Vortrag „Westfalen in der Fremde“
Migration bringt Wissen und Kultur

Everswinkel -

Bereits zweimal war Gisbert Strotdrees Gast beim Erwachsenenbildungswerk der Katholischen Kirche. Er hatte 2017 Aenne Gausebeck aus Everswinkel, die Streiterin für die Frauen vom Land, vorgestellt. Im darauffolgenden Jahr referierte er über „Fremde in Westfalen“. Am vergangenen Donnerstag nun präsentierte er mit „Westfalen in der Fremde“ das Pendant dazu.

Montag, 20.05.2019, 10:00 Uhr aktualisiert: 20.05.2019, 17:52 Uhr
Gisbert Strotdrees präsentierte „Westfalen in der Fremde“ und brachte viele interessante Informationen mit, die zum Teil für Verblüffung sorgten.
Gisbert Strotdrees präsentierte „Westfalen in der Fremde“ und brachte viele interessante Informationen mit, die zum Teil für Verblüffung sorgten. Foto: Susanne Müller

An den Beginn seiner Ausführungen setzte der Journalist, Historiker und Buchautor ein Zitat Rolevincks, eines Volkskundlers des ausgehenden 15. Jahrhunderts: „Westfalia terra non est vinifera sed virifera.“ – Westfalen ist kein Land der Reben, aber ein Land der Recken. Vielleicht gab es in der Vergangenheit nicht immer ausreichend Gestaltungsmöglichkeiten für alle Recken. Es sind jedenfalls im Laufe der Geschichte mehrere Wanderungswellen erkennbar. So verließen vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, insbesondere von 1750 bis 1800, viele sogenannte „Hollandgänger“ ihre westfälische Heimat, um im Nachbarland Waren zu verkaufen. Die „Tödden“ stammten im Wesentlichen aus dem Tecklenburger Land und dem Emsland. Ihre Wege führten sie nicht nur nach Westen, sondern sogar bis ins Russische Reich. Sie hatten eine Geheimsprache, Humpisch oder Bargunsch, die Elemente verschiedenster Sprachen, einschließlich des Plattdeutschen, enthalten haben soll. Wegen fehlender schriftlicher Aufzeichnungen könne das heute aber nicht mehr zweifelsfrei erforscht und belegt werden. Auch die bekannten Unternehmerfamilien C&A Brenninkmeyer, Hettlage und Boecker gehörten zu den Tödden, die Garne und Gewebe aus dem in ihrer westfälischen Heimat angebauten Flachs im Nachbarland vertrieben.

Strotdrees sieht hier eine Parallele zu den Erntehelfern aus Osteuropa, die zum Erdbeeren pflücken oder Spargelstechen anreisen. Nicht immer waren diese Männer, obwohl benötigt, wohlgelitten. Fremdenfeindlichkeit seitens der einheimischen Bevölkerung sei keine Erfindung unseres Jahrhunderts. Die Westfalen wurden von den Holländern mit dem heute nur äußerst selten zu hörenden Wort „Moffen“ benannt. Es stand für die aufgrund der heutzutage kaum noch vorstellbaren Arbeits- und Hygienebedingungen nicht jederzeit wohlriechenden (müffelnden) Männer, die Protestanten nannten die katholischen Arbeiter auch „stinkende Papen“.

Bei der Rückkehr aus der Fremde brachten die Wanderarbeiter nicht nur holländische Fliesen und friesische Wanduhren mit, sondern – anders als allgemein propagiert – die Kartoffel. Lange vor Brandenburg, wo sie qua Befehl des preußischen Königs ab 1756 angebaut werden musste, war sie bereits in anderen europäischen Ländern zu einem wichtigen Nahrungsmittel geworden. Im Lippischen erhielt sie den Namen „Hollandei“, weil die „Hollandgänger“ sie mitgebracht hatten. Migration, so Strotdrees in seinen Ausführungen, bedeute „immer auch Austausch von Waren, Wissen und Kultur“.

Im 19. Jahrhundert sei wegen der Verbesserung der heimischen Lebensbedingungen in der Landwirtschaft und der aufkeimenden Industrialisierung die Wanderungsbewegung in die Niederlande abgeebbt, die Neuausrichtung erfolgte in Richtung der noch jungen Vereinigten Staaten von Amerika. Anhand einer Auflistung des Heimatvereins Ostbevern über Auswanderer in die USA verdeutlichte Strotdrees die Motive dieser Menschen: es waren mehrheitlich Ackerknechte, Mägde, Handwerker, die sich von dem Wechsel in die Fremde eine deutliche Verbesserung ihrer Lebensumstände versprachen. Sicherlich hätten desgleichen politische und religiöse Grunde sowie ein gewisser Freiheitsdrang eine Rolle gespielt. Auch die Flucht vor der drohenden Requirierung durch das Militär dürfte in vielen Fällen die Entscheidung beeinflusst haben. Die Kirchen hätten seinerzeit zudem ganz gezielt Ordensleute mit die Neue Welt geschickt. Viele Ortsgründungen erfolgten durch die deutschen Siedler, abzulesen an den tw. verfremdeten Namen wie z.B. Minster, New Bremen (beide Ohio), Schaumburg, Meppen (beide Illinois), Minden (Nebraska). Nicht immer sei die Auswanderung eine Erfolgsgeschichte gewesen, Fehlschläge habe es gegeben, auch Rückkehrer.

Am Ende seines aufschlussreichen Vortrags widmete sich Strotdrees drei berühmten Amerikanern, im weitesten Sinn auch „Westfalen in der Fremde“. Mittlerweile weitgehend bekannt sei vermutlich die Warendorfer Herkunft der Familie Kappelhoff, deren bedeutendste Vertreterin die kürzlich verstorbene Doris Kappelhoff, Künstlername „Doris Day“, war. Im Moment werde weltweit an die Gründung des Bauhauses vor 100 Jahren erinnert. Einer derjenigen, die aus dieser Schule hervorgegangen sind, ist der Bottroper Maler Josef Albers, der 1933 wegen seiner jüdischen Ehefrau Anni in die USA emigrieren musste. Der weltweit am meisten gefeierte US-Amerikaner mit westfälischen Wurzeln dürfte ein Mann sein, dessen einer Urgroßvater, Friedrich Kötter, aus Ladbergen stammte. Am 21. Juli dieses Jahres wird man weltumspannend seiner gedenken, denn vor genau 50 Jahren betrat er als erster Mensch den Mond – sein Name: Neil Armstrong.

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