WN-Serie über gelungene Integration in Everswinkel
Individuellere Herausforderungen

Everswinkel -

„Im Sommer-Herbst 2015 mussten keine Menschen gesucht werden - die kamen auf uns zu und fragten, was sie tun könnten.“ Carmen Lessing-Günnewig, mit 25 Wochenstunden als Sozialarbeiterin zuständig für die geflüchteten Menschen und ihre Belange, ist noch immer begeistert vom damaligen Engagement der Everswinkeler Bevölkerung. Auch Diplom-Pädagogin Hilke Sandner, die zusammen mit dem Sozialpädagogen Thomas Wetterkamp das Leitungsteam im Haus der Generationen bildet, bezeichnet das seinerzeitige Verhalten der Bewohner als „überraschend positiv“.

Samstag, 09.11.2019, 11:17 Uhr aktualisiert: 09.11.2019, 11:20 Uhr
Engagierte Betreuer und Helfer, die ein positives Fazit bei der bisherigen Integration der Flüchtlinge in Everswinkel und Alverskirchen ziehen: Hilke Sandner, Thomas Wetterkamp und Carmen Günnewig (v.l.) sowie André Krahn (rechtes Bild).
Engagierte Betreuer und Helfer, die ein positives Fazit bei der bisherigen Integration der Flüchtlinge in Everswinkel und Alverskirchen ziehen: Hilke Sandner, Thomas Wetterkamp und Carmen Günnewig (v.l.) sowie André Krahn (rechtes Bild). Foto: Susanne Müller

Ein „Verständnis von Not“ sei von Anfang an vorhanden gewesen, fügt sie ergänzend hinzu. Wegen der Anstrengungen der vielen Mitwirkenden in den vergangenen vier Jahren – insbesondere der Flüchtlings-Initiative mit ihren vielen Facetten – könne man durchaus von einer weitgehend gelungenen Eingliederung sprechen. Die Grundbedürfnisse der geflüchteten Menschen, etwa nach einem ersten Dach über dem Kopf und nach gesichertem Lebensunterhalt, seien mittlerweile gestillt, die Herausforderungen würden nun individueller. Hauptsächlich kleinere Wohnungen, die den über einen längeren Zeitraum in den Übergangsheimen und Gemeinschaftsunterkünften Untergebrachten ihre Privatsphäre gewährleisten, sind deutschlandweit und so auch vor Ort nachgefragt. Hier stehen die Einzelpersonen wegen des allgemein knappen Wohnraums allerdings im Wettbewerb mit den Einheimischen. Darüber hinaus seien einige Familien derzeit stark verunsichert, weil die Verlängerung ihres Aufenthaltstitels nicht garantiert sei.

Andererseits gebe es etwa im familiären Bereich Schwierigkeiten: Nach monate- oder gar jahrelanger Trennung fänden Ehepartner nicht immer erneut zu einander. Das Rollenverständnis mancher Frauen habe sich inzwischen verändert, passe sich dem hiesigen teilweise an, und manchmal entstehe überdies allgemeine Frustration aufgrund nicht erfüllter Erwartungen bezüglich des Lebens in Deutschland. Ferner bereite die Bürokratie vielen nach wie vor Probleme. Das gelte vor allem für die Korrespondenz mit Behörden und anderen Institutionen.

Insbesondere im Zusammenhang mit Schule und Ausbildung werde deutlich, dass die Auszubildenden nicht immer die angemessene Förderung erhielten. Hier zeigten sich Defizite, speziell im Fach Mathematik. Sorgen bereiteten zudem die relativ hohen Durchfallquoten bei den Sprachprüfungen. Nicht immer seien die Schwerpunkte bei der Sprachvermittlung den Herausforderungen im Alltag entsprechend gesetzt worden. Hier bestehe ihrer Meinung nach durchaus Nachbesserungsbedarf, so Carmen Günnewig .

