Unfallhilfsstelle in Raestrup vor 100 Jahren eingerichtet
Selbstloser Einsatz am Unfallschwerpunkt

Raestrup/Everswinkel -

Zahlreiche Unfälle hat es auf der B 64 im Bereich Raestrup in den zurückliegenden 100 Jahren gegeben. Da waren Helfer gefragt. Die Familie Brokamp hat sich dabei hervorgetan, nicht nur, weil bei ihr eine Unfallhilfsstelle eingerichtet worden war.

Donnerstag, 02.01.2020, 08:00 Uhr aktualisiert: 02.01.2020, 13:24 Uhr
Unfallhilfsstelle in Raestrup vor 100 Jahren eingerichtet: Selbstloser Einsatz am Unfallschwerpunkt
Heinrich Brokamp präsentiert einen in seiner Werkstatt hergestellten Verbandskasten. Foto: Pohlkamp

„Mit der Hand am Steuerrad des Lebens zu sitzen und Menschenleben zu retten.“ Das war für die Familie Brokamp am Raestruper Bahnhof Lebensinhalt. Vor 100 Jahren begann die Geschichte, die von einer Familie erzählt, die anpackte und von 1921 bis 2005 immer wieder als Rettungssanitäter im Einsatz war.

Die Bundesstraße 64 mit der Bahnlinie und dem Bahnübergang galt bereits vor 100 Jahren als Unfallschwerpunkt. Damals gab es noch keine technischen Möglichkeiten, um verletzte Menschen schnell zu bergen und sie ins Krankenhaus zu befördern. So wurde dieser Gefahrenpunkt 1921 mit einem Standort für eine Unfallhilfsstelle versehen. Diese Einrichtung war jahrzehntelang Sanitätswachdienst- und Anlaufstelle für alle medizinische Hilfeersuchen.

Der heute 93-jährige Heinrich Brokamp und sein 1971 verstorbener Vater Bernhard Brokamp saßen über sechs Jahrzehnte am „Steuer des Lebens“. Mit Unterstützung von Familienangehörigen retteten sie bei zahlreichen Einsätzen als Rettungssanitäter viele Menschenleben. Bis 1982 war diese Erste-Hilfe-Einrichtung in Raestrup rund um die Uhr besetzt.

Doch Brokamp am Raestruper Bahnhof war nicht nur ein Dreh- und Angelpunkt für schnelle Unfallhilfe: Auch die Postbelieferung durch den Postbahndienst erfolgte von dort. Bis etwa 1920 noch von der Gaststätte am Bahnhof aus. Die Oberpostdirektion suchte dafür jedoch eine Unterkunft und fand diese bei Bernhard Brokamp, der an der B 64 ein Grundstück erworben hatte und sein Haus so baute, dass Familie, Poststelle und Unfallhilfestelle unter einem Dach untergebracht werden konnten. Die Poststelle Raestrup wurde von 1920 bis 1975 von der Familie Brokamp zusätzlich geführt. Von dort aus erhielt die Bevölkerung in Teilen Raestrups sowie in Müssingen und Einen täglich Briefe und die Tageszeitung.

Die Erste-Hilfe-Staffel bestand aus der Familie Brokamp mit sechs Personen und drei Gesellen aus der Tischlerei.

Heinrich Brokamp

Bernhard Brokamp hatte während des 1. Weltkriegs beim Militär eine umfangreiche Sanitätsausbildung genossen. Daher übernahm er 1921 auch die Verantwortung für „Erste-Hilfe-Maßnahmen“ am Standort Raestrup. Damals war er noch unverheiratet. Als einmal ein Unfall in Everswinkel geschah und kein Arzt zur Verfügung stand, wurde der Postbote Bernhard Brokamp von der Sprechstundenhilfe während eines Botengangs gesucht, gefunden und gebeten, zu helfen.

Verunglückt war der für Everswinkel und Freckenhorst zuständige Polizist. Brokamp besorgte sich von einer Schreinerei schnell Bretter, um den Verletzten zu schienen und für ihn eine Trage anzufertigen. Mit dem Handwagen wurde der Polizist ins Krankenhaus nach Everswinkel gefahren. Nach 14 Tagen besuchte Brokamp den Verunglückten im Hospital und lernte dabei die Tochter des Polizisten kennen, die in einem Kloster in Freckenhorst arbeitete. Irgendwie musste es „gefunkt“ haben, denn Brokamp, der auch ein gutes Verhältnis zu den Patres hatte, meldete sich als Messdiener an, um so das junge Mädchen Angela wiederzusehen. Später heirateten beide und bekamen sechs Kinder.

Ehefrau Angela unterstützte Bernhard Brokamp viele Jahre lang bei der Erstversorgung von Verletzten. Häufig kam es vor, dass Opfer von Verkehrsunfällen in die Unfallhilfsstelle gebracht wurden. Angela Brokamp, die die Unfall- und Poststelle gleichzeitig betreute, versuchte jedes Mal, einen Arzt hinzuziehen. Das gelang nicht immer. Dann holte sie Hilfe bei ihrem Ehemann. Häufig kam es vor, dass er sich in der Postauslieferung befand. Dann waren es Bauern, die ihn suchten. Und dann ritt der „Hobbydoktor“ schnell auf einem Pferd zum Einsatzort.

