Landwirtschaft und Kornbrennerei: Besuch auf dem Hof Gerbermann
Prozente und Perspektiven

Alverskirchen -

Ihre Lieblingsgetränke? Rharbarber und Blaubeere, Korn und Kräuter-Wacholder. Süß und herzhaft. Am liebsten aus eigener Produktion. Natürlich. „Süße Tropfen“ und „Feine Klassiker“ heißen die beiden Linien, die so manchen Gaumen entzücken. Auch den von Anne und André Gerbermann selbst. Es ist schon die fünfte Generation, die daran und an der Kombination aus Landwirtschaft und Kornbrennerei ihre helle – besser: klare – Freude hat. Eine Kombination, die selten geworden ist.

Samstag, 16.09.2017, 10:09 Uhr

Zwei Generationen und zwei Vollerwerbs-Betriebe: Anne und André Gerbermann sowie Martha und Josef Gerbermann (v.l.) mit einer Auswahl ihrer hochprozentigen Produkte in einem der Bullen-Ställe, die von einem vollautomatischen Futter-Roboter (im Hintergrund) versorgt werden.
Zwei Generationen und zwei Vollerwerbs-Betriebe: Anne und André Gerbermann sowie Martha und Josef Gerbermann (v.l.) mit einer Auswahl ihrer hochprozentigen Produkte in einem der Bullen-Ställe, die von einem vollautomatischen Futter-Roboter (im Hintergrund) versorgt werden. Foto: Klaus Meyer

„Es gibt Kunden, die auf den Hof kommen und Schnaps kaufen, die gar nicht realisieren, dass wir hier Landwirtschaft haben“, wundert sich Anne Gerbermann selbst ein wenig. „Das wird gar nicht wahrgenommen, dass wir noch Bullen-Ställe haben. Die fragen dann immer, ,wo sind denn hier die Tiere?‘.“ Na ganz einfach: gleich in den Gebäuden nebenan. „Das ist im Vergleich zu vielen Kornbrennereien auch heute nicht mehr üblich, dass die Kornbrennerei mit der Landwirtschaft eine Einheit bildet. Mir fällt keine Brennerei ein, die Vermarktung macht und Tierhaltung betreibt“, denkt André Gerbermann laut nach.

In den 70er-Jahren beherbergte der Hof noch etwa 50 Milchkühe, Schweine und Hühner, die gleich für die umliegende Gastronomie die Eier legten. Das ist schon länger vorbei. Eine zu hohe Arbeitsbelastung und das Problem, geeignete Mitarbeiter zu passenden Löhnen zu finden, sorgten bei Vater Josef Gerbermann für ein Umdenken. „Heute haben wir halt nur noch Bullen, die wir so großziehen, dass man daraus nachher leckere Steaks machen kann“, sagt André Gerbermann und fügt schmunzelnd hinzu: „Neben dem Lieblingsgetränk haben wir natürlich auch ein Lieblingsessen – Steaks.“ Etwa 100 Hektar Ackerland – eigenes und gepachtetes – für Getreide, Mais, Raps und Gras runden das landwirtschaftliche Portfolio ab. Seitdem das Paar 2001 den Betrieb übernahm, „haben wir die Landwirtschaft flächenmäßig wie auch in der Tierhaltung ausgeweitet“.

