Interview mit Bürgermeister Sebastian Seidel zur Problematik „Wohnen im Gewerbegebiet“
„Situation ist nicht zufriedenstellend“

Everswinkel -

Das Zwangsversteigerungsverfahren des Wohnhauses Am Haus Langen wirft Fragen auf, weil das Grundstück im Bebauungsplan 11 der Gemeinde als Gewerbegebiet ausgewiesen ist. WN-Redakteur Klaus Meyer sprach darüber mit Bürgermeister Seidel.

Samstag, 20.01.2018, 09:01 Uhr

Blick auf den aktuellen Bebauungsplan 11: Der grün umrahmte Bereich links zeigt die Häuserreihe Am Haus Langen, die zum Gewerbegebiet zählt und mit einem Gewerbebetrieb verbunden sein muss, um als Wohnraum für Betriebsangehörige genutzt werden zu können.
Blick auf den aktuellen Bebauungsplan 11: Der grün umrahmte Bereich links zeigt die Häuserreihe Am Haus Langen, die zum Gewerbegebiet zählt und mit einem Gewerbebetrieb verbunden sein muss, um als Wohnraum für Betriebsangehörige genutzt werden zu können. Foto: Gemeinde

Everswinkel kann zusätzlichen Wohnraum gut gebrauchen. Nun wird ein Grundstück mit Wohnhaus Am Haus Langen zwangsversteigert und niemand darf drin wohnen. Verrückt, oder?

Sebastian Seidel : Abgesehen davon, dass wir mit diesem Gebäude den Wohnraumbedarf nur in geringem Maße befriedigen könnten, ist die Situation in der Tat nicht zufriedenstellend. Der Bebauungsplan sieht an der Stelle vor, dass in dem Gebäude nur betriebsbedingtes Wohnen zulässig ist. Die Situation rührt daher, dass die Verantwortlichen 1975 mit Aufstellung des Bebauungsplans einen verträglichen Übergang zwischen Gewerbe- und Industriegelände am Boschweg und Wohngebiet auf der anderen Straßenseite Am Haus Langen finden mussten. Produzierendes Gewerbe direkt gegenüber der vorhandenen Wohnbebauung wäre nur schwer möglich gewesen. So hat man dort im Übergang Betriebsleiterwohnhäuser angesiedelt. Wer als Gewerbetreibender neben seinem Betrieb im Gewerbegebiet wohnt, muss – was Immissionen betrifft – mehr hinnehmen, als jemand, der im Allgemeinen Wohngebiet wohnt. In der Vergangenheit hat die Gemeinde in den Bebauungsplänen für Gewerbegebiete auch Betriebsleiterwohnungen zugelassen. Die Erfahrung zeigt aber, dass es bei Eigentümerwechseln oder Betriebsübergaben dann doch oft Probleme im Nebeneinander von Wohnen und Gewerbe gibt. Daher gehen wir damit in neuen Gewerbegebieten eher restriktiv um.

Nun gibt es den Betrieb dort gar nicht mehr. Ein neues Gewerbe ist aber laut Gutachten wohl auch nicht zulässig. Damit scheinen Grundstück und Gebäude augenblicklich praktisch nicht nutzbar.

Seidel: Der Bebauungsplan sieht vor, dass dort nur eine Wohnnutzung für Aufsichts- und Bereitschaftspersonen sowie Betriebsinhaber und Betriebsleiter zulässig ist. Die Nutzungsmöglichkeiten sind dadurch in der Tat eingeschränkt.

Kann ein bestehendes Wohnhaus, dessen Genehmigung seinerzeit an die Verbindung zu einem Gewerbebetrieb geknüpft war, denn so ohne weiteres frei an Dritte verkauft werden?

Seidel: Hier muss man unterscheiden zwischen dem Verkauf und der gewünschten Nutzung. Einem Verkauf steht nichts im Wege. Schwieriger wird es mit den Nutzungsmöglichkeiten. Da kann es zu den bereits benannten Einschränkungen kommen.

Wäre eine Änderung des Bebauungsplans mit Ausweisung eines Mischgebietes am Rande des Gewerbegebietes eine Möglichkeit? Kann und will die Gemeinde da eine Lösung finden?

Seidel: Wie genau eine Lösung aussehen könnte, stimmen wir gerade verwaltungsintern ab. Zu berücksichtigen ist an dieser Stelle, dass auf der einen Seite ein Wohngebiet und auf der anderen Seite ein Gewerbegebiet angrenzt. Um Nutzungskonflikte zu vermeiden, müssen hier verschiedene Punkte abgeklopft werden. Absolute Priorität hat dabei für die Gemeinde, dass die im Gewerbegebiet ansässigen Betriebe nicht eingeschränkt werden. Daher nimmt die verwaltungsinterne Vorarbeit noch einige Zeit in Anspruch, bis wir mit dem Thema in die zuständigen Ausschüsse gehen können. Die Fraktionsspitzen habe ich vor einigen Wochen über unser Vorgehen informiert.

Die Grundstücke sind seinerzeit sicherlich zu einem günstigeren Preis verkauft worden als herkömmliche Wohnbau-Grundstücke. Wenn dieser Bereich im Bebauungsplan umgewidmet würde, müssten die heutigen Hausbesitzer da mit Folgekosten rechnen?

Seidel: Nein, es gibt Kaufverträge, an die sich alle Beteiligten zu halten haben. Ein anderer Fall wäre es, wenn Nachzahlungsklauseln enthalten wären. Dem ist hier aber nicht so.

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