„Bücherwürmer und Rosinenschnecken“ mit zwei bereichernden Gästen
Literatur-Blick über den Tellerrand

Everswinkel -

Weg vom so genannten Kirchturmdenken, einmal über den literarischen Tellerrand sehen – das war das Motto der Kulturkreis-Veranstaltung „Bücherwürmer und Rosinenschnecken“, die jetzt im Heimathaus ihre siebte Auflage erlebte. Susanne Müllers Gesprächspartner waren diesmal Menschen, die nicht in Deutschland geboren wurden, sondern erst später hier ihr Zuhause fanden.

Mittwoch, 14.01.2015, 08:01 Uhr

Heliena Nabo, die heute mit ihrem Mann und den drei Kindern in Alverskirchen lebt, wurde in Aleppo/ Syrien geboren. 1989 schickten ihre Eltern die damals 16-Jährige mit einer Schwester und zwei Brüdern zu einer Tante nach Deutschland , um das Überleben der Kinder zu sichern. Sie selbst konnten erst zwei Jahre später fliehen und leben heute ebenfalls in Deutschland. Heliena Nabo, beeidigte Dolmetscherin und ermächtigte Übersetzerin für Nordrhein-Westfalen, ist seit Februar 2014 als Sprachhelferin an der Verbundschule tätig.

In ihrer Kindheit und Jugend in Syrien spielte das Lesen keine Rolle, erst nach der Flucht und dem ersten Kontakt mit der deutschen Sprache wurden Bücher für sie ein essenzieller Bestandteil ihres Lebens. Heute widmet sie sich vornehmlich den Bänden, die anhand von Frauen- und Familienschicksalen historische Zusammenhänge sowie den Konflikt zwischen Tradition und Moderne veranschaulichen. So stellte sie den ersten Roman von Siba Shakib vor, der sofort nach seinem Erscheinen ein internationaler Bestseller wurde: „Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen“. Die persische Autorin und Filmemacherin Shakib arbeitet seit vielen Jahren in Afghanistan und hat in verschiedenen, teils preisgekrönten, Dokumentationen über die katastrophale Situation der Menschen in dem Land berichtet. Eines Tages trifft sie in einem Flüchtlingslager auf die Afghanin Shirin-Gol, ist sofort von deren Ausstrahlung beeindruckt und zeichnet ihr Leben auf, das wesentlich geprägt ist von der Zerstörung ihres traditionellen Lebens bedingt durch den Einmarsch der Russen und die nachfolgende Herrschaft der Taliban . Trotz aller Schicksalsschläge kämpft sie mit nie nachlassender Kraft um ein Leben in Würde, Freiheit und Selbstbestimmung. Zum selben Thema empfahl Heliena Nabo auch Waris Diries „Wüstenblume“, „Scham“ von Taslima Nasrin und „Kurzer Abriss meines Lebens in der mongolischen Steppe“ von Petra Hulová.

Auch der zweite Gesprächspartner, Luis Álvarez , interessiert sich für die literarische Verarbeitung historischer Vorgänge. Und so präsentierte der ehemalige Bankdirektor – nach beruflichen Stationen in England, Holland und Belgien seit 1998 in Everswinkel ansässig – mit dem Roman „Der Feind meines Vaters“ ein sehr gelungenes Beispiel. Die preisgekrönte spanische Schriftstellerin Almudena Grandes schildert das Aufwachsen und das Aufwachen des Jungen Nino im Spanien kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in der Franco-Diktatur. Ninos Vater ist Mitglied der Guardia Civil, der paramilitärischen Polizei. Im Sommer 1947 erscheint in dem Dorf in Andalusien der junge, mysteriöse Fremde Pepe el portugués. Nino freundet sich mit Pepe an, der ihm Bücher leiht. Durch deren Lektüre, die Gespräche mit Pepe und die Hilfe von Doña Elena, die ihm das Maschinenschreiben beibringt, wird ihm klar, dass er kein Guardia Civil werden will und dass die Feinde seines Vaters, die Gegner Francos, nicht seine Feinde sind. „Das Buch ist ein Gesang an die Freundschaft und an die Kraft der Literatur“, so Álvarez. Aus seiner Liste der zur Lektüre empfohlenen Bücher hob er „Eine Welt für Julius“ von Alfredo Bryce Echenique, „Das böse Mädchen“ von Mario Vargas Llosa sowie den Kriminalroman „Leichendieb“ der brasilianischen Autorin Patricia Melo hervor.

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