Ein Besuch bei Spargelkönigin Christine Hengemann
„Meeting with the Queen“

Everswinkel -

Das rote Kleid und die weiße Schärpe hängen schon lange im Schrank. Gewaschen, gebügelt, geschützt. So, wie auch das weiße Edelgemüse längst aus dem Blickfeld verschwunden ist. Der Spargel hat Sommer-, Herbst- und Winterpause. Damit ist auch die Königin derzeit „arbeitslos“. Keine Repräsentationstermine, keine Hoffeste, keine Schäl-Wettbewerbe, keine Vorträge. Halbzeitpause für Christine Hengemann. Zeit zum Durchatmen für die nordrhein-westfälische Spargelkönigin 2018/2019 nach elf intensiven Wochen von April bis Juni, in denen sich fast alles ums weiße Feld-Gold drehte.

Samstag, 15.09.2018, 09:38 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 15.09.2018, 09:38 Uhr
Zwei Jahre lang ist Christine Hengemann als Spargelkönigin NRW die Repräsentatin des Edel-Gemüses. Für die Termine in dieser Saison hatte sie auch ein königliches Gefährt zur Verfügung, mit dem sie reichlich Aufmerksamkeit erregte.
Zwei Jahre lang ist Christine Hengemann als Spargelkönigin NRW die Repräsentatin des Edel-Gemüses. Für die Termine in dieser Saison hatte sie auch ein königliches Gefährt zur Verfügung, mit dem sie reichlich Aufmerksamkeit erregte. Foto: Spargelstrasse NRW/Schubert

Zeit auch für die 21-Jährige, sich auf den Ausbildungs-Abschluss zur Industriekauffrau im Januar zu konzentrieren. Wobei die Kollegen beim Telgter Unternehmen Winkhaus die Everswinkelerin derzeit doch eher mit Spargel in Verbindung bringen.

Sie hört es „mindestens noch einmal täglich: ,Ach, da kommt ja die Spargelkönigin.‘“ Der Titel wirkt nachhaltig. „Ich hätte nie gedacht, dass das so ein Ausmaß annimmt – aber im Positiven“, strahlt sie mit einem königlichen Lächeln, das ein pures Glücklichsein signalisiert. Natürlich hatte sie vor der Bewerbung seinerzeit überlegt, „soll ich das wirklich machen, was kommt da auf mich zu“. Aber die Krönung musste ja zwangsläufig mal kommen. „Meine Mutter hat früher gesagt, ,Du wirst ja irgendwann mal Spargelkönigin‘. Das war immer mehr so ein Witz. Und dann bin ich es geworden – ist schon verrückt.“ Mutter Sabine Hengemann ist jetzt „Queen Mum“.

Die hatte auch den Impuls gegeben. Eines Morgens schob sie ihrer Tochter beim Frühstück einen Flyer der Spargelstraße NRW zu. Neue Königin gesucht; 18 bis 25 Jahre alt, mit Zeit und der Fähigkeit, offen auf Menschen zugehen zu können, und natürlich mit Kenntnissen zum Spargel. „Na, was hälst Du denn davon?“ Bedenkzeit, Diskussionen, „dann habe ich gedacht, ,komm, Du nimmst das an; da kannst nur daraus lernen‘ und habe mich beworben.“ Zur Saisoneröffnung in Lünen mit Ministerin Schulze Föcking kannte sie schon das Wahlergebnis. „Ich habe mich riesig gefreut.“

Die Ministerin ist schon Geschichte, Spargelkönigin Christine Hengemann im nächsten Jahr wieder unterwegs. Vielleicht wieder in einem von einem Sponsor zur Verfügung gestellten königlichen Fahrzeug für die ganzen Termine im Land. Diesmal war es ein weißer Fiat 500 mit fetter Beschriftung: ,Spargelkönigin 2018‘. „Wenn ich auf der Autobahn im Stau stand, war das schon oft recht lustig. Aber alle haben immer den Daumen hoch gezeigt“, lacht sie.

Fürs Foto hat Christine Hengemann noch einmal ihr Kleid aus dem Schrank geholt. Fürs nächste Jahr gibt‘s ein neues.

