Landgerichts-Prozess nach Hebammen-Versagen
350.000 Euro Schmerzensgeld für heute Neunjährige

Everswinkel -

350.000 Euro, eine monatliche lebenslange Rente in Höhe von 500 Euro und eine Übernahme bislang entstandener Behandlungskosten in Höhe von 128.000 Euro sind das in Zahlen gegossene Ergebnis eines Zivil-Prozesses, den Osnabrücker Eltern gegen eine Hebamme aus Everswinkel vor dem Landgericht Münster geführt haben. Die 11. Zivilkammer warf der Hebamme und einer zweiten beteiligten Hebamme und Ärztin grobe Behandlungsfehler vor. Die Mutter war nach Komplikationen viel zu spät in die Klinik gebracht worden, das heute neunjährige Kind war fast leblos zur Welt gekommen.

Dienstag, 06.12.2016, 16:12 Uhr

Schicksalhafte Geburt in einem Geburtshaus in Everswinkel. Angesichts laut Gericht „rechtswidrigen“ und „grob fehlerhaften“ Handelns der Everswinkeler Hebamme sowie einer hinzugeholten Hebamme und Ärztin kam die werdende Mutter nach Eintritt von Komplikationen viel zu spät in eine Klinik nach Münster. Das Kind erlitt schwerste Hirnschäden.
Schicksalhafte Geburt in einem Geburtshaus in Everswinkel. Angesichts laut Gericht „rechtswidrigen“ und „grob fehlerhaften“ Handelns der Everswinkeler Hebamme sowie einer hinzugeholten Hebamme und Ärztin kam die werdende Mutter nach Eintritt von Komplikationen viel zu spät in eine Klinik nach Münster. Das Kind erlitt schwerste Hirnschäden. Foto: dpa

Die Eltern des Mädchens wollten mit dem Schicksal und den furchtbaren Umständen der Geburt ihrer Tochter abschließen. Sie wollten Gerechtigkeit. Darunter fassen sie nicht nur Schadensersatz und Schmerzensgeld . Viel wichtiger war ihnen die Klärung der Schuldfrage. Warum ist damals in dem Geburtshaus das passiert, was sie bis zum heutigen Tage verfolgt? Noch einmal mussten die Eltern die Stunden der Geburt einem Gericht erzählen.

Neun Jahre nach ihrer Geburt ist dem Mädchen vom Landgericht nun ein Schmerzensgeld in Höhe von 350 000 Euro zugesprochen worden. Außerdem bekommt das Mädchen lebenslang eine monatliche Rente in Höhe von 500 Euro, entschieden die Richter der 11. Zivilkammer. 128 000 Euro gehen zudem an die Krankenkasse für Behandlungskosten . Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die Everswinkeler Hebamme sowie eine zweite Hebamme und Ärztin bei der Geburt „rechtswidrig“ und „grob fehlerhaft“ gehandelt haben.

Geburt hätte nicht in einem Geburtshaus durchgeführt werden dürfen

Die Eltern des Mädchens hatten sich seinerzeit aufgrund von Empfehlungen für eine Geburt in jenem Geburtshaus in Everswinkel entschieden. Erste Vorgespräche waren positiv verlaufen, das Vertrauen in die Hebamme war groß. Während der Entbindung kam es dann zu schwerwiegenden Komplikationen. Vor allem weil das Kind in der so genannten Beckenendlage (BEL) – also mit dem Steiß voran – geboren werden wollte. Eine solche Geburt dürfen Hebammen alleine nicht durchführen. Ärztliche Hilfe ist unbedingt hinzuzuziehen. Außerdem muss die Geburt mit einem Ultraschallgerät überwacht werden. Ein solches Gerät war in der Everswinkeler Einrichtung nicht vorhanden.

Selbst als der Geburtsverlauf ins Stocken geriet, sahen die zu diesem Zeitpunkt schon zu zweit arbeitenden Hebammen keine Veranlassung, die Gebärende in eine Klinik zu überweisen. Erst ein dramatischer eklamptischer Anfall der Mutter wurde zum Anlass genommen, die werdende Mutter per Notarztwagen in eine Klinik nach Münster bringen zu lassen. Viel zu spät. Denn die durch eine Sauerstoffunterversorgung verursachten Hirnschäden waren zu diesem Zeitpunkt bereits irreparabel. Das Mädchen kam per Not-Kaiserschnitt, fast leblos, zur Welt.

