ZDF-Korrespondentin Anne Gellinek zu Gast
Ohne Illusionen durch Europa

Everswinkel -

Europa ist wichtig. Europa interessiert. Wer daran zweifeln sollte nach dem peinlichen Austritts-Theater der Briten, der musste am Montagabend nur einen Blick in die Halle der Waldorfschule werfen. Da war ein Europa-Vortrag zu hören, der ursprünglich fürs Rathaus geplant war. Doch das erwies sich als offenkundig zu klein für Europa.

Mittwoch, 05.02.2020, 08:15 Uhr aktualisiert: 05.02.2020, 08:20 Uhr
VHS-Leiter Rolf Zurbrüggen begrüßte mit Anne Gellinek eine profunde Kennerin Europas und der EU. Auf ein Honorar verzichtete sie; dafür spendete die VHS dann 500 Euro an die „Aktion Kleiner Prinz“.
VHS-Leiter Rolf Zurbrüggen begrüßte mit Anne Gellinek eine profunde Kennerin Europas und der EU. Auf ein Honorar verzichtete sie; dafür spendete die VHS dann 500 Euro an die „Aktion Kleiner Prinz“. Foto: Klaus Meyer

Der Vortrag von ZDF-Korrespondentin Anne Gellinek stieß schon im Vorfeld auf so große Nachfrage, dass die Veranstaltung verlegt und der Kartenverkauf verlängert werden mussten. 280 Zuhörer – so die offizielle Angabe der VHS – wollten bei der Reise durch die Europäische Union dabei sein.

Es war fast eine Art Heimspiel für die profunde EU-Kennerin mit familiären Bindungen in Everswinkel. Rund sieben Jahre nachdem der damalige britische Premierminister Cameron ein Referendum zum Verbleib in der EU angekündigt hatte und drei Tage nachdem die Briten ausgetreten sind. 73 britische Abgeordnete haben das EU-Parlament verlassen – „das ist das Einzige, was bis jetzt passiert ist“. Bis Ende des Jahres bleiben die Briten passives Mitglied im Club, zahlen ihre Beiträge. In der Zeit sollen auch die künftigen Handelsbeziehungen geklärt werden. „Eigentlich eine Zeit, die nicht ausreicht.“ Die EU fürchte sich vor Dumping-Regeln der Briten und „will verhindern, dass ein Singapur an der Themse entsteht“, Normen und Standards ausgehebelt werden. Es werde ein Geben und Nehmen sein, „am Ende wird Boris Johnson von seinem hohen Ross herunterkommen müssen“, prophezeite Gellinek. Doch bis Ende 2020 sei wohl nur ein Rumpfabkommen drin. „Das Brexit-Gespenst wird Ende des Jahres wieder ein Thema sein. Da werden Sie mich wieder jeden dritten Abend im Fernsehen sehen.“

Riesen-Interesse: Die VHS zog mit der fürs Rathaus geplanten Veranstaltung in die Mehrzweck-Halle der Waldorfschule um. Für das Angebot dankte der VHS-Leiter der Waldorfschule ausdrücklich.

Riesen-Interesse: Die VHS zog mit der fürs Rathaus geplanten Veranstaltung in die Mehrzweck-Halle der Waldorfschule um. Für das Angebot dankte der VHS-Leiter der Waldorfschule ausdrücklich.

„Es wird ein deutsches Jahr in der EU“, stieg Gellinek in ein komplexes Thema ein. Abgesehen von der neuen Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen , die Erwartungen hochgeschraubt habe, komme die sechsmonatige Ratspräsidentschaft ab 1. Juli auf Deutschland zu. „Das ist eine Chance. Die Agenda zu bestimmen, Themen zu besetzen, ist aber auch eine große Verantwortung.“ Andere Mitgliedsstaaten setzen darauf, dass Deutschland unbequeme Fragen löst. Etwa die des künftigen Mitgliedsbeitrages. Die Vorschläge bewegen sich zwischen 1,14 und 1,3 Prozent des Brutto-Nationaleinkommens. Deutschland will eigentlich bei den derzeitigen ein Prozent (= 25 Mrd. Euro) bleiben. Ohnehin werde der Haushalt, der in diesem Jahr für die nächsten sieben Jahre erarbeitet werden muss, ein Problem. 13 Mrd. Euro der Briten fallen weg, gleichzeitig sollen laut von der Leyen die Anstrengungen – und Ausgaben – für den Klimaschutz („European Green Deal“) verstärkt werden, um bis 2050 klimaneutral zu sein. Zudem geht es um Grenzschutz, um die Förderung von Innovationen und die Lösung der Flüchtlingsproblematik, bei der die von allen Mitgliedsländern beschlossene Quote gar nicht erfüllt werde und ein neues System gefunden werden müsse. „Jedes Programm kostet viel Geld, das die Mitgliedsländer zahlen müssen“, und da gelte laut Gellinek auch in der EU bisweilen, ,wenn‘s um Geld geht, hört die Freundschaft auf‘. Das „Gefeilsche“ werde sich durchs Jahr ziehen.

