Referat über „Fremde in Westfalen“
Zuwanderung ist schon seit Jahrhunderten Thema

Everswinkel -

Mit der Flüchtlingskrise, die im Jahr 2015 ihren Höhepunkt erlangte, stieg bei vielen Menschen die Sorge um die Gefahr einer „Überfremdung“. Dass ein Zuzug von Fremden zur historischen Wirklichkeit seit vielen Jahrhunderten gehört, zeigte Gisbert Strotdrees bei seinem Vortrag auf Einladung des Katholischen Bildungswerkes im Pfarrheim St. Magnus.

Montag, 14.05.2018, 17:05 Uhr

Zuwanderung? „Gibt es schon seit Jahrhunderten!“, relativierte Gisbert Strotdrees die derzeitige Flüchtlingsdebatte.
Zuwanderung? „Gibt es schon seit Jahrhunderten!“, relativierte Gisbert Strotdrees die derzeitige Flüchtlingsdebatte. Foto: Günther Wehmeyer

Strotdrees ist Historiker und Journalist und hatte sein Referat „Fremde in Westfalen – Eine andere Heimatgeschichte“ überschrieben. Schon im 17. Jahrhundert seien Glockengießer nach Westfalen gekommen. Nach dem 30-jährigen Krieg habe es viele Wanderhand-werker gegeben, die sich hier ihr Geld verdient hätten, zum Beispiel aus dem italienischen Teil von Tirol. „Die sind mit den Flößern über den Rhein nach Norddeutschland gekommen und haben hier beim Bau der Wasserschlösser mitgearbeitet“, berichtete Strotdrees von einer wenig bekannten historischen Gegebenheit. Auch das Münsteraner Schloss sei in wesentlichen Teilen mit deren Hilfe entstanden.

„Vor etwa 250 Jahren gab es in Westfalen kaum eine Stadt ohne italienische Zinngießer“, nannte der Historiker eine weitere Berufsgruppe, die sich im Münsterland etablierte. Mit Blick auf das 19. Jahrhundert verwies Strotdrees auf nahezu eine halbe Million Menschen aus Schlesien und Masuren, die im Ruhrgebiet im Bergbau gearbeitet und letztlich das Ruhrgebiet mit aufgebaut hätten.

Im zweiten Teil seines Vortrags befasste sich der Referent mit dem Zuzug der Vertriebenen im Nachkriegsdeutschland und den geflohenen Menschen aus den aktuellen Kriegsgebieten. Dabei stellte er Parallelen, aber auch Unterschiede heraus. „Insgesamt 12,5 Millionen Menschen sind in den Jahren von 1945 bis 1949 in die vier Besatzungszonen übergesiedelt, davon sind 1,3 Millionen in Nordrhein-Westfalen angekommen“, umriss Strotdrees die Dimension der Vertreibung. Die Menschen seien damals zur Flucht gezwungen worden und hätten somit keine Alternative gehabt. Die Frage ‚Schaffen wir das?‘ habe sich erst gar nicht gestellt. Die wirtschaftliche Situation sei mit der heutigen nicht vergleichbar gewesen, denn auch die einheimische Bevölkerung habe nur satt werden können, weil Amerikaner und Briten mit Nahrungsmitteln aushalfen.

Bei der aktuellen Flüchtlingssituation sei einzuräumen, dass viele unterschiedliche ethnische Gruppen vertreten sind, was die Lage erschwere. „Wir profitieren jedoch von den Erfahrungen, die damals gemacht worden sind“, lautete Strotdrees Fazit. Die Integration benötige Zeit und sei eine Generationenaufgabe bei der Geduld auf beiden Seiten gefragt sei.

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