Die Eheleute Brokamp stehen hier im Jahr 1923 vor der zwei Jahre zuvor eingerichteten Unfallmeldestelle.

Die Eheleute Brokamp stehen hier im Jahr 1923 vor der zwei Jahre zuvor eingerichteten Unfallmeldestelle. Foto: privat

In den ersten Jahrzehnten wurden Unfallopfer mit einem Pferdefuhrwerk ins Krankenhaus nach Everswinkel transportiert. Verletzte wurden später mit Privatwagen oder auch mit Trecker und Anhänger ins Krankenhaus gebracht. 1958 erhielt die Einsatzstelle in Raestrup einen „Vier-Tragen-Krankenwagen“ (KTW4) zugewiesen, in dem bis zu vier verletzte Personen liegend transportiert werden konnten.

Der heute 93-jährige Heinrich Brokamp unterstützte seinen Vater ab 1949 in der Unfallhilfestelle. Heinrich und sein Bruder Wilhelm sorgten dafür, dass rund um die Uhr mindestens zwei ausgebildete Sanitäter als Fahrer zur Verfügung standen. „Die Erste-Hilfe-Staffel bestand aus der Familie Brokamp mit sechs Personen und drei Gesellen aus der Tischlerei“, erzählt der langjährige DRK-Zugführer (1965 bis 1982). Neben der Poststelle und der Rettungshilfestelle hatte Heinrich Brokamp als gelernter Tischlermeister 1952 am Bahnhof eine Tischlerei gegründet, die er bis 1982 führte und heute von der Firma Röwekamp & Stumpe fortgesetzt wird.

Landarzt Dr. Franz Große hatte in seinem 2006 erschienenen Buch „Nicht allein am Steuer des Lebens“ die Arbeit der Familie Brokamp persönlich gewürdigt: „33 Jahre ehrenamtlich mit der Familie Tag und Nacht bei Wind und Wetter und zu jeder Zeit mit dem Rot-Kreuz-Wagen unterwegs zu sein, um Gesundheit und Leben zu retten, dafür danke ich Ihnen.“

Waggonweise haben wir so jahrelang vom Bahnhof Raestrup aus das Deutsche Rote Kreuz deutschlandweit mit diesen ,Erste-Hilfe-Koffern’ ausgestattet.

Heinrich Brokamp

In den ersten Jahrzehnten wurden die Einsätze ehrenamtlich durchgeführt. Erst Jahre später gab es für größere Einsätze eine Entschädigung. Die Einsätze waren auch für den Landarzt eine große Hilfe, nicht nur weil die Brokamps Ersthelfer- und Rettungssanitäterkurse besucht hatten, sondern auch, weil sie sich so gut in der Region auskannten“, so Dr. Große in seinem Buch.

Der Landesverband des Deutschen Roten Kreuzes richtete in den 1960er Jahren Unfallhilfsstellen an Unfallschwerpunkten – wie am Raestruper Bahnhof – ein. Dadurch erhielt die Tischlerei Brokamp den Auftrag, mehrere Tausend kleine und große Verbandskästen (DIN AK 50) zu bauen. Ein Osnabrücker Unternehmen stattete diese Holzkästen mit Verbandsmaterialien aus. „Waggonweise haben wir so jahrelang vom Bahnhof Raestrup aus das Deutsche Rote Kreuz deutschlandweit mit diesen ,Erste-Hilfe-Koffern’ ausgestattet“, so Heinrich Brokamp, der auch stolz darauf ist, dass die Unfallhilfsstelle Raestrup lange auch als Muster-Unfallhilfsstelle für das Land NRW anerkannt war. Das führte dazu, dass die Landesregierung in Düsseldorf sogar mit Bussen nach Raestrup anreiste, um sich über die hervorragende Ausstattung zu informieren.

Zwischen 1955 und 1985 nahm die Familie Brokamp etwa 20 Krankentransporte aus der ehemaligen DDR in die Bundesrepublik vor. Vom DRK-Landesverband stand ihr ein Krankenwagen zur Verfügung. Damit holten sie westdeutsche Besucher, die in der damaligen DDR entweder krank geworden waren oder einen Unfall hatten, zurück in den Westen. Heinrich Brokamp erinnert sich auch an einen weiteren großen Hilfeeinsatz: „An dem Rettungseinsatz bei der Hamburger Sturmflut 1962 waren wir beteiligt.“

Nachdem die Landesregierung 1982 ein neues Rettungsgesetz verabschiedet hatte, wurde die Rettungshilfsstelle „Brokamp-Raestrup“ aufgelöst und vom DRK-Ortsverein Telgte übernommen. Das Krankentransportgeschäft führte die Familie Brokamp jedoch in Eigenregie bis 2005 fort.

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