftbedingungen im Stasi-Gefängnis und davon, wie auch seine Familie tyrannisiert wurde. Bedrückt hören die mehr als 60 Anwesenden zu und können kaum glauben, was der Referent aus seinem Leben berichtet.

„Als die Mauer 1961 gebaut wurde, stand für mich und meine Freunde fest: Hier haben wir keine Perspektive, wir wollen das Land verlassen“, beginnt Richter seinen Vortrag. „Weil wir nicht in der FDJ waren, durften wir kein Abitur machen. Zudem hatte ich viele Freunde in Westberlin.“ 1964 habe er 17 Mitschülern durch Aufspringen auf den anfahrenden Moskau-Paris-Express zur Flucht verholfen. Sein eigener Versuch scheiterte. Er musste aus sieben Metern eine Mauer herunterspringen, um nicht entdeckt zu werden, und brach sich dabei Arme, Beine und Rippen. „Über dreieinhalb Kilometer habe ich mich nach Hause geschleppt. Eine Woche später wurde ich verhaftet, da ich von einer heute in Österreich lebenden Familie verraten wurde.“

Richters Schilderungen der Haftbedingen sind dann schon beim Zuhören nur schwer zu ertragen. „Ich hatte in der Zelle einen „Küben“ als Klo, ich konnte mich zehn Wochen nicht waschen und auch nicht die Wäsche wechseln.“ Die Organisation einer Massenflucht sei in der DDR eines der schlimmsten Verbrechen gewesen. „Ich wurde geprügelt ohne Ende und gefoltert ohne Ende“, berichtet er mit Bitterkeit in der Stimme. „Ich hatte eine wahnsinnige Angst, dass ich bei einem Geständnis zum Tode verurteilt würde.“

Viele seiner Mitgefangenen seien wahnsinnig geworden, viele noch heute in psychotherapeutischer Behandlung. Mielke selbst habe angeordnet, dass er medizinisch nicht versorgt werden dürfe. „Meine Haut unter dem Gips war stark entzündet und der Juckreiz unerträglich. Später war ich 18 Monate in der Charité und musste 15 Operationen über mich ergehen lassen, damit die nicht richtig zusammengewachsenen Knochen gerichtet werden konnten.“

Aber nicht nur gegen ihn ging man vor. „Meine Mutter hat ihre Arbeit verloren und später, als ich 1975 ausreisen durfte, ist meine Frau verhaftet worden, und man hat uns unsere Tochter weggenommen.“ Etwas Schlimmeres könne man kaum erleben. Seine Frau habe man bei der Verhaftung mehrmals vergewaltigt. Von dieser Schande habe sie sich nie wieder erholt. Drei Selbstmordversuche seien die Folge gewesen, noch immer müsse sie psychologisch betreut werden. Der Kontakt zu seiner Tochter sei seit 13 Jahren abgebrochen. „Warum hast Du uns das angetan“, sei ihr ständiger Vorwurf gewesen. Nach seiner Abschiebung hat Richter noch 21 Menschen, unter anderem auch Ärzten der Charité, durch falsche Pässe die Flucht ermöglicht.

Während des Vortrages ist zwischendurch immer wieder seine Erleichterung darüber zu spüren, dass dies alles nun vorbei ist. „Ich bin glücklich, dass ich die Wiedervereinigung erleben durfte“, ist nicht nur einmal von ihm zu hören. Und dann kommt ein Satz, der die Person Richters kennzeichnet: „Ich würde immer wieder das Gleiche tun“, stellt er fest, und unterstreicht damit seinen Freiheitswillen, den er in seinem Leben über fast alles andere gestellt hat. „Wenn heute einige Menschen meinen, in der DDR habe es auch viel Gutes gegeben, ist das eine Verhöhnung der Opfer.“

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