Analyse zur Landtagswahl 
Unwetter vor rot-grünem Untergang - CDU und FDP rechneten mit Wechsel

Everswinkel -

Der erste Donnerschlag war am Sonntag bereits zweieinhalb Stunden vor Schließen der Wahllokale zu vernehmen. Kurz nach 15.30 Uhr zog ein Unwetter über die Vitus-Gemeinde und mobilisierte die beiden Feuerwehr-Löschzüge von Everswinkel und Alverskirchen. Vier vollgelaufene Keller wurden gemeldet, und die insgesamt 25 Einsatzkräfte waren rund mit fünf Fahrzeugen rund zwei Stunden im Einsatz. Ein Zeitpunkt, zu dem auch Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sinnbildlich schon das Wasser bis zum Hals stand. Am Abend dann war die rot-grüne Landesregierung untergegangen. Ein Stück weit eben auch in Everswinkel und Alverskirchen.

Dienstag, 16.05.2017, 07:05 Uhr

Ein Radfahrer passiert am Sonntagmittag die Wahlplakate am Grothues-Kreisel, während sich der Himmel verdunkelt. Wenig später zieht über Everswinkel eine Gewitterzelle hinweg mit kübelartigen Regengüssen. Parallel geht die rot-grüne Landesregierung in den Wahlkabinen des Landes unter.
Ein Radfahrer passiert am Sonntagmittag die Wahlplakate am Grothues-Kreisel, während sich der Himmel verdunkelt. Wenig später zieht über Everswinkel eine Gewitterzelle hinweg mit kübelartigen Regengüssen. Parallel geht die rot-grüne Landesregierung in den Wahlkabinen des Landes unter. Foto: Klaus Meyer

Die Wähler der Vitus-Gemeinde waren jedenfalls mobilisiert und motiviert. Mit 76,2 Prozent Wahlbeteiligung liegt die Gemeinde münsterlandweit auf dem 2. Platz knapp hinter Havixbeck (76,5). Eine weitere Duftmarke setzt die FDP als Ortsverband mit traditionell hohen Ergebnissen. Mit 14,1 Prozent liegen die Vitus-Liberalen kreisweit an der Spitze, im gesamten Münsterland kommen sie auf den 5. Platz. Absolut gesehen gewann die CDU vor Ort gegenüber der Landtagswahl 2012 fast 600 Stimmen hinzu, die FDP rund 260. Gewinne, die weniger auf Kosten der SPD gingen (minus 110 Stimmen), sondern vor allem auf die der Piraten (minus 277) und der Grünen (minus 184) und in der höheren Wahlbeteiligung (615 Stimmen mehr als 2012) begründet sind. Kurios mutete so manches Stimmensplitting an. Da gab es Erststimmen für die Kandidaten von SPD, Grünen oder sogar Linken, zugleich landete die Zweitstimme bei der CDU.

Die Fraktionschefs von CDU und FDP, Dirk Folker und Peter Friedrich, hatten fest mit dem Wechsel in Düsseldorf gerechnet. „Ich war mir sicher, dass Rot-Grün abgewählt wird. Die Politik der Landesregierung war einfach zu schlecht“, so Folker auf WN-Anfrage. „Meine Wunschvorstellung war, dass es für Schwarz-Gelb reichen könnte – wirklich dran geglaubt habe ich vorher aber nicht.“ Die Liberalen registrierten in den letzten Wochen des Wahlkampfs aus Gesprächen mit Bürgern „eine große Unzufriedenheit“, vor allem bei den Themen innere Sicherheit, der „ideologischen Schulpolitik“ sowie den „Überregulierungen im Umweltschutz“, bilanziert Friedrich gegenüber den WN. „Daher war ich mir sicher, dass viele Menschen gerade der grünen Politik überdrüssig waren. Das historisch schlechte Abschneiden der SPD kam für mich dann allerdings überraschend.“

Überrascht zeigt sich auch der SPD-Partei- und Fraktionsvorsitzende Dr. Wilfried Hamann. „Zwar gab es gerade in den letzten Tagen vor der Wahl Hinweise, dass die SPD mit Verlusten rechnen müsse, aber mit einer Abwahl von Hannelore Kraft hatte ich nicht gerechnet“, Es habe sich wieder gezeigt, dass die Entscheidung bei vielen Wählern erst kurz vor dem Wahltermin endgültig falle. „Es gab kritisch diskutierte Themen, und es gab schlecht kommunizierte Entscheidungen. Trotzdem, eine  eindeutige Wechselstimmung haben wir im Vorfeld  nicht gespürt“, bilanziert Hamann.

Folker zeigt sich verständlicherweise auch mit dem Abschneiden vor Ort zufrieden. „Wir haben in Everswinkel ein ganz hervorragendes Ergebnis geholt. Vor allem unser Vorstand hat einen tollen Wahlkampf mit Herrn Hagemeier gemacht, der sehr oft vor Ort gewesen ist. Das hat sich ausgezahlt.“ Friedrich, der sich freut, dass die FDP nun wieder drittstärkste Kraft in NRW ist, sieht das „überdurchschnittlich gute Everswinkeler Ergebnis als Bestätigung unseres Engagements und der politischen Arbeit in der Vitus-Gemeinde“.

Dass die Vitus-SPD prozentual unter den Verlusten landes- und kreisweit liegt, tröstet Hamann ein wenig, der die hohe Wahlbeteiligung als „ein gutes Signal für die Demokratie“ bezeichnet. Die SPD habe zwar ihr bisher schlechtestes Ergebnis in NRW erzielt, „aber auch die CDU, die zweifelsfrei den Wahlsieg errungen hat, blickt auf ihr bisher zweitschlechtestes Ergebnis in NRW.“ Beide Parteien müssten sich grundsätzlich Gedanken machen, „wie es wieder gelingen kann, breitere Wählersichten zu erreichen. Sonst entwickelt sich unser Parteiensystem zu einer kleinteiligen Klientelpolitik.“

►  Leider lag die vereinbarte Stellungnahme der Grünen-Spitze zur Landtagswahl bis zum Redaktionsschluss nicht vor.

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