Am Ende wird Boris Johnson von seinem hohen Ross herunterkommen müssen.

Anne Gellinek

Der kurzweilige Ritt durch die EU-Themenwelt mündete schließlich in einer halbstündigen Fragerunde mit dem Publikum mit einer Spannbreite vom Verhältnis Frankreich-Deutschland und EU-Russland über eine europäische Armee und die weitere Euro-Verbreitung bis zur Frage, ob die „ins Amt hochgeschossene Frau von der Leyen“ das überhaupt schaffe. Bürgermeister Sebastian Seidel wollte beispielsweise wissen, ob der Brexit vielleicht ein Vorbild für andere Länder werden könne. Natürlich müsse es einem Land schlechter gehen, wenn es draußen statt drin sei, betonte Gellinek. „Jetzt geht es um handfeste wirtschaftliche Interessen“, und die EU sitze mit ihren 440 Mio. Bürgern am längeren Hebel. Aber: „Wenn die Briten nach dem Austritt jetzt ein Rekordwachstum erleben, dann hat die EU ein Problem.“ Klare Antwort auch auf die Frage einer Zuhörerin, die um eine Botschaft bat, warum denn die EU so bedeutsam sei: „Das Friedensargument ist etwas abgedroschen“, darauf wolle sie nicht eingehen, und dass keine Kriege geführt würden, sollte selbstverständlich sein, so die Brüsseler Korrespondentin. Aber: „Wie kann sich ein Land so verstümmeln, so verzwergen“, indem es aus der Gemeinschaft austrete. Probleme wie etwa der Klimawandel oder die Flüchtlinge „kann kein Land allein lösen“.

Ein kompakter und längst nicht allumfassender Einblick ins Europa von heute. Zu berichten gäbe es noch viel mehr. Doch die Zeit war begrenzt. Für Anne Gellinek ohnehin, die wohl wahrscheinlich auch an diesem Abend sonst im Heute Journal über den Entwurf der EU-Verhandlungsrichtlinien gegenüber den Briten berichtet hätte. Die Arbeit in Brüssel ist eine nicht endende und selten planbare. „Deshalb mache ich solche Vorträge eigentlich auch nicht“, lächelte die Korrespondentin. Everswinkel, die VHS und Karl Große Erdmann, der den Kontakt herstellte, hatten es möglich gemacht.

Da die Referentin auf ein Honorar verzichtete, spendete die VHS aus dem Erlös nach Abzug der Fixkosten 500 Euro an die „Aktion Kleiner Prinz“. Das Bild zeigt (v.l.) Referentin Anne Gellinek, Dr. Michael Quinckhardt von der „Aktion Kleiner Prinz“, Everswinkels Bürgermeister Sebastian Seidel und VHS-Leiter Rolf Zurbrüggen.

Da die Referentin auf ein Honorar verzichtete, spendete die VHS aus dem Erlös nach Abzug der Fixkosten 500 Euro an die „Aktion Kleiner Prinz“. Das Bild zeigt (v.l.) Referentin Anne Gellinek, Dr. Michael Quinckhardt von der „Aktion Kleiner Prinz“, Everswinkels Bürgermeister Sebastian Seidel und VHS-Leiter Rolf Zurbrüggen.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7239297?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F128%2F
Verdacht auf Blindgänger am Domplatz
Mögliche Evakuierung am 28. Februar: Verdacht auf Blindgänger am Domplatz
Nachrichten-Ticker