Fürs Foto hat Christine Hengemann noch einmal ihr Kleid aus dem Schrank geholt. Fürs nächste Jahr gibt‘s ein neues. Foto: Klaus Meyer

Ändern wird sich auch ihr Kleid. Das burgunderrote hatte sie zusammen mit ihrer Mutter in Münster ausgesucht – und sich gegen die Empfehlung der Verkäuferinnen entschieden. Die hatten beim Gedanken an eine Königin alle klischeehaft zu einem langen Kleid geraten. Für die 21-Jährige sollte das Kleidungsstück aber auch praktisch sein. Also kürzer. „Ich bin eine Spargelkönigin, die ja auch anpacken muss.“ Hoffeste, Spargel stechen, Spargel schälen und so weiter. Außerdem wollte sie auch authentisch bleiben. „Ich bin ja schon ein Mädchen vom Lande, und ich repräsentiere ein Produkt – Spargel.“ Ein Produkt, mit dem schon ihr Opa angefangen hat und mit dem sie aufgewachsen ist. Ein edles Produkt, dessen Reiz darin liege, nur für eine gewisse Zeit im Jahr verfügbar zu sein. „Ich bin stolz, dass ich dieses Produkt vertreten darf. Ich würde jetzt nicht gerne Kartoffel-Königin sein“, sagt sie mit ihrem gewinnenden Lächeln, das sie vermutlich nur jenen vorenthält, die ihr auf dem Spielfeld als Gegnerinnen im Weg stehen. Handballsport ist ihr Hobby und Ausgleich.

Sportlich war auch die Königinnen-Saison. Rund zehn offizielle Termine waren es plus kleinere Gastspiele. Da blieb nicht viel Zeit für eigene Freizeitplanungen. Viele Begegnungen, viele Gespräche. Dazu mit Kleid und Krone auch mal die Gäste auf dem heimischen Spargelhof Hengemann überraschen. „Es war für mich auch spannend, mal auf den anderen Spargelhöfen zu sehen, wie machen die das, und sich mit den Landwirten dort zu unterhalten.“ In Erinnerung bleiben ihr zum Beispiel die fröhlichen Rheinländer, wo auch zur Spargelzeit karnevalistische Stimmung herrschte, und wo ein Bürgermeister unvermittelt auf sie zukam, ihr ein Mikrofon in die Hand drückte und verkündete, „so, jetzt spricht die Spargelkönigin zu Ihnen“. Rumms. Überraschung gelungen. Oder der Termin in der Eifel, wo sie zwei Spargelschäl-Wettbewerbe moderierte und quasi in die Entertainer-Rolle schlüpfte. Nicht so schnell vergessen wird sie auch den Besuch der beiden Reporterinnen aus London, die für die Sonderausgabe „Food“ des „National Geographic Traveller“ zum Thema „die Deutschen und ihre kulinarische Leidenschaft Spargel“ recherchierten, drei Tage in Münster weilten und unbedingt die Spargelkönigin treffen wollten. „Meet the Queen“. No Problem. „Das fand ich total cool. Wow, jetzt bin ich in einer englischen Zeitschrift.“

Die Spargel-Saison 2018 lief für die Familie Hengemann sehr gut, die Königin-Saison ebenso. „Ich bin jetzt auch stolz, dass ich das gemeistert habe. Dem zweiten Jahr gehe ich auf jeden Fall gelassener entgegen. Ich freue mich jetzt richtig, weil ich weiß, was kommt. Natürlich kann mich auch noch etwas überraschen, aber das macht es ja auch so reizvoll“, sagt sie. Vielleicht überrascht sie ja noch der Bürgermeister mit einem Eintrag ins Goldene Buch der Gemeinde. Die „Spargelkönigin NRW“ Christine Hengemann und zuvor die „Deutsche Weihnachtsbaumkönigin“ Ina Püning. Solche Signaturen sollte man sich nicht entgehen lassen. Königinnen wachsen ja schließlich nicht auf Spargelfeldern oder an Tannenbäumen.

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