Ob die Hebamme ihre Kollegin aus Unna als Hebamme oder als Ärztin nach Erkennen der BEL hinzuzog, war für das Gericht nicht entscheidend, da die Geburt in einem Geburtshaus auch unter ärztlicher Aufsicht ohne Ultraschall nicht hätte fortgeführt werden dürfen. Zumal auch die Mutter im Vorfeld der Geburt gesundheitliche Problem hatte, die bei erkennen der BEL eine Einweisung in ein Krankenhaus zwingend erforderlich gemacht hätten. Hierüber habe die Hebamme die Eltern nicht hinreichend aufgeklärt erhebt das Gericht einen weiteren Vorwurf.

Geburt lief aus dem Ruder

Die Kammer bewertete das Vorgehen der beiden Frauen als groben Behandlungsfehler. „Er ist aus objektiv medizinischer Sicht unverständlich, weil er einer sorgfältig handelnden Hebamme schlechterdings nicht unterlaufen darf.“ Die Hebamme habe bewährte Handlungsregeln übergangen und elementare Grundregeln der Geburtshilfe verletzt.

Die Neunjährige ist zu 100 Prozent schwerbehindert. Die Kausalität zwischen der aus dem Ruder gelaufenen Geburt und den Folgen für das Mädchen bestätigten in Münster drei Gutachter, darunter eine Hebamme. Die Kammer folgte ihren Einschätzungen.

Heinz-Peter Fabian , Fachanwalt für Medizinrecht, der die Eltern vertritt, nennt das Urteil einen Sieg auf ganzer Linie. Gleichwohl sei es lediglich ein Etappensieg. Fabian rechnet damit, dass die gegnerische Seite in die Berufung gehen wird. Die Anwälte der beiden Hebammen waren nicht zu erreichen.

Ob das nun in Münster ergangene Urteil berufliche Konsequenzen für die Everswinkeler Hebamme hat, ist noch fraglich. Nach Paragraf neun der Berufsordnung für Hebammen und Geburtshelfer in Nordrhein Westfalen ist für die Zulassung dieser Hebamme der Kreis Warendorf zuständig. Hebammen müssen sich beim Gesundheitsamt des Kreises anmelden. Nur wenn das Verfahren bei der Staatsanwaltschaft anhängig sei, erfahre der Kreis automatisch davon.

Bei einem Zivilverfahren sei dies nicht der Fall, so Kreissprecher Thomas Fromme. „Wir müssen erst mal erfahren, dass es da Ansprüche gibt. Wenn wir die Kenntnis haben, müssen wir dem auch nachgehen“, so Fromme auf WN-Anfrage. Der Kreis will nun Einsicht in die Urteils-Unterlagen des Gerichts beantragen. „Dann muss geprüft werden.“ Über mögliche Konsequenzen könne jetzt noch nichts gesagt werden.

Prozess und Urteil gegen zweite Hebamme bereits 2014

Gegen die zweite Hebamme, die in Everswinkel an der Geburt des Mädchen beteiligt war, hinzugezogen von der Everswinkeler Hebamme, als es durch die Beckenendlage ernste Komplikationen gab, wurde bereits von 2012 bis 2014 in Dortmund prozessiert. Das Dortmunder Schwurgericht verurteilte die Frau aus Unna wegen Totschlags seinerzeit zu sechs Jahren und neun Monaten Freiheitsstrafe plus lebenslangem Berufsverbot und Entzug der Approbation – sie war auch praktische Ärztin. In Dortmund ging es um ein anderes Mädchen, das im Juni 2008 in einem Hotel zur Welt gekommen war. Das Kind war ebenfalls eine so genannte Beckenendlage, wollte also mit dem Po voran geboren werden. Das Mädchen hat die Geburt nicht überlebt. Dass sein Tod rechtliche Konsequenzen für die Hebamme und Ärztin hatte, war dem hinzugezogenen Notarzt zu verdanken, dem die Situation in dem Hotelzimmer verdächtig vorkam und der nicht, wie von der Hebamme verlangt, einen natürlichen Tod attestieren wollte, sondern die Polizei rief. In der 436 Seiten starken Urteilsbegründung beschriebt das Dortmunder Gericht die Situation. Diese Textpassage liest sich wie ein Horrorroman: Die Mutter in einer Blutlache auf dem Fußboden, der Vater mit dem Kind auf dem Hotelbett, gemeinsam mit der Hebamme, die versucht, das Mädchen zu reanimieren – vergeblich. Totschlag wegen Unterlassung lautete der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Der Prozess in Dortmund war zunächst auf acht Verhandlungstage terminiert. Als nach zwei Jahren am 1. Oktober 2014 das Urteil gesprochen wurde, waren es 59 Prozesstage. 

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