Bedingungsloses Grundeinkommen: Sascha Liebermann in der Waldorfschule
Was ist der Gesellschaft wichtig?

Everswinkel -

Es ist ein Dienstagmorgen in der Mensa der Freien Waldorfschule Everswinkel. „Was ist eigentlich Arbeit?“, möchte Prof. Dr. Sascha Liebermann von der Schülerschaft der Oberstufe wissen. Schnell kommt er mit ihnen ins Gespräch. „Arbeit ist, acht Stunden in ein Büro zu gehen. Arbeit ist, in einer KiTa für Kinder da zu sein. Sie zu waschen, anzuziehen, Essen zu kochen, mit ihnen zu spielen. Keine Arbeit aber ist es, wenn man dasselbe für die eigenen Kinder daheim macht. Obwohl es dieselbe Tätigkeit ist. Wo ist der Unterschied?“

Mittwoch, 06.03.2019, 06:34 Uhr aktualisiert: 06.03.2019, 06:40 Uhr
Prof. Dr. Sascha Liebermann referierte zum Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“ und diskutierte mit Schülern dazu.
Prof. Dr. Sascha Liebermann referierte zum Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“ und diskutierte mit Schülern dazu. Foto: Johannes Kalsow

„Ich glaube, es ist keine Arbeit, wenn man etwas sowieso machen muss“, überlegt eine Schülerin. „Wenn es nicht freiwillig ist.“ Liebermann bringt es auf den Punkt: „Der Unterschied ist das Geld. Als Arbeit gilt alles, was bezahlt wird. Lehrer sein ist Arbeit. Bei der Freiwilligen Feuerwehr zu sein ist keine Arbeit. Es ist ehrenamtlich.“ Er verdeutlich, worauf er hinaus will: Die Gesellschaft honoriere manche Tätigkeiten mehr als andere, indem sie ihr einen Wert in Form von Geld verleihe. Dabei sei die Gesellschaft auf die vielen unbezahlten Tätigkeiten angewiesen. Diese aber könnten erst dann verrichtet werden, wenn vorher „echte Arbeit“ geleistet worden sei, die das lebensnotwendige Geld eingebracht habe: Durch den Zwang, einer bezahlten Arbeit nachzugehen, bleibe aber manches, was eigentlich fundamental wichtig sei, auf der Strecke. Zum Beispiel ausreichend für die eigenen Kinder da zu sein, heißt es in der Presseinformation der Waldorfschule zu dem Liebermann-Besuch.

Liebermann wirbt für ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger. Als Idee gebe es das zwar schon eine Weile, habe aber praktisch immer als utopisch gegolten. Seit einigen Jahren komme die Utopie allerdings verstärkt in die politische Diskussion. In Finnland werde das Grundeinkommen derzeit sogar getestet. In Deutschland habe zuletzt Richard David Precht in seinem Bestseller „Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ für das bedingungslose Grundeinkommen geworben. Liebermann relativiert Prechts Ansatz, dass in naher Zukunft weite Bereiche der Arbeitswelt von Maschinen und künstlicher Intelligenz übernommen und die Menschen automatisch vom Arbeitszwang erlöst würden. Stattdessen versucht er den Schülern vorzurechnen, wie der Erlös aller menschlicher Arbeit in einem Staat, das Bruttoinlandsprodukt (BIP), so aufgeteilt werden könnte, dass ein Grundeinkommen für jeden vielleicht möglich wäre. Er malt einen Kuchenkreis aufs Whiteboard, unterteilt ihn in Stücke, kritzelt BIP daneben. Ab hier, so geben einige Schüler später an, hätten sie Schwierigkeiten bekommen, den Ausführungen zu folgen.

Dennoch bricht die Diskussion nicht ab. Genaues Mitdenken ist jetzt gefragt. Die Gesprächsteilnehmer steigen ein in zentrale Fragen der Wirtschaftspolitik. „Wenn nun ganz viele Leute nicht mehr arbeiten und lieber vom bedingungslosen Grundeinkommen leben“, setzt eine Schülerin an. „Dann wird der Kuchen kleiner“, ergänzt Liebermann. Es müssten genügend Leute da sein, die etwas in den Kuchen einbringen, damit genug davon verteilt werden könne. Das große Interesse vieler an diesem Thema wird deutlich, aber auch Skepsis. Wenn man für Nichtstun Geld bekomme, hängen dann nicht ganz viele vor ihren Bildschirmen ab, verlieren sich in virtuellen Welten? Im Silicon Valley, Motor der Digitalisierung und Unterhaltungsmedien, träten führende Kreise stark fürs Grundeinkommen ein, insbesondere das einflussreiche Gründerzentrum „Y Combinator“. Sieht so die Zukunft aus? Smarte Systeme und Roboter übernehmen die Arbeit von Millionen, die wiederum, bedingungslos ausgestattet mit staatlichem Geld, rund um die Uhr die Produkte der Digitalindustrie konsumieren? Ohne Existenzsorgen oder Langeweile. „Elender ist nichts als der behagliche Mensch ohne Arbeit!“, habe einst Goethe gemahnt. Gustav Freytag wiederum habe gewusst: „Was der Mensch treibt, ist ihm mehr als vergängliche Arbeit des Tages, und alles, was er getan, wirkt als ein Lebendiges in ihm fort.“ Die Diskussion über ein bedingungsloses Grundeinkommen konfrontiert insbesondere die jungen Menschen mit der Frage, was ihnen und der Gesellschaft in Zukunft wichtig sein soll.

Am Abend zuvor hatte Liebermann im Rahmen seines sehr gut besuchten Vortrags in der Mensa der Waldorfschule mit Gästen über das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens diskutiert.

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