Landwirtschaft als neues Zuhause: Besuch auf dem Hof Schulze Hockenbeck
Gemeinsam leben, getrennt arbeiten

Alverskirchen -

Es ist eine Neuentdeckung für sie. Eine neue Welt. Eine, die aber schon schnell ihren eigenen Zauber entfaltet hat. „Ich hatte selbst nie etwas mit Landwirtschaft zu tun. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal auf einem Hof wohne“, lacht sie. Sie, das ist Annika Banken. Tochter des früheren Bürgermeisters Ludger Banken, geboren in Münster, aufgewachsen in Everswinkel. Jetzt wohnhaft in der Bauerschaft Püning. Genauer gesagt auf dem Hof Schulze Hockenbeck. Die Liebe hat‘s möglich gemacht.

Samstag, 19.08.2017, 11:08 Uhr

Annika Banken und Leonard Schulze Hockenbeck wohnen seit sieben Monaten zusammen auf dem Hof und bauen sich derzeit ihre eigene Wohnung in dem alten Fachwerk-Gebäude aus.
Annika Banken und Leonard Schulze Hockenbeck wohnen seit sieben Monaten zusammen auf dem Hof und bauen sich derzeit ihre eigene Wohnung in dem alten Fachwerk-Gebäude aus. Foto: Klaus Meyer

Für die sympathische 22-Jährige mit dem leuchtend blonden Haar wurde das Vitus-Dorf das Tor zum landwirtschaftlichen Leben. Als Kind hatte sie nie richtig Berührungspunkte damit. Das wurde nun anders. 2008, beim jährlich stattfindenden „ Girls Day “, bei dem Schülerinnen mal in vermeintliche Männerberufe hineinschnuppern können, entschied sich Annika Banken für einen Bauernhof – den von Josef Brockhausen. Einen Stall und die Arbeit auf einem Hof mal aus der Nähe erleben. „Ich finde das voll interessant, wie mit den Tieren umgegangen wird“, sagt sie. Und überhaupt: Für sie gehört dazu, dass es auf einem Bauernhof auch noch mehr Tiere gibt als Kühe und Schweine; eben Hunde, Katzen, Hühner oder Pferde. So, wie jetzt in Alverskirchen.

Dazu kam die KLJB-Gemeinschaft. „Ich war in der Landjugend und im Landjugend-Vorstand. Das war das erste Mal, dass ich verschiedene Höfe gesehen habe.“ Viele neue Kontakte wurden geknüpft, einer davon war Leonard Schulze Hockenbeck, der nach seinem Studienabschluss Bachelor of Science der Fachrichtung Agrarwissenschaft an der Hochschule Osnabrück auf den Hof seines Onkels Alwin gezogen ist und dort nun Stück für Stück in die Verantwortung hinein wächst. Zwei Generationen auf einem Hof, eine „WG“, wie sie das scherzhaft bezeichnen. Die Chemie stimmt. Die Deele mit dem großen Kamin als gemeinsamer Raum, daneben hat jeder seinen Rückzugsbereich.

Landwirtschaft in Alverskirchen - die Serie

In aller Frühe aufstehen und bis zum Sonnenuntergang arbeiten, um die eigene Existenz zu sichern: Das Leben der Landwirte war über die Jahrhunderte ein schweres. Dazu kamen und kommen die Unwägbarkeiten des Wetters, das – wenn es unglücklich läuft – eine ganze Ernte und damit eine Existenz gefährden kann. Vor rund 100 Jahren arbeitete mehr als jeder dritte Erwerbstätige in der Landwirtschaft, heute sind es keine zwei Prozent mehr, wie man Zahlen des Statistischen Bundesamtes entnehmen kann. Parallel stieg durch den technischen Fortschritt und hoch effiziente Produktionsmittel die Produktivität rasant. Vor 100 Jahren lag der Ertrag beim Weizen pro Hektar bei 1 850 Kilogramm – heute sind es 7 330 Kilogramm. Bei den Kartoffeln stieg der Ertrag von 27 700 auf 62 900 Kilogramm. Ein Landwirt ernährte damals mit seiner Produktion durchschnittlich vier Personen, heute sind es laut Deutschem Bauernverband über 130. Landwirt zu sein, heißt heute viel Verantwortung zu tragen, mit immer neuen Vorgaben, Anforderungen und Herausforderungen klarzukommen, transparent zu arbeiten und qualitativ hochwertige Nahrungsmittel zu produzieren. Am Beispiel ausgewählter Alverskirchener Höfe wollen die Westfälischen Nachrichten in den nächsten Wochen im Rahmen einer Serie ganz unterschiedliche Facetten rund ums Thema Landwirtschaft beleuchten.

