Waldorfschule: Halbjahresarbeiten der Achtklässer
Eine ganz spezielle Herausforderung

Everswinkel -

Sechs Monate konzentrierter Arbeit liegen hinter ihnen. Neben dem normalen Schulbetrieb wohlgemerkt. Für die Achtklässler der Everswinkeler Waldorfschule sind die „Halbjahresarbeiten“ ein besonderer Zeitabschnitt. Wenn sie sich einem selbst gewählten Thema widmen, recherchieren, Informationen aufbereiten, eine praktische Arbeit anfertigen und abschließend frei einen Vortrag zu ihrem Projekt halten. Eine echte Herausforderung.

Dienstag, 04.02.2020, 08:15 Uhr aktualisiert: 04.02.2020, 17:48 Uhr
Die Achtklässler der Waldorfschule mit Klassenlehrerin Petra Kottusch und Betreuer Eberhard Bonse an der überlebensgroßen Schrottfigur, die Raphael Schoppmann (stehend 9.v.r.) im Rahmen der Halbjahresarbeiten gefertigt hat.
Die Achtklässler der Waldorfschule mit Klassenlehrerin Petra Kottusch und Betreuer Eberhard Bonse an der überlebensgroßen Schrottfigur, die Raphael Schoppmann (stehend 9.v.r.) im Rahmen der Halbjahresarbeiten gefertigt hat. Foto: Klaus Meyer

Milan Eichhorn steht vor seinem Neubau. Ein helles, modernes Haus, „es kommt sehr viel Licht rein“ aufgrund der vielen Glasflächen bis in den Dachbereich. Platziert auf einem großen Grundstück mit Pool und Carport. Der Achtklässler aus Wadersloh ist zufrieden mit seinem Werk, das auf einer Schaumstoffplatte errichtet wurde und mit einer Detailtreue bis hin zu Tapete und Teppichboden glänzt. „Ich habe mir mein eigenes Traumhaus gebaut“, sagt er stolz. Einen Meter weiter stellt Noam Herrgesell mit „GO“ das älteste Brettspiel der Welt vor, bei dem sich sogar seine Eltern seinerzeit kennengelernt haben, und der 14-jährige Lasse Eichler aus Raestrup steht an einem Tisch, auf dem er seine Dokumentation drapiert hat. „Abseits der Zivilisation – zwei Tage in der Natur“ lautet sein Thema. Mit sieben Kindern war er in den vergangenen Herbstferien im Wald inklusive Camp und Übernachtung. Ein Hauch von Survival-Feeling. Über die Erfahrung wird er in seinem Vortrag vor großem Publikum erzählen. Lampenfieber? „Ich bin eigentlich jemand, der ganz flüssig spricht“, entgegnet er selbstbewusst.

Baute sein Traumhaus: Milan Eichhorn.

Baute sein Traumhaus: Milan Eichhorn.

Selbstbewusst scheinen sie alle zu sein, die Achtklässler der Waldorfschule Everswinkel, die nach Monaten des Tüftelns, Bastelns und Recherchierens ihre Halbjahresarbeiten präsentieren. Als praktische Handarbeit und ergänzend mit einem zehn- bis 15-minütigen Vortrag. „Die Schüler erzählen nicht nur, wie sie etwas gemacht haben, sondern sie sollten sich auch über ihr Thema hinaus mit den Hintergründen beschäftigen“, erläutert Klassenlehrerin Petra Kottusch . In der Themenwahl waren die Schüler frei. Es gab zwar eine lange Themenliste, „aber nur als Vorschläge“.

Zwei Tage mit Kindern in der Natur: Lasse Eichler.

Zwei Tage mit Kindern in der Natur: Lasse Eichler.

Entsprechend breit ist das Spektrum der Projektarbeiten. Von Kräuterhochbeet, Aquarium oder Paletten-Sofa über Kleid, Mantel oder Teddy bis zum massiven Schreibtisch aus Holz und Metall oder dem „Bett zum Wohlfühlen“. Auch Menschen rücken in den Blick. Künstlerin Frida Kahlo, der Hornist ohne Arme, Felix Klieser, oder Greta Thunberg, „eine Schülerin verändert die Welt“ etwa. Oder auch die berührende Betrachtung von Jakob Pagenkemper über „das Leben meiner geliebten Oma Anni“. „Wenn es eine Biografie-Arbeit ist, sollte das schon eine Person mit Vorbildfunktion sein und nicht zum Beispiel ein Schlagersternchen“, verdeutlicht Kottusch. Bei einer solchen Arbeit „müssen sich die Schüler überlegen, wie kann ich das Thema auch praktisch bearbeiten“. Die schriftliche Arbeit muss übrigens handgeschrieben sein, „sonst könnten das ja die Eltern machen“, schmunzelt Kottusch. Für Amélie Tyrell gab‘s eine Ausnahme: Sie schrieb ein 48-seitiges Buch, „ein ganz spannendes Abenteuer“. Für ihre Projekte haben die Schüler jeweils einen Mentor. Das kann der Papa sein, die Tante oder der Handwerker im Ort.

Ältestes Brettspiel der Welt: Vorgestellt von Noam Herrgesell.

Ältestes Brettspiel der Welt: Vorgestellt von Noam Herrgesell.

„Die Vorträge sind der Höhepunkt, da fiebern alle drauf hin“, weiß die Klassenlehrerin. Eine Herausforderung vor rund 120 Zuhörern. Freie Rede, kein Manuskript, kein Ablesen. Auf diesen Punkt ein halbes Jahr lang selbstständig hinzusteuern und Tagebuch über den Prozess zu führen, ist schon was. Denn „nebenbei“ läuft der normale Unterricht weiter. Die Schüler lernen, sich an etwas Neues heranzuwagen, sich die Zeit einzuteilen, zu recherchieren, Informationen aufzuarbeiten, eigene praktische Fähigkeiten weiterzuentwickeln.

Am Ende steht das Ergebnis, dass ich es geschafft habe.

Petra Kottusch, Klassenlehrerin

Mit 13, 14 Jahren seien sie „gerade in dem Alter, dass die Willenskräfte angesprochen werden“. Sich anstrengen, üben, durchhalten. „Am Ende steht das Ergebnis, dass ich es geschafft habe“, so Kottusch.

Für Lisa Althoff aus Münster war die Themenwahl seinerzeit sofort klar. Das Problem Plastikmüll. „Ich habe mich damit beschäftigt, wie es den Menschen schadet und der Tierwelt.“ Die Erkenntnisse mündeten in einer Skulptur: ein Pappmaché-Wal, aus dessen Körper der Plastikmüll quillt. „Ich finde es nicht ok, dass Tiere, die gar nichts damit zu tun haben, darunter leiden“, sagt die Schülerin. Fürs Gruppenbild versammelt sich die Klasse draußen um einen großen Metall-Koloss, der einem der Terminator-Filme entstiegen sein könnte. Raphael Schoppmann hat ihn gebaut. Aus Schrott. Beeindruckend. Wie alle Arbeiten.

Plastikmüll tötet Tiere: Arbeit von Lisa Althoff.

Plastikmüll tötet Tiere: Arbeit von Lisa Althoff.

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