Sind die bei uns Schutz suchenden Menschen nicht nur „angekommen“, sondern wirklich „angenommen“? Bei der Beantwortung dieser Frage sind sich alle Gesprächspartner einig: Ja, das seien sie beim weitaus größten Teil der Einheimischen in Everswinkel und Alverskirchen. Die neben dem allgemein empfundenen Mitgefühl maßgeblichen Gründe dafür lägen in vier Punkten: Die Bürgermeister Banken und Seidel hätten das Thema sofort zur „Chefsache“ erklärt, es habe jederzeit eine offene Kommunikation mit den Bürgern stattgefunden, die dezentrale Unterbringung habe bereits im Vorfeld manche Konflikte gar nicht erst aufkommen lassen, und die sogenannte soziale Kontrolle funktioniere in beiden Ortsteilen hervorragend.

Generell bieten kleinere Orte wie Everswinkel wegen der hervorragenden Vernetzung bessere Voraussetzungen als größere Städte.

Carmen Günnewig

Dennoch dürfe man nicht verhehlen, dass über weitere Jahre erhöhter Handlungsbedarf bestehen werde. Eine erfolgreiche Integration sei ein jahrzehntelanger Prozess, an dem alle Menschen, alteingesessene sowie zugewanderte, mitwirken sollten. Man baue primär auf die hier aufwachsenden Kinder. Hilfreich seien weiterhin die sozialen Kontakte über Patenschaften (die WN stellten im Rahmen dieser Serie zwei Beispiele vor). Obendrein förderlich sind, um nur einige zu nennen, die Freizeitangebote in den Sportvereinen oder im Schachclub „Zug um Zug“ im HdG sowie die Initiative des HdG („Midnight Sport“).

„Generell bieten kleinere Orte wie Everswinkel wegen der hervorragenden Vernetzung bessere Voraussetzungen als größere Städte“, konstatiert Günnewig. Das sieht André Krahn , der sich selbst als „Sozialhausmeister“ bezeichnet, ebenso. Er erzählt im Gespräch von drei geflüchteten Menschen, die im Rahmen von Familienzusammenführungen das Vitus-Dorf verlassen haben, jetzt aber Anträge auf Umverteilung gestellt hätten. Sie wollen unbedingt zurück – wegen der größeren menschlichen Nähe im Ort.

Der gelernte Tischler Krahn ist seit November 2015 bei der Gemeinde für die Belange der Schutzsuchenden zuständig. Im März letzten Jahres freute er sich sehr über den Neubau an der Bahnhofstraße, wo er sich seither mit Carmen Günnewig ein Büro teilt. An der Eingangstür steht „Soziale Betreuung und hausmeisterliche Tätigkeiten“. Krahn und Günnewig sind jeden Montag von 17 bis 18 Uhr dort anzutreffen. „Manchmal steht schon eine kleine Schlange vor der Tür.“

Bedarf besteht also durchaus, und nicht nur wegen kleinerer oder größerer Reparaturen. „Ein Wohnungsschaden ist oft eher der Aufhänger für Gespräche über soziale Konfliktsituationen, zum Beispiel bei Streitigkeiten mit Zimmernachbarn.“ Erfahrung auf diesem Gebiet hatte Krahn schon während seiner Zeit als Zivildienstleistender sammeln können, als er im Förderschul-Wohnheim St. Michael in Telgte mit vietnamesischen Bootsflüchtlingen und später mit Spätaussiedlern zu tun hatte. Diese Kenntnisse und die Vielseitigkeit seiner jetzigen Tätigkeit hatten ihn dazu bewogen, sich um diese Stelle bei der Gemeinde zu bewerben. Bereut habe er diesen Schritt noch nie, sagt er. Hilke Sandner, Carmen Günnewig und Thomas Wetterkamp schätzen die Zusammenarbeit mit André Krahn sehr: „Er ist ein überaus geduldiger, empathischer Mensch und verfügt neben seinen handwerklichen Fähigkeiten über ein hohes Maß an sozialer Kompetenz.“

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