7. Everswinkeler Krimi-Nacht: Drei Autoren, drei „Tatorte“
Messerscharf, gnadenlos, grotesk

Everswinkel -

Chillen, Thrillen, Killen: Die 7. Everswinkeler Krimi-Nacht hatte der Kulturkreis in schönstem „Denglisch“ überschrieben. Da gab es nach fünf Jahren ein Wiedersehen mit drei Autoren: Jutta Wilbertz, Regina Schleheck und Klaus Stickelbroeck. Es war ein Abend, der an drei „Tatorten“ messerscharfe Pointen, gnadenlose Abrechnungen und groteske Mordfälle bot.

Dienstag, 13.11.2018, 16:08 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 10.11.2018, 09:07 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 13.11.2018, 16:08 Uhr
Sorgten bei der 7. Everswinkeler Krimi-Nacht für Spannung und Spaß durch bisweilen skurrile und aberwitzige Mordfälle: Jutta Wilbertz, Regina Schleheck und Klaus Stickelbroek (v.l.).
Sorgten bei der 7. Everswinkeler Krimi-Nacht für Spannung und Spaß durch bisweilen skurrile und aberwitzige Mordfälle: Jutta Wilbertz, Regina Schleheck und Klaus Stickelbroek (v.l.). Foto: Ulrich Coppel

Das ist aber eine unangenehme Überraschung, wenn einem der Ex aus Italien an den halb Urlaubs-, halb Arbeitsort an der Nordseeküste nachreist. Fast schon lästig. Was soll‘s, dachte sich die junge Hauptfigur, bloß nicht die Laune verderben lassen. Einfach mal gute Mine machen, so tun als ob alles in bester Ordnung sei, und bloß nicht auffallen: Ein Aperitif, ein kleiner gemeinsamer Strandspaziergang – und dann und ab in die Wüste mit ihm. Besser gesagt in die Nordsee. Jedenfalls wird es für die, die ihn dann irgendwann finden, so aussehen, als sei er ertrunken und nicht an einer Überdosis Schlaftabletten in seinem Whiskey gestorben. So geschehen in Jutta Wilbertz gelesenem Krimi.

Auch die beiden anderen Autoren Regina Schleheck und Klaus Stickelbroeck gaben Kostproben ihrer Werke. Das Konzept der drei Veranstaltungsorte – Rathaus und die Gasthöfe Diepenbrock und Arning – ging voll auf. 144 verkaufte Tickets – ausverkauft. Während sich das Publikum nach rund 30 Minuten Lesung jeweils vor Ort stärken konnte, zogen die Autoren um. Gute zwei Stunden später hatte jeder Autor „Schlender-Krimilesung“. Stilistische Unterschiede der drei lockerten die ohnehin beste Unterhaltung auf.

„Tatort“ Gasthof Diepenbrock.

„Tatort“ Gasthof Diepenbrock.

Wilbertz ist lakonisch, und ihre Pointen sind messerscharf. Die weibliche Protagonistin beschreibt sie aus der Ich-Perspektive als absolut egoistisch und eiskalt. Ihre Zugabe, ein bitterböses Lied von einer alleinerziehenden, Hartz IV beziehenden Mutter, die von ihrem Sprössling die Ansage erhält, dass er forthin lieber zum Vater zöge, weil der ihm ein eigenes Handy und eine Playstation biete, war eine Umtextung zur Melodie von „Denn wir sind kölsche Mädcher“. An dem Flittchen, wegen der sie ihr Ex einst verließ, bleibt natürlich kein gutes Haar. Aber schließlich ist der undankbare Sohn dran, stellvertretend sozusagen. Der überlebt den Mordversuch nur – noch so eine Pointe: „Weil das Publikum von Müttern ermordete Kinder nicht möge. Jedenfalls muss die geschundene Mama am Ende auch noch ins Gefängnis.

Astrid, die kleine Protagonistin aus Regina Schlehecks erster Geschichte, lebt in einer pink-rosafarbenen Welt aus Barbie-Puppen und Himmelbett. Die Kurzgeschichte ist kein Krimi, sondern eine gnadenlos-bizarr beschriebene Abrechnung mit verniedlichendem Mädchen-Kitsch und allem was dazu gehört. Alle erdenklichen diesbezüglichen Klischees walzt die Kölnerin genüsslich bis zur „K....“-Grenze aus. Ihre zweite Geschichte handelt von einem Stuttgarter Ehepaar im Ostsee-Urlaub. Er mietet für die ganze Woche ein Bötchen zum Angeln, sie macht derweil die Hausarbeit. Jeden Tag bereitet ihnen der Vierbeiner „Basker“ ein neues „Geschenk“. Erst liegen die beiden streunenden Nachbarkatzen auf der Terrasse, dann der Obdachlose, der schon mal in den Gärten unbewohnter Ferienhäuser übernachtet – und schließlich die Nachbarn selbst: Allesamt entsorgt sie der Ehemann mit dem Boot in der Ostsee, während sie alle Spuren beseitigt. Jedes Mal kehrt er von seinen makaberen Ausfahrten mit frischen Frühstücksbrötchen zurück. Am Ende gilt im ganzen Dorf ein weiträumiges Badeverbot, weil Haie als Verursacher der blutigen Attacken vermutet werden.

“Tatort“ Gasthof Arning.

“Tatort“ Gasthof Arning.

Klaus Stickelbrock ist im wahren Leben Kriminalbeamter aus Düsseldorf. Doch auch in der Freizeit lassen den Autor Mord und Totschlag nicht los. Allerdings kommen sämtliche Figuren seiner ersten Geschichte anders um, nämlich durch groteske Unfälle. Seine Geschichte „Killer-Aufguss“ wäre ein Fall für den „Darwin-Award“, wenn sie sich in der Realität zugetragen hätte, denn mit diesem werden posthum Menschen geehrt, die sich auf möglichst spektakuläre Weise aus dem Genpool der Menschheit verabschiedet haben. Bei Stickelbroeck geht das so: In einer Sauna stolpern die zuvor grotesk überzeichneten Charaktere, ein Bodybuilder, eine ausgebreitet „glitschig“ daliegende Saunabesucherin, und eine gepiercte „Indianerin“, die die Sauna dick geschminkt besucht, am Ende derart ungeschickt übereinander, dass alle tot sind.

Inspiriert durch die Lektüre des Bestsellers „Shades of Grey“ probiert in Stickelbroecks zweiter Geschichte Normalverbraucherin Rita während des Nordsee-Urlaubs mit ihrem Mann, mal das etwas angestaubte Liebesleben wiederzubeleben. Nach allerlei Klamauk lässt sie ihr hierdurch genervter Pantoffelheld in Handschellen gefesselt im Hotelzimmer auf Borkum allein zurück. Das alles erzählt die rheinische Frohnatur Stickelbroeck mit einem solchen Drive, dass anschließend eine Besucherin in den Saal ruft: „Ihr Buch kauf ich nur, wenn Sie es mir vorlesen.“ Herrlich!

„Tatort“ Rathaus.

„Tatort“ Rathaus.

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