Landwirtschaft in Alverskirchen - die Serie

In aller Frühe aufstehen und bis zum Sonnenuntergang arbeiten, um die eigene Existenz zu sichern: Das Leben der Landwirte war über die Jahrhunderte ein schweres. Dazu kamen und kommen die Unwägbarkeiten des Wetters, das – wenn es unglücklich läuft – eine ganze Ernte und damit eine Existenz gefährden kann. Vor rund 100 Jahren arbeitete mehr als jeder dritte Erwerbstätige in der Landwirtschaft, heute sind es keine zwei Prozent mehr, wie man Zahlen des Statistischen Bundesamtes entnehmen kann. Parallel stieg durch den technischen Fortschritt und hoch effiziente Produktionsmittel die Produktivität rasant. Vor 100 Jahren lag der Ertrag beim Weizen pro Hektar bei 1 850 Kilogramm – heute sind es 7 330 Kilogramm. Bei den Kartoffeln stieg der Ertrag von 27 700 auf 62 900 Kilogramm. Ein Landwirt ernährte damals mit seiner Produktion durchschnittlich vier Personen, heute sind es laut Deutschem Bauernverband über 130. Landwirt zu sein, heißt heute viel Verantwortung zu tragen, mit immer neuen Vorgaben, Anforderungen und Herausforderungen klarzukommen, transparent zu arbeiten und qualitativ hochwertige Nahrungsmittel zu produzieren. Am Beispiel ausgewählter Alverskirchener Höfe wollen die Westfälischen Nachrichten in den nächsten Wochen im Rahmen einer Serie ganz unterschiedliche Facetten rund ums Thema Landwirtschaft beleuchten.

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Auf dem so idyllisch in der Bauerschaft Püning gelegenen, von Feldern, Wald und Wiesen umgebenen Hof, dessen Geschichte mindestens bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht, hat die Zukunft längst begonnen. Davon künden derzeit der weithin sichtbare Baukran, der den markanten Brennerei-Schornstein deutlich überragt, und der mehr als beeindruckende Futter-Roboter, der seit knapp zwei Jahren seinen Dienst verrichtet. Ein bemerkenswertes Präzisionsgerät einer holländischen Firma, das sich zunächst selbst das Futter mischt, um dann an einem Schienensystem hängend durch die Ställe zu gleiten, wo es – von lautem Bullen-Brüllen begrüßt – seine Futterladung verteilt und sich dabei noch selbst kontrolliert. „Das ist die Alverskirchener Schwebebahn“, merkt Gerbermann lachend mit Blick auf das große Passagier-Pendant in Wuppertal an. „Die Investition war schon erheblich. Als reiner landwirtschaftlicher Betrieb hätte man das vielleicht nicht unbedingt gemacht, aber weil wir praktisch immer zwei Herren dienen – Brennerei und Landwirtschaft – haben wir gesagt, wenn wir beidem gerecht werden wollen, müssen wir auch wieder Freiraum für den anderen Bereich entwickeln.“ Früher gingen fürs Füttern Stunden drauf, heute gehen die aufs Zeitkonto für die Brennerei.

Der Baukran und ein 30-Tonnen-Bagger stehen für die andere, aktuelle große Investition. Seit Januar läuft der Umbau, „weil wir nach Auslaufen des Branntweinmonopols selber wieder brennen möchten und damit auch spätestens 2018 beginnen werden“, skizziert André Gerbermann. Die Anlage steht bereits, Rohrleitungs- und Kläranlagenbau laufen derzeit. Die 1870 von Ur-Ur-Großvater Theodor Gerbermann gegründete Brennerei erlebt eine Neugeburt zur „gläsernen Brennerei“, bei der Besucher die Produktion künftig quasi live erleben können. „Wir selbst wollen unsere Marke wieder mehr in den Fokus rücken. Durch die neue Ausstattung und durch neue Produkte, die folgen werden durch die neue Brennanlage“, kündigt André Gerbermann große Veränderungen nach großen Anstrengungen an. „Wir drehen den Betrieb praktisch auf links“, ergänzt Ehefrau Anne. Das geht einher mit der Verlagerung des Büros vom Wohnhaus in den Brennerei-Trakt und der Einrichtung eines Verkaufs- sowie eines Online-Shops samt neuer Warenwirtschaft. „Wir haben eine kleine Marke, und wenn wir die kleine Marke am Leben erhalten wollen, müssen wir auch offensiver werden“, sagt Unternehmer Gerbermann.

