Heimatforscher Ewald Stumpe weiß viel über den früheren Wetterhahn von St. Magnus zu erzählen
Gebeutelter Hahn reif fürs Museum

Everswinkel -

Es ist so leicht geworden. Wer heute wissen will, wie das Wetter am nächsten Tag wird, wie die Temperaturprognose für heute lautet oder ob es vielleicht noch Regen gibt, schaut einfach in die Wetter-App auf dem Handy. Nur wenige Sekunden, und man ist bestens informiert, hat alle Daten zur Hand. Das war auch mal anders, mag man Kindern sagen, die gar keine andere Wetterauskunft mehr kennen. Nun gut, die Zeitungen, die TV-Nachrichten, aber sonst? Es gab Zeiten, da war der Hahn auf der Kirchturmspitze die „Wetterstation“ des Dorfes.

Donnerstag, 12.01.2017, 10:01 Uhr

Zum Glück wurde er damals nicht verschrottet oder entsorgt: Der alte Wetterhahn der St. Magnus-Kirche hat viel erlebt, wie Ewald Stumpe weiß. Zur neuen Saison wandert das Messing-Federvieh ins Mitmach-Museum.
Zum Glück wurde er damals nicht verschrottet oder entsorgt: Der alte Wetterhahn der St. Magnus-Kirche hat viel erlebt, wie Ewald Stumpe weiß. Zur neuen Saison wandert das Messing-Federvieh ins Mitmach-Museum. Foto: Meyer

Heimatforscher Ewald Stumpe hat sich ausgiebig mit dem alten Wetterhahn von St. Magnus beschäftigt, der 1873 von Heinrich Jansen gefertigt worden ist und der 1955 von seinem Quartier hoch über dem Dorf entfernt wurde. „Schaut der Hahn nach Süden in Richtung Kluck, so gilt das für schönes Wetter . In Richtung Südwest, in das so genannte Regenloch, ist es nur eine Frage der Zeit, wann es regnet. Nach Westen, in Richtung Alverskirchen, bedeutet es, dass eventuell starke Winde zu erwarten sind. Schaut der Hahn nach Norden in Richtung Mühlenstraße und wenn wir im Winter die Bahn pfeifen hören, dann ist es rappelkalt. Nach Osten, in Richtung Boschweg, wenn von dort ein Gewitter naht, da sitzt Feuer hinter. Und in Südost, Richtung Webbeler, ist es die beste Wetterlage“, weiß Stumpe die Blickrichtungen des Hahns zu interpretieren.

Wie viele Blitzeinschläge, die zum Glück über die Blitzableiter abgefangen wurden, mögen dem Hahn in all den Jahrhunderten mögen dem Hahn in rund 44 Metern Höhe wohl um die Ohren gedonnert sein? „Besonders die Kirchhof- und auch die Dorfbewohner wissen es heute noch zu schätzen, die größere Sicherheit bei Gewitter zu haben“, berichtet der Heimatkenner. Beim größten Hagelschlag aller Zeiten im Vitus-Dorf, der am 1. Juli 1891 von Coesfeld kommend bis nach Harsewinkel reichte und genau mitten über Alverskirchen und Everswinkel zog, wurde die gesamte Jahresernte völlig vernichtet. Der Hahn aber überstand auch dies mit einigen Blessuren.

Ebenso steckte er etliche Gewehrkugeln weg, die ihm ins Messing-Federkleid gejagt wurden. In der Zeit des II. Weltkriegs wurde er nämlich als ideale Zielscheibe für Fernschuss-Übungen ausgewählt. Die beidseitigen Metallüberlappungen verdecken einige der Schusswunden. Laut Stumpe lagen die Schützen zum Teil im Fenster des Gasthofs Arning und legten an. Peng. Gastwirt Hubertus Diepenbrock hatte schon vor Jahrzehnten davon berichtet, wie er einen Schuss gehört hatte und direkt danach eine kleine Staubwolke am Kirchturm zu sehen war, wo die Kugel in den Putz eingeschlagen war. Der Schütze wurde in der östlich gelegenen Nachbarschaft ermittelt.

Neben den Löschern und Dellen sind aber auch die eingravierten Jahreszahlen von Interesse. Abgesehen von 1873 sind es die Jahre 1920, 1937, 1946, 1955 und „ANNO XIXVV“. „Das Interessante ist, dass sich die ganzen Handwerker verewigt haben“, so Stumpe. Handwerker, die oben in 44 Metern Höhe beim Hahn gewesen sind: B. Kortmann, Fr. Beuning, H. Hakenes, J. Buckebrede, H. Jansen, J. Frye sen., J. Frye jun., Nilles, G. Wessel, J. Hagenkötter, A. Albers und N. Volkmer. Begleiter eines Stücks Geschichte. 1955 hatte das gebeulte Tier ausgedient. Als die Abbruch- und Renovierungsarbeiten am maroden Kirchturmdach begannen, nahmen ihn Handwerker herunter. Dabei stürzte die Stahlkugel, auf der er drehbar gelagert war, in die Tiefe und wurde nie wieder gesehen. Vieles verschwand damals in der Zeit des Neuaufbaus und Wirtschaftswunders im Müll. Massives Mobiliar wurde gegen modernes, aber weniger haltbares getauscht.

Vermutlich wäre es dem Wetterhahn von 1873 auch so ergangen. Aber er „überlebte“. Zunächst im Bauschutt zwischen Kapelle und Haus Jüttner, dann stolperte Ludger Naschert im wahrsten Sinne des Wortes nächtlich über ihn, nahm ihn mit nach Hause, lagerte ihn ein und übergab ihn 2004 an den damaligen Heimatvereinsvorsitzenden Ewald Stumpe. Nun wird das historische Stück, das rund zwölf Jahre im Heimathaus aufbewahrt wurde, von der neuen Saison an dauerhaft im Mitmach-Museum präsentiert. Das Wetter muss er dort auch nicht mehr vorhersagen. Aber er kann den Besuchern von seiner bewegten Vergangenheit erzählen.

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