Everswinkelerin und Freckenhorsterin bei internationaler Jugendbegegnung in Jordanien
Authentische Einblicke in den Alltag

Everswinkel -

Sie mussten nicht lange überlegen. So eine Chance, sich direkt vor Ort ein Bild von der Lebenssituation machen zu können, würde es wohl kaum noch einmal geben. Und so machten sich die Everswinkelerin Daria Stremming und die Freckenhorsterin Süeda Keski, die derzeit ihre Ausbildung in der Everswinkeler Gemeindeverwaltung absolviert, mit anderen jungen deutschen Erwachsenen auf den Weg nach Jordanien. Eine Woche lang erhielten sie hautnah Einblicke in das Leben der Jordanier und der vielen syrischen Flüchtlinge in den Lagern.

Samstag, 28.12.2019, 08:18 Uhr aktualisiert: 29.12.2019, 13:06 Uhr
Süeda Keskin und Daria Stremming haben bei ihrem Besuch in Jordanien viel über Land und Menschen erfahren und auch historische Stätten wie das Weltkulturerbe Petra gesehen.
Süeda Keskin und Daria Stremming haben bei ihrem Besuch in Jordanien viel über Land und Menschen erfahren und auch historische Stätten wie das Weltkulturerbe Petra gesehen. Foto: privat

„Erst habe ich gezögert, dann habe ich doch zugestimmt. Es war schließlich eine Chance, die man nie wieder im Leben bekommt.“ Süeda Keskin , ist froh, dass sie sich durch Jürgen Wonning vom Integration Point hat überreden lassen, an der Jugendbegegnung teilzunehmen. Heute möchte die 20-Jährige die vielfältigen Begegnungen und Erlebnisse während der einwöchigen Reise in den Vorderen Orient nicht mehr missen. Die junge Frau aus Freckenhorst mit türkischen Wurzeln macht derzeit ihre Ausbildung als Verwaltungsfachangestellte in der Everswinkeler Gemeindeverwaltung. Immer wenn Bedarf besteht, hilft sie gerne als Übersetzerin aus. Auch die Everswinkelerin Daria Stremming , ebenfalls 20 Jahre jung und im ersten Ausbildungsjahr zur Industriekauffrau, hat Erfahrung im Umgang mit ausländischen Menschen. Sie gab im Rahmen der Arbeit der Flüchtlings-Initiative Schülern Nachhilfe in der deutschen Sprache.

Die Reisegruppe mit Süeda Keskin und Daria Stremming sowie einem Kioskbetreiber, der seit Jahren Bücher in vielen verschiedenen Sprachen verkauft und das Geschehen in Amman intensiv verfolgt.

Die Reisegruppe mit Süeda Keskin und Daria Stremming sowie einem Kioskbetreiber, der seit Jahren Bücher in vielen verschiedenen Sprachen verkauft und das Geschehen in Amman intensiv verfolgt. Foto: privat

Zusammen mit rund einem Dutzend anderen jungen Erwachsenen flogen die beiden als einzige aus dem Kreis Warendorf von Berlin aus nach Amman. Programmpunkte während der Reise waren unter anderem Besuche des dortigen Goethe-Instituts und der Deutschen Botschaft. Die jordanische Hauptstadt mit ihren etwa zwei Millionen Einwohnern in der eigentlichen Stadt, aber mehr als doppelt so vielen in ihrem Ballungsraum, beeindruckte sie sehr. „Der Verkehr war nicht so chaotisch, wie ich es erwartet hatte. Aber die Gegend ist hügelig, und so hatten wir am Abend nach unseren langen Fußmärschen durchaus müde Füße“, sagt Stremming im Rückblick. Das war insbesondere bei der etwas anderen Stadtführung der Fall, die der Gruppe geboten wurde. Junge einheimische Menschen zeigten ihr Amman abseits der normalen Touristenströme und vermittelten ihren Altersgenossen einige Aspekte ihrer Kultur. Dieser Tag endete mit einer Einladung zu einem gemeinschaftlichen traditionellen Abendessen auf einer Dachterrasse mit Blick auf die nächtliche Metropole. Viele Gespräche wurden da geführt; über die Lage junger Menschen in Jordanien, ihre beruflichen Perspektiven zum Beispiel, und andererseits über die generelle Situation im Land, die sich nach 1967 infolge der Flüchtlingsströme aus dem Westjordanland und seit 2015 im Zusammenhang mit dem Krieg in Syrien dramatisch verändert habe.

Besuch der Al-Nuzah Community und Austausch mit Flüchtlingen aus aller Welt, die dort als Freiwillige arbeiten.

