Lesung mit Pfarrer Stefan Jürgens
Kirche muss in der Realität ankommen

Everswinkel -

Jubiläen bieten sich immer an, aus dem üblichen Rahmen fallende Angebote ins Programm zu nehmen. Mit der Einladung des Pfarrers Stefan Jürgens setzten die Organisatoren der seit nun 160 Jahren existierenden Katholischen Bücherei in Kooperation mit dem Katholischen Bildungswerk einen Glanzpunkt, der vermutlich noch lange bei den Zuhörern nachwirken wird.

Montag, 03.02.2020, 08:11 Uhr aktualisiert: 03.02.2020, 15:54 Uhr
Im komplett gefüllten Ratssaal beeindruckte Pfarrer Stefan Jürgens mit seinen offenen wie offensiven Worten zur Situation in der Katholischen Kirche.
Im komplett gefüllten Ratssaal beeindruckte Pfarrer Stefan Jürgens mit seinen offenen wie offensiven Worten zur Situation in der Katholischen Kirche. Foto: Susanne Müller

Nicht nur seine innerhalb der katholischen Kirche eher selten öffentlich ausgesprochenen, durchaus offensiven Gedanken und Worte, sondern auch seine hochprofessionelle, souveräne Präsentation beeindruckten das Publikum. Jürgens ist zweifelsfrei ein absoluter Medienprofi, was nicht verwundert, war er doch von 2004 bis 2008 Sprecher des „Wort zum Sonntag“ in der ARD . Seine „Geistlichen Worte für Sonn- und Werktage aus Rundfunk und Fernsehen“ wurden unter dem Titel „Ganz weltlich gesprochen“ in Buchform veröffentlicht.

Hans Kösters vom Katholischen Bildungswerk und Margret Uhkötter, Leiterin der Katholischen Bücherei Everswinkel, begrüßten die zahlreichen Zuschauer im Ratssaal.

Hans Kösters vom Katholischen Bildungswerk und Margret Uhkötter, Leiterin der Katholischen Bücherei Everswinkel, begrüßten die zahlreichen Zuschauer im Ratssaal.

Nach vielen Stationen und Funktionen ist der 1968 in Borghorst geborene Geistliche heute Leitender Pfarrer in Ahaus und Umgebung, wo er sich viel wohler fühle als in der Stadt Münster. In Everswinkel präsentierte seine kritische Auseinandersetzung mit den verkrusteten Strukturen seiner Kirche – „Ausgeheuchelt!“. In dem Buch, „Den Teilnehmenden am Synodalen Weg“ gewidmet, vertritt er die Kernthesen, die Kirche müsse in der Realität ankommen und sich um ihrer Glaubwürdigkeit willen grundlegend erneuern. Sie sei weltfremd geworden – und die Welt kirchenfremd. Das ängstliche Verharren im Klerikalismus des 19. Jahrhunderts sei „mit viel Heuchelei erkauft worden“, und damit müsse endlich Schluss sein. Konsequenterweise setzt er sich für die Abschaffung des Pflichtzölibats, für den Zugang von Frauen zum Amt, die Akzeptanz anderer als herkömmlicher Lebensmodelle sowie die Überwindung der „langen und lähmenden kollektiven Sexualneurose“ ein. Das klerikale System der katholischen Kirche begünstige gleichermaßen Macht- wie sexuellen Missbrauch, insofern sei sie eine „Täterorganisation“ und bedürfe dringend einer Strukturreform. Zu deren Durchsetzung wolle er beitragen, und so finden sich am Ende jedes Kapitels komprimierte konstruktive Vorschläge für Veränderungen.

Ich bin kritisch, aber loyal.

Pfarrer Stefan Jürgens

Dass er sich mit derartig zugespitzten Sätzen nicht nur Freunde mache, sondern sich „kirchenpolitisch durchaus auf Glatteis“ begebe, sei ihm bewusst, und er fügt dann an: „Ich bin kritisch, aber loyal.“ Schließlich sei das Priestersein sein Traumjob. Er verstehe sich allerdings „mehr als Verkünder einer Botschaft und Begleiter von Menschen denn als Vertreter einer Institution“.

Volles Haus: Am Ende gab es für den offenen wie erhellenden Vortrag von Pfarrer Jürgens großen Applaus.

Volles Haus: Am Ende gab es für den offenen wie erhellenden Vortrag von Pfarrer Jürgens großen Applaus.

Auf die Frage, wie denn die Reaktionen seiner Mitbrüder auf das Buch ausgefallen seien, erwidert Jürgens lapidar: „Es gab keine, anders als seitens der Basis, hier fand das Buch breite Zustimmung.“ Allerdings habe er die Vermutung, dass Papst Franziskus ihm durchaus zustimmen würde. Nur leider traue der Pontifex sich nicht, aktiv zu werden. Insofern könne die katholische Kirche als Musterbeispiel für die heutzutage angesagte Entschleunigung gelten, denn langsamere Fortschritte seien kaum vorstellbar. Derartige lockere Einsprengsel machten deutlich, warum er sich selbst zu Recht als „Spielmann Gottes“ bezeichnet: „Humor wird dringend gebraucht, wenn man für die Kirche tätig ist.“

Das Ziel seiner vielen Lesungen und Gespräche sei es, seinen Mitchristen Mut zu machen, in der Kirche zu bleiben und den Weg vom Kinderglauben („Magie“) zu einer erwachsenen Gläubigkeit („Mystik“) anzutreten. Er beobachte zu seinem Bedauern immer noch viele unmündige Mitchristen, die obrigkeitshörig seien – ob geblieben oder gehalten, sei dahingestellt.

Wer den anregenden, mit großem Applaus endenden Abend mit dem eloquenten Pfarrer verpasst hat, mag sich vielleicht mit dem aktuellen Buch „Ausgeheuchelt – So geht es aufwärts mit der Kirche“ oder seinem Blog „Der Landpfarrer“ trösten.

Jürgens hatte übrigens auf ein Honorar verzichtet; erbeten wurden Spenden fürs Kinderheim ‚Children’s Park‘ im indischen Kerala. Die Organisatoren konnten sich zusammen mit Jürgens über die erkleckliche Summe von rund 600 Euro freuen.

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