30 Jahre Mauerfall: Zeitzeuge Rainer Eppelmann zu Gast
DDR-Bürger haben Demokratie nie gelernt

Everswinkel -

30 Jahre nach dem Mauerfall: Die Erinnerungen an das damalige Ende des DDR-Regimes erfahren derzeit eine Wiederbelebung auf vielen Kanälen. Doch nichts geht über die Schilderungen eines Zeitzeugen, der die Ereignisse nicht nur hautnah miterlebt hat, sondern sie auch maßgeblich beeinflusst hat. VHS und Gemeinde konnten mit Rainer Eppelmann einen profunden Kenner der Ereignisse zum Vortrag begrüßen.

Freitag, 08.11.2019, 07:44 Uhr aktualisiert: 08.11.2019, 07:50 Uhr
Rainer Eppelmann berichtete aus seinem Leben in der ehemaligen DDR. Der Bürgerrechtler hatte keine allzu gute Zeit im Arbeiter und Bauernstaat.
Rainer Eppelmann berichtete aus seinem Leben in der ehemaligen DDR. Der Bürgerrechtler hatte keine allzu gute Zeit im Arbeiter und Bauernstaat. Foto: Marion Bulla

Mehr als 60 Interessierte sind ins Rathaus gekommen, um den Mann zu erleben, der einst als Staatsfeind Nummer eins der DDR galt. Auf Einladung der Volkshochschule und der Gemeinde ist Rainer Eppelmann zu Gast. „Respekt, dass sie heute hier sind, und nicht die Champions League gucken“, bemerkt der ehemalige DDR-Bürgerrechtler und heutige Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur eingangs. Und dann fängt er an zu erzählen. Packend und eindringlich in Berliner Mundart.

Erlebt hat der evangelische Pfarrer viel. Sein Leben in der ehemalige Deutschen Demokratischen Republik war alles andere als ein Zuckerschlecken. Doch zunächst geht der 76-Jährige noch ein paar Jahre zurück. Nämlich ins Jahr 1933. „Da, wo unsere Vorfahren ihren Henker selbst gewählt haben“, sagt er. Eppelmann erklärt seiner Zuhörerschaft, warum er so weit nach hinten geht und nicht am 9. November anfängt. „Sie müssen ja wissen, was vorher passiert ist. Die Zonen, ein Drittel war in sowjetischer Hand“, so der Berliner weiter. Sie hätten in der Diktatur gelebt und Demokratie nie gelernt. Zwölfeinhalb Millionen Menschen lebten in der DDR gelebt, dreieinhalb Millionen davon seien in der SED gewesen. Viele Bürger seien in jenen Zeiten ohne Entschädigung enteignet worden. „Wie werden die sich gefühlt haben? Tausende haben sich damals aufgehängt“, berichtet der Gast sichtlich bewegt.

Für mich, der die Diktatur erlebte, ist die Demokratie eine Kostbarkeit.

Rainer Eppelmann

„Als Walter Ulbricht, der Mann, der damals die Geschicke der DDR lenkte, 65 Jahre alt wurde, gab es als Geschenk ein neues Gesetz. Die Menschen sollten ohne mehr Lohn 10,5 Prozent mehr arbeiten. Da wurde gestreikt. Die Antwort: Sowjetische Panzer rollten.“ Das war bekanntlich am 17. Juni 1953. „Alle platt gemacht. Nix mit Bürger auf Augenhöhe. Die letzten Gefangenen sind erst 20 Jahre später aus dem Knast gekommen“, erzählt Eppelmann und fügt an, ab da hätten die meisten „die Schnauze gehalten“. Oder man floh. 2,2 Millionen hätten damals die Flucht ergriffen. Er erzählt auch, dass er im verbotenen Westfernsehen genau mitbekommen habe, wie man auch leben könne. „Was sie aßen, lasen und tranken. Die Länder, in denen sie reisten, waren in unserem Atlas nicht zu finden. Wir wollten so leben wie sie, waren aber ein Mangelland.“

Rainer Eppelmann

Rainer Eppelmann ist eines der bekanntesten Gesichter der Oppositionsbewegung in der DDR und der friedlichen Revolution 1989. Der studierte Theologe war Mitbegründer und Vorsitzender des Demokratischen Aufbruchs und Minister für Abrüstung und Verteidigung in der Regierung de Maizière. Als Minister löste er die DDR-Armee NVA auf, unterzeichnete den Austritt der NVA aus dem Warschauer Vertrag und machte die NVA-Soldaten zum Teil der gesamtdeutschen Bundeswehr. Eppelmann war von 1990 bis 2005 für die CDU Mitglied des Deutschen Bundestages und Vorsitzender der Enquête-Kommission zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Aktuell ist er ehrenamtlicher Vorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

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Besonders fesselnd sind seine Ausführungen über den Abend des Mauerfalls . Wie er eine halbe Stunde nach der Ankündigung zur Öffnung am Grenzübergang Bornholmer Straße stand, am Abend des 9. November 1989. „Der Schlagbaum war noch geschlossenen. Doch es standen mehr als 100 Leute da, und deren Rufe nach der Ankündigung der Reisefreiheit für DDR-Bürger durch das Mitglied des SED-Zentralkomitees, Günter Schabowski, die Grenze endlich zu öffnen, wurden immer lauter“, erinnert er sich.

Eppelmann habe in einem Staat gelebt, der seine Bürger habe erschießen lassen, wenn sie das Land verlassen wollten. Alle hätten geglaubt, er sei der Staatsfeind Nummer eins und habe die DDR stürzen wollen. Vier Mordanschläge seien auf ihn verübt worden. An sein Publikum appellierte Eppelmann, die Demokratie nicht allzu selbstverständlich zu nehmen. „Für mich, der die Diktatur erlebte, ist sie eine Kostbarkeit. Uns ging es noch nie so gut, wie jetzt.“

Gelegenheit zur weiteren Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte hat das Publikum nach dem Vortrag. Es gibt etliche Fragen. Auf die, welches Resümee er im Rückblick ziehen würde, sagt er: „Demokratie ist das Beste, was uns passieren kann.“ Auf die Frage, ob er Groll hege gegen seine damaligen Peiniger, entgegnet der 76-Jährige, die kämen nicht zu ihm. Wolfgang Schnur, seinem ehemals besten Freund und dann größten Verräter, habe er vor acht Jahren nicht die Hand gereicht. „Bevor wir uns nicht unterhalten, gebe ich ihm nicht die Hand.“ Eppelmanns Zeitzeugenbericht lässt Geschichte gegenwärtig erscheinen. Nichts ist so spannend, wie Wahrheiten aus dem Mund eines Zeitzeugen zu erfahren.

Mehr als 60 Zuhörer verfolgten interessiert die Erinnerungen und Analysen des Zeitzeugen.

Mehr als 60 Zuhörer verfolgten interessiert die Erinnerungen und Analysen des Zeitzeugen.

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