Besuch der Al-Nuzah Community und Austausch mit Flüchtlingen aus aller Welt, die dort als Freiwillige arbeiten. Foto: privat

In besonderer Weise aufgewühlt hat Kelkin und Stremming das 1968 durch eine UN-Organisation (UNRWA) gegründete Lager bei Jerash, gelegentlich ‚Gaza Camp‘ genannt. Es sei ursprünglich für gut 10 000 Palästinenser errichtet worden, jetzt lebten aber ca. 30 000 registrierte Menschen dort. Manche bezeichneten das Lager als „Jordaniens fünftgrößte Stadt“. Bedrückend empfanden sie den beengten Wohnraum in den Zelten und selbst in den festen Häusern. Geradezu schockiert waren sie über den rechtlichen Status der dort ansässigen Palästinenser: Die seien staatenlos, hätten kein Recht auf Arbeit, lediglich durch Schwarzarbeit könnten sie etwas zum Unterhalt ihrer Familien beitragen. Die Arbeitslosigkeit im Land beträgt etwa 19 Prozent, der Besuch öffentlicher Schulen sei zu teuer, die Gesundheitsfürsorge unzureichend. Die Kinder laufen meist barfuß auf den unbefestigten Straßen herum, die Jungen spielen mit blanken Füßen mit verbeulten Cola-Dosen Fußball.

Arabische Gastfreundschaft...

Arabische Gastfreundschaft... Foto: privat

Da konnten wir sehen, was die deutsche und europäische Flüchtlingshilfe vor Ort aktiv bewirken können.

Süeda Keskin und Daria Stremming

„Ohne Haneen wären die Erfahrungen nicht so authentisch gewesen, hätten wir derartige Einblicke in den Lebensalltag der Menschen dort nicht bekommen.“ Daria und Süeda sind ihr noch immer dankbar dafür, dass sie den Kontakt zu Mohammed S. hergestellt hat. Das Gespräch mit dem dort lebenden palästinensischen Flüchtling hatte die in Deutschland lebende Haneen H. vermittelt. Er lebt seit seiner Geburt im ‚Gaza Camp‘, ist inzwischen verheiratet und Familienvater. Für seine Kinder sieht er kaum eine Chance, dem Lagerleben zu entfliehen. „Trotz dieses Elends bewirtete er unsere Gruppe ganz selbstverständlich“, schwärmen Stremming und Keskin noch heute von der sprichwörtlichen arabischen Gastfreundschaft. Sie selbst hatten als Gastgeschenke für die Kinder kleine Kostbarkeiten wie Buntstifte, Luftballons und Gebäck mitgebracht.

Spielende Kinder in einem jordanischen Flüchtlingslager.

Spielende Kinder in einem jordanischen Flüchtlingslager. Foto: privat

Jeder dritte Einwohner des Landes, so wird geschätzt, ist derzeit ein Flüchtling. Seit Beginn des Syrienkrieges 2014 sind es nun zusätzlich zahlreiche Syrer, die der Hilfe bedürfen. Diesen Aspekt lernten die Teilnehmer der Reise in Irbid kennen, der drittgrößten Stadt des Landes. Man könne dort von einer zufriedenstellenden kulturellen Integration sprechen, die politische und rechtliche Situation sei jedoch sehr unbefriedigend. Syrer hätten kein Recht auf gleichen Lohn bei gleicher Arbeit. Man lebe im dortigen Camp darüber hinaus immer in der Angst vor Repressionen durch das Assad-Regime, was die freie Meinungsäußerung massiv einschränke.

Jerash gilt neben Pompeji als eine der besterhaltenen römischen Ruinen.

Jerash gilt neben Pompeji als eine der besterhaltenen römischen Ruinen. Foto: privat

Ohne die unermüdliche Arbeit der Vereinten Nationen und der vielen internationalen Regierungs- sowie Nicht-Regierungs-Organisationen wären die Flüchtlinge in Jordanien verloren, erzählen die beiden. Tief bewegt waren sie beim Besuch eines Projektes der deutschen „Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit“ (GIZ). „Da konnten wir sehen, was die deutsche und europäische Flüchtlingshilfe vor Ort aktiv bewirken können.“ Die GIZ betreibt in der Nähe von Amman ein Projekt zur „Beruflichen Aus- und Fortbildung für Jordanier und syrische Flüchtlinge im Wassersektor in Jordanien“. Das sei deshalb besonders wichtig, weil Jordanien eines der wasserärmsten Länder der Welt sei. Seit 2015 seien 282 jordanische und syrische Frauen in zweijährigen Kursen zu Klempnerinnen ausgebildet worden. Sie können nach der theoretischen und praktischen Prüfungen selbstständig arbeiten. Ihr Lohn liege dabei wegen der soliden Ausbildung und ihres hohen Sicherheitsstandards über dem Durchschnitt. Vor allem aber gewännen die Absolventinnen der Kurse enormes Selbstbewusstsein und könnten ihrer wirtschaftlichen und sozialen Benachteiligung im Vergleich zu Männern etwas entgegensetzen.