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Seit Dezember bauen sich Leonard und Annika ihre eigene Wohnung in dem etwa um 1740 errichteten Wohngebäude aus. Viel Arbeit, bei der kaum ein Stein auf dem anderen bleibt. Draußen warten vorgefertigte Balken-Elemente auf ihren Einbau, innen prägen geöffnete Mauern und Böden, neu errichtete Leichtbauwände und Baumaterial das Bild. Noch benötigt man Fantasie, um sich die künftigen Räume vorzustellen, doch das Projekt läuft. Das Bauen als Teil der gemeinsamen Zukunft.

Gemeinsam leben, getrennt arbeiten – so soll erst mal bleiben. Der Hof Schulze Hockenbeck steht für Schweine- und Bullenmast. Dazu kommen etwas Pferdezucht und Hühnerhaltung als Hobby. „Es ist selten, dass noch so viele verschiedene Tiere auf einem Hof sind“, weiß Leonard Schulze Hockenbeck, dem sukzessive immer mehr Aufgaben übertragen werden. Ein permanenter Lernprozess in dem Unternehmen mit dem Namen „Bauernhof“.

Annika Banken hat es dagegen beruflich ausschließlich mit Menschen zu tun. Nach ihrem Abitur studierte sie, war zeitweilig in Köln, Frankfurt, Berlin und schloss im November vergangenen Jahres als Diplom-Verwaltungswirtin für den gehobenen nichttechnischen Verwaltungsdienst ab. Eine Ausbildung auf der Spur ihrer Eltern. Freiwillig, ohne Beeinflussung, dafür mit Überlegung. „Ich habe das danach ausgesucht, wo ich später die meisten Auswahlmöglichkeiten habe.“ Sie könnte heute in jedem Bundesamt und jedem Bundesministerium Deutschlands anfangen – der gesamte Öffentliche Dienst steht ihr offen. Bewerbungen gingen auf den Weg, am Ende hat sie abgewogen, was ihr wichtig ist. Ihr Arbeitgeber ist jetzt das BAMF, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, ihr Arbeitsplatz ist im Ankunftszentrum Münster, ihr Lebensmittelpunkt in Alverskirchen.

Dass sie zu Leonard Schulze Hockenbeck zieht, war schnell klar für sie. „Er hat hier seinen Hof, seine Landwirtschaft und sein Leben.“ Die Nähe zum Dorf und die Nähe zu Münster sind für Annika Banken ideal, das Leben auf dem Hof genießt sie schon jetzt. „Hier komme ich zur Ruhe“. Nach Hause zu kommen, die Pferde auf der Weide zu sehen und zu erleben, dass alle Freude an der Arbeit auf dem Hof haben, und dass der ein ungezwungener Treffpunkt ist, bei dem Freunde einfach mal vorbeikommen – das ist für sie Lebensqualität. Natürlich hat sie ihre Aufgaben. „Ich kaufe ein, schaue, dass alles in Ordnung ist. Aber bei einer 41-Stunden-Woche bleibt nicht mehr viel Zeit übrig.“

Für Leonard Schulze Hockenbeck ist die Frau an seiner Seite der Motor seines Lebens geworden. „Das ist mein Antrieb. Wenn Annika nicht hier wäre, würde nicht so viel passieren“, schmunzelt der 25-Jährige. Die Zukunft in fünf Jahren? „Ein fertiges Haus und meine Arbeit“, antwortet Annika Banken ohne lange zu zögern. „Ich finde es schön hier zu wohnen und möchte alles mitkriegen, kann mir aber nicht vorstellen, hier voll mitzuarbeiten“, sagt die 22-Jährige. Und in zehn Jahren? „Ich möchte schon Kinder haben . . .“ Lebensplanung eines jungen Paares in der Landwirtschaft.

Fortsetzung folgt

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