Sicherstellung von Sichtdreiecken könnte viele Bäume kosten
Kahlschlag an der Kreisstraße?

Alverskirchen/Everswinkel -

Droht jetzt der große Kahlschlag? Ist das das Ende der ohnehin nur noch wenigen Alleen? Man muss es befürchten, wenn man auf die derzeitigen Aktivitäten in einigen Kommunen des Kreises schaut. Kommunalverwaltungen sind emsig damit beschäftigt, die Sichtdreiecke an Straßeneinmündungen zu überprüfen und möglicherweise sichtbehindernde Bäume zu katologisieren. Bäume, denen die Motorsäge droht. Auch die Vitus-Gemeinde ist damit beschäftigt. Mit möglicherweise dramatischen Konsequenzen.

Samstag, 16.02.2019, 09:30 Uhr aktualisiert: 16.02.2019, 09:50 Uhr
Sonnenuntergang an der Allee nach Wolbeck (K3) am späten Donnerstagnachmittag kurz vor Beginn der Bezirksausschusssitzung. In der informierte die Gemeinde über notwendige Maßnahmen zur Sicherstellung von Sichtdreiecken beim Einbiegen auf die Kreisstraße. Unterm Strich droht dort allein 15 Bäumen auf Gemeindegrund die Abholzung.
Sonnenuntergang an der Allee nach Wolbeck (K3) am späten Donnerstagnachmittag kurz vor Beginn der Bezirksausschusssitzung. In der informierte die Gemeinde über notwendige Maßnahmen zur Sicherstellung von Sichtdreiecken beim Einbiegen auf die Kreisstraße. Unterm Strich droht dort allein 15 Bäumen auf Gemeindegrund die Abholzung. Foto: Klaus Meyer

An der Allee von Alverskirchen in Richtung Wolbeck könnten allein auf Gemeindegebiet 15 der geschätzt 40 bis 80 Jahre alten Linden fallen. Die Ernüchterung war spürbar im Bezirksausschuss am Donnerstagabend, als Umweltberater Bernd Schumacher dieses Thema unter dem Punkt „Bericht der Verwaltung“ anschnitt. Auslöser ist ein Vorfall in Wadersloh-Liesborn. Am 5. September 2017 war ein 17-jähriger Motorradfahrer gegen einen Trecker mit Gülle-Anhänger geprallt, der auf die Landstraße eingebogen war und die Vorfahrt missachtet hatte. Der 17-Jährige starb im Krankenhaus. Nicht nur gegen den 25-jährigen Trecker-Fahrer wurde Anklage wegen fahrlässiger Tötung erhoben, sondern auch gegen zwei Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung, die für den Bereich Straßen verantwortlich sind. Der Trecker-Fahrer hatte die fehlende Sicht auf die Straße durch ein hohes, bis an den Straßenrand ragendes Maisfeld angegeben. Den Gemeindemitarbeitern wird vorgeworfen, für den Unfall mitverantwortlich zu sein, weil sie ihre Pflicht vernachlässigt und nicht für ausreichend gute Sichtverhältnisse an der Straße gesorgt hätten. 200 Meter seien an der Stelle vorgeschrieben, tatsächlich seien es laut Oberstaatsanwalt unr 83 Meter (die WN berichteten).

Nun sind offenbar viele Bürgermeister aufgeschreckt und befürchten ähnliche Probleme im Falle ähnlich gelagerter Unfälle. Als Regelgrundlagen für die Einhaltung von Sichtdreiecken nannte Schumacher das Straßen- und Wegegesetz NRW, die Richtlinien für die Anlage von Straßen, § 823 des BGB (Schadensersatzpflicht) und die Verordnung über Kreuzungsanlagen öffentlicher Straßen. Die Gemeinde müsse tätig werden, weil sie in der Verkehrssicherungspflicht stehe und notfalls hafte. In einem ersten Aufschlag wurden die Kreisstraße 3 und 33 von der Gemeinde überprüft und das Ergebnis dem Kreis (als Eigentümer der Straße und der Bäume) mitgeteilt. Jede einzelne Ausfahrt sei auf den beiden Straßen gecheckt worden. Auch einen Ortstermin mit dem Kreis gab es schon.

An der K33 ist ein Baum betroffen nahe Gut Brückhausen, an der K3 in Richtung Wolbeck sind es dagegen 15 Bäume. „Über zwei bis drei kann man reden, aber die anderen müssen wohl weg“, prognostiziert der Umweltberater. Die Größe der Sichtdreiecke ist auch abhängig von der gültigen Höchstgeschwindigkeit im jeweiligen Bereich. An der Ausfahrt des Neubauprojekts Püning 15 etwa gilt Tempo 50 und damit eine Sichtvorgabe von 70 Metern in beide Richtungen. Im Ergebnis muss dort mindestens ein Baum entfernt werden, es könnten auch zwei werden.

Nach der gemeindlichen Meldung ist nun der Kreis am Zug. Es müsse nach einer Lösung gesucht werden – „sobald eine Regelung da ist, werden wir auch schnell aktiv“, so Schumacher mit Blick auf den 28. Februar. Danach beginnt die gemäß Bundesnaturschutzgesetz bis 30. September geltende Schonfrist bzw. das Schnitt- und Fällverbot für Bäume, Sträucher und Hecken. Die Gemeinde ist aber noch lange nicht mit dem Thema durch. Etliche weitere obligatorische Überprüfungen an Straßen und Wirtschaftswegen müssen noch folgen. Künftig gilt es für die Gemeinde auch landwirtschaftliche Felder im Blick zu halten, wo eventuell hoher Mais zu nah an einer Straße steht, und einzugreifen. Reichlich zusätzliche Arbeit kündigt sich an. Und vielerorts die – im wahrsten Sinne des Wortes – Beschneidung ländlicher Idylle. Eigentlich sind Alleen geschützte Landschaftsbestandteile.

BTA-Sprecher Peter Kretschmer konnte am Donnerstagabend nur mit dem Kopf schütteln. Das BTA habe sich stets für den Erhalt von Bäumen ausgesprochen. „Das rigorose Wegpöhlen von Alleen, die vielleicht 100 Jahre gestanden haben – da werden wir uns nicht einfach mit einverstanden erklären.“

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