Die Felsenstadt Petra, Weltkulturerbe und touristischer Anziehungspunkt. Beinahe 1000 Jahre lang war die Stadt verlassen, ehe sie 1812 von einem Schweizer wieder entdeckt wurde.

Die Felsenstadt Petra, Weltkulturerbe und touristischer Anziehungspunkt. Beinahe 1000 Jahre lang war die Stadt verlassen, ehe sie 1812 von einem Schweizer wieder entdeckt wurde. Foto: privat

Nachdem bereits zu Beginn bei Jerash eine berühmte historische Stätte besichtigt worden war, stand zum Abschluss des sechstägigen deutsch-jordanischen Jugendaustausches der ganztägige Besuch der bekanntesten Sehenswürdigkeit des Landes auf dem Programm. Petra, die Felsenstadt, gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe und ist ein wahrer Touristenmagnet. Nachdem die Gruppe durch die an der engsten Stelle nur zwei Meter breite, aber mehr als einen Kilometer lange Felsenschlucht mit ihren beinahe 100 Meter hohen Wänden gegangen war, stand sie vor dem berühmtesten Gebäude der archäologischen Stätte: einem in den rosaroten Stein gehauenen Tempel mit einer Fassade im griechischen Stil, 45 Meter hoch und „Schatzhaus“ genannt. „Man fühlte sich wie in einer anderen Welt, wie in einem Film,“ sind sich Daria Stremming und Süeda Kelkin einig. Kein Wunder, wurden dort doch etwa Szenen für den Film „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ gedreht.

Everswinkel - in Berlin gut bekannt

Everswinkel ist in der Bundeshauptstadt Berlin kein unbeschriebenes Blatt. Das zeigt ein Blick zurück auf die vergangenen drei Jahre: 2017 wurde das Haus der Generationen im Rahmen des Bundesprogramms „Ländliche Entwicklung“ vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft mit einem Betrag von 1 200 Euro gefördert. Die Summe kam einem interkulturellen Töpferkursus im HdG zugute. Ein Jahr später, 2018, stellte das „Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement BBE“ in seinem Wandkalender im Monat August unter dem Motto „Gemeinsam angepackt, Engagement belebt das Land“ die Flüchtlings-Initiative Everswinkel-Alverskirchen auf zwei ganzen Seiten vor. Den bisherigen Höhepunkt stellt zweifelsohne der Bundeswettbewerb 2018 „Zusammenleben Hand in Hand – Kommunen gestalten“ dar, an dem Everswinkel in der Kategorie „Kreisangehörige Kommunen“ teilnahm und 25 000 Euro gewann. Die Bewerbung stand unter der Maxime „Gelingende Integration braucht ein ganzes Dorf – Wir leben Integration“. Diese ausgezeichneten Aktivitäten blieben in den entsprechenden Behörden und anderen Organisationen nicht unbemerkt und führten zu zwei bemerkenswerten Angeboten. Die BaS (Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenbüros) bedankte sich bei den Personen, „die die Hauptarbeit in der Begleitung von Flüchtlingen organisieren und managen“ mit einer Einladung zu einer mehrtägigen Fahrt im Dezember nach Berlin. Zu den Glücklichen gehörte u.a. Hans Kösters, der sich seit Jahren ehrenamtlich in der Flüchtlings-Initiative engagiert. Zuvor waren dem HdG und der Gemeinde von „Bürger Europas e.V.“, einem gemeinnützigen und überparteilichen Verein mit Sitz in Berlin, zwei Plätze für eine Jugendbegegnung in Jordanien offeriert worden. Der Verein wird unterstützt von zahlreichen namhaften Organisationen und Persönlichkeiten, u.a. Mitgliedern des EU-Parlaments, und widmet sich auf unterschiedliche Weise der Völkerverständigung. Die einwöchige Reise unter dem Motto „Create Integration – intelligent, fair and global“ fand im November mit Unterstützung des Auswärtigen Amts in Jordanien statt. Als Teilnehmerinnen wurden Süeda Keskin und Daria Stremming ausgewählt, die sich schon länger in Everswinkel für Flüchtlinge einsetzen.

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