Landwirtschaft und Brennerei – für Gerbermanns ein zukunftsfähiges Kreislauf-Modell. „Die Landwirtschaft stellt die Nutzfläche zur Verfügung, um das Getreide anzubauen. Das Getreide geht dann in die Brennerei, wird dort zu Alkohol veredelt. Das Abfallprodukt geht wieder zurück in die Tierhaltung, und die Tierhaltung hat auch Ausscheidungen über Mist und Gülle, und das geht dann wieder zurück als Nährstoffe aufs Feld“, zeichnet Gerbermann den Kreislauf nach. Dazu kommen eine Hackschnitzel-Heizung und eine Photovoltaik-Anlage, die eigenen Strom produziert; Restholz aus dem eigenen Wald wird verwertet, um den Dampfbetrieb in der Brennerei zu unterstützen.

Prozente und Perspektiven auf dem Hof Gerbermann. „Ideen haben wir so viele – sie müssen nur alle umgesetzt werden. Und erfolgswirksam . . . das ist ja nicht nur Hobby“, sagt Anne Gerbermann und zeigt dabei ein Lächeln, das so nachhaltig wirkt wie die ganze Betriebsphilosophie. Ende der Serie

Ende des Branntwein-Monopols nach 100 Jahren

Schnaps zu brennen, war für Landwirte früher ein lukratives Geschäft und sicherte die landwirtschaftliche Urproduktion. Die unkontrollierte Herstellung von Branntwein wurde im Juli 1918 gebremst, als das Deutsche Reich ein Monopol auf die Herstellung und den Vertrieb von hochprozentigen Spirituosen erhob. Die damit einhergehende Steuer sollte dem bankrotten Staat zu neuen Einnahmen verhelfen. 1976 begann der Anfang vom Ende dieser Regelung: Der Europäische Gerichtshof befand, dass das Einfuhrmonopol nicht dem EG-Vertrag entsprach und auch Brennereien aus anderen europäischen Ländern Branntwein nach Deutschland exportieren durften. Der war meist viel billiger als der deutsche. 1999 dann erhielten die großen deutschen Brennereien die Genehmigung, Branntwein außerhalb des Monopols zu produzieren. Deutsche Brennereien gerieten in Schieflage und der Staat sprang ein: Er kaufte den Brennern ihren Rohalkohol nicht zum Marktwert ab, sondern zu einem Preis, der sich an den Herstellungskosten der Brennerei orientierte – etwa 150 Euro pro Hektoliter. Diese Art der Subvention kostete den Staat jährlich rund 80 Millionen Euro. Auf Druck der EU ist nun Schluss damit. Schon 2013 wurde das Ende des Branntweinmonopols beschlossen, jetzt zum 30. September 2017 läuft die Übergangszeit aus. Der produzierte Alkohol muss künftig voll und direkt nach dem Brennvorgang versteuert werden. Für viele Brennereien bedeutet es das Aus, wenn sie nicht den Weg der Direktvermarktung einschlagen. André Gerbermann dazu: „Es gibt deutschlandweit viele Neueinsteiger, die sich jetzt im Bereich Spirituosen versuchen, weil sie sich über vorherige Verdienste dies leisten können und es aus einer fernen Branche heraus versuchen. Die über Generationen schon existierenden Brennereien – insbesondere die, die nie eine Vermarktung betrieben haben, sondern immer nur Rohalkohol an den Staat geliefert haben, haben tendenziell fast alle geschlossen. Etliche warten ab, ob es in diesem Bereich noch einmal lukrativ sein könnte, Rohalkohol zu produzieren.“ Mit ihren künftigen Produkten müssen sich die Neu-Brenner auf einem Alkohol-Markt behaupten, der als gesättigt gilt und von Großbrennereien mit ihren aus billigerem ausländischen Alkohol industriell gefertigten Likören und Schnäpsen beherrscht wird. Laut Statistik trinkt jeder Deutsche im durchschnittlich 135 Liter alkoholische Getränke – rund fünf Liter davon sind hochprozentige Spirituosen. -km-

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