Landwirtschaft mit Direktvermarktung: Die Höfe Schulze Wettendorf und Roer als Beispiele
Ganz besondere Kundenbindung

Alverskirchen -

Die Verkaufsargumente „Regionale landwirtschaftliche Produkte“ und „Direktvermarktung“ signalisieren dem Verbraucher Frische und einen schonenden Umgang mit der Umwelt, da lange Transportwege erst gar nicht entstehen. Wenn sich die Käufer die Produkte sogar vor Ort anschauen und sich von der Haltung der Tiere überzeugen können, entsteht eine besondere Kundenbindung.

Samstag, 26.08.2017, 06:08 Uhr

Bieten ihre Produkte direkt dem Verbraucher an: Stephanie und Henrik Schulze Wettendorf haben mit dem Verkauf von Putenfleisch gestartet (linkes Bild). Mechthild und Michael Roer stehen mit ihrem Verkaufswagen zweimal in der Woche auf dem Wochenmarkt auf dem Hubertiplatz (rechtes Bild).
Bieten ihre Produkte direkt dem Verbraucher an: Stephanie und Henrik Schulze Wettendorf haben mit dem Verkauf von Putenfleisch gestartet (linkes Bild). Mechthild und Michael Roer stehen mit ihrem Verkaufswagen zweimal in der Woche auf dem Wochenmarkt auf dem Hubertiplatz (rechtes Bild). Foto: Günther Wehmeyer

Beispielhaft für diesen Weg der Vermarktung haben die WN mit die Höfe Schulze Wettendorf und Roer in Alverskirchen besucht. „Als wir 2008 den Hof von meinen Eltern übernommen haben, tat sich in der Landwirtschaft nicht mehr sehr viel, denn meine Eltern haben den Hof im Nebenerwerb betrieben“, blickt Henrik Schulze Wettendorf zurück. „Wir wollten die leeren Ställe mit Leben füllen und sind mit dem Ziel der Direktvermarktung mit etwa 40 Puten angefangen“, erzählt Stephanie Schulze Wettendorf vom Start in dieses Geschäftsmodell. „Wir haben die Puten gefüttert, geschlachtet und Käufer dafür gesucht.“

Durch „Mund-zu-Mund-Propaganda“ habe sich schnell der Erfolg eingestellt. „So ermutigt, haben wir noch etwa 50 Hähnchen dazu genommen, denn die wurden auch von unseren Putenkunden nachgefragt.“ Ein reiner Zufall sei die Entscheidung gewesen, noch Platz für Schweine zu schaffen. „Ein Koch in Münster, der unser Putenfleisch bekommen hatte, ließ nachfragen, ob wir nicht auch Schweine halten wollten.“ Dessen Wunsch sei es gewesen, einen Bauern zu finden, bei dem er das Schwein vorher auch sehen kann. Auch hinsichtlich der Rasse habe der Koch ganz bestimmte Vorstellungen gehabt. „Die Schweine werden, wie auch die Puten und Hähnchen, energiereduziert gefüttert, um langsam ihre Fleischqualität zu entwickeln“, legen die Hofinhaber Wert auf den Unterschied zur Massentierhaltungen.

Landwirtschaft in Alverskirchen - die Serie

In aller Frühe aufstehen und bis zum Sonnenuntergang arbeiten, um die eigene Existenz zu sichern: Das Leben der Landwirte war über die Jahrhunderte ein schweres. Dazu kamen und kommen die Unwägbarkeiten des Wetters, das – wenn es unglücklich läuft – eine ganze Ernte und damit eine Existenz gefährden kann. Vor rund 100 Jahren arbeitete mehr als jeder dritte Erwerbstätige in der Landwirtschaft, heute sind es keine zwei Prozent mehr, wie man Zahlen des Statistischen Bundesamtes entnehmen kann. Parallel stieg durch den technischen Fortschritt und hoch effiziente Produktionsmittel die Produktivität rasant. Vor 100 Jahren lag der Ertrag beim Weizen pro Hektar bei 1 850 Kilogramm – heute sind es 7 330 Kilogramm. Bei den Kartoffeln stieg der Ertrag von 27 700 auf 62 900 Kilogramm. Ein Landwirt ernährte damals mit seiner Produktion durchschnittlich vier Personen, heute sind es laut Deutschem Bauernverband über 130. Landwirt zu sein, heißt heute viel Verantwortung zu tragen, mit immer neuen Vorgaben, Anforderungen und Herausforderungen klarzukommen, transparent zu arbeiten und qualitativ hochwertige Nahrungsmittel zu produzieren. Am Beispiel ausgewählter Alverskirchener Höfe wollen die Westfälischen Nachrichten in den nächsten Wochen im Rahmen einer Serie ganz unterschiedliche Facetten rund ums Thema Landwirtschaft beleuchten.

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Inzwischen tummeln sich rund 50 Schweine auf Stroh in einem offenen luftigen Stall. „Wir bekommen die Ferkel aus ausgewählten Zuchtbetrieben, und wir lassen sie in regionalen Fachbetrieben in Handarbeit schlachten.“ Vermarktet werden die Schweine als Ganzes, oder auch nach Kundenwünschen zerlegt. „Wir haben einen Metzger, der stellt für unsere Kunden ein Fleisch- oder Wurstpaket nach Wunsch zusammen.“ Inzwischen sind auch noch Kälber dazugekommen, die mit ihren Mutterkühen und Bullen als Herde aufwachsen. Wir wissen, dass wir gute Qualität liefern, und das bestätigen uns auch ganz viele Kunden“, zeigt sich das Ehepaar Schulze Wettendorf rundum zufrieden. „Denn in unserer Arbeit steckt auch ganz viel Herzblut.“

Einen anderen Weg der Direktvermarktung gehen Mechthild und Michael Roer. „Schon meine Eltern sind mit einem Marktstand in Münster präsent gewesen, und diese Tradition haben wir fortgesetzt“, berichtet Michael Roer. Mittwochs und samstags in der Zeit von 6.30 bis 12.30 Uhr steht der Stand auf dem Hubertiplatz in Münster. „Neben unseren 50 Kühen für die Milcherzeugung halten wir je nach Jahreszeit zwischen 400 und 600 Legehennen, deren Eier wir auf dem Wochenmarkt verkaufen.“ Dazu kommen saisonale Produkte wie Dicke Bohnen, Zucchini, Buschböhnchen oder Möhren. „Zudem haben wir prächtige Blumensträuße im Angebot, die wir selbst pflücken und binden“, ergänzt Mechthild Roer. Vervollständigt werde das Marktangebot durch Zukäufe wie beispielsweise Obst aus dem Alten Land.

Der Markt auf dem Hubertiplatz sei der kleinste Markt in Münster, und so entstehe hier auch eine besondere Kundenbeziehung. „Man kann schon fast die Uhr danach stellen, wer wann auf den Markt kommt“, scherzt Michael Roer. Als er sich einmal etwas verspätet habe, habe ihn ein Stammkunde mit ,Na, nicht aus den Federn gekommen‘, begrüßt. Für Menschen, die nicht mehr so gut zu Fuß sind, bringen die Roers die Produkte sogar nach Hause. „Die Kunden rufen uns an und sagen was sie brauchen“, beschreiben die beiden diesen Service und verweisen so auf einen weiteren Aspekt der Direktvermarktung.

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