Abschlussschüler wieder an der Verbundschule
Neustart vor dem Abschluss

Everswinkel -

Schule hat begonnen. Den Slogan kennt man eigentlich nur vom Schulstart der Erstklässler nach den Sommerferien. Doch er lässt sich auch jetzt im erweiterten Sinne verwenden. Nach fünfeinhalb Wochen Corona-Pause ist der Unterricht an der Verbundschule wieder angelaufen. Die Zehntklässler sind wieder zurück, um sich auf ihre zentralen Prüfungen vorzubereiten. Es ist eine neue, eine ganz andere Zeit an der Schule angebrochen.

Dienstag, 28.04.2020, 08:05 Uhr aktualisiert: 28.04.2020, 14:46 Uhr
Viel Platz, konzentriertes Lernen: Martin Wachter (am Fenster) mit einem Teil seiner Klasse beim Mathe-Unterricht.
Viel Platz, konzentriertes Lernen: Martin Wachter (am Fenster) mit einem Teil seiner Klasse beim Mathe-Unterricht. Foto: Klaus Meyer

Hinweiszettel an den Türen, aufgeklebte Pfeile auf dem Boden – nein, verlaufen kann man sich nicht in der Verbundschule. Erstmalig gibt es wie im Straßenverkehr eine „Einbahnstraßenregelung“ in den Gebäudekomplexen. Es gibt den Eingang, es gibt den Ausgang, und es gibt die festgelegte Laufrichtung. Dazwischen Klassenräume, in denen das Mobiliar gelichtet und 1,50 Meter weite Freizonen um die Schülertische geschaffen wurden. An den Waschbecken nicht nur Seife, sondern auch Desinfektionsmittel. Dazu die Maskenpflicht bei jedem Gang außerhalb des Klassenraums. Corona verändert auch Schule nachhaltig.

Rund 90 Verbundschüler des Abschlussjahrgangs in den beiden Bildungszweigen Realschule und Hauptschule sind seit vergangenem Donnerstag wieder vor Ort. Gemeinsamer Endspurt für die zentralen Prüfungen und den Abschluss nach wochenlangem, alleinigem Lernen zu Hause. Ob die Prüfungsaufgaben zentral gestellt werden oder vom jeweiligen Lehrer, sei noch offen. „Gerechter wäre es, wenn alle das Gleiche gestellt bekommen würden“, sagt Lehrer Martin Wachter , zugleich stellvertretender Schulleiter. Erster Prüfungstag ist am 12. Mai, die weiteren Termine sind am 14. und 19. Mai. „Für mich ist das eine Doppelbelastung: Einmal um die ganze Schule kümmern und als Lehrer um die zentrale Prüfung.“ Schulleiter Hubertus Kneilmann ist erkrankt, vom Kollegium stehen derzeit nur 70 Prozent zur Verfügung, darunter einige Pädagogen, die über 60 Jahre alt sind und das freiwillig machen.

Das ist offener Frontalunterricht.

Martin Wachter

Maximal 15 Schüler sind noch pro Klassenraum möglich. Deshalb sind die Klassen aufgeteilt. Ein Teil macht Deutsch, ein anderer gerade Englisch und der dritte Mathe – das Fach von Martin Wachter. Die Klassentüren stehen offen, um eine Durchlüftung zu gewährleisten. „Hier herrscht jetzt offener Frontalunterricht vor. Frontalunterricht war immer verpönt, jetzt geht‘s gar nicht anders“, schmunzelt Wachter. Unvermeidliche pädagogische Nostalgie. Drei Hauptschul- und vier Realschulgruppen wurden gebildet. „Wir sehen, dass wir die Hauptfächer unterrichten“, jeweils 60 Minuten lang, dann wird gewechselt. „Wir machen aber auch noch zusätzlichen Unterricht“, etwa um die augenblickliche Situation zu besprechen, macht Wachter deutlich. „Jeder Schüler schleppt zurzeit auch ein Paket mit sich herum, was man nicht in Deutsch, Englisch oder Mathe besprechen kann.“ Nach vier Stunden ist Schluss, damit die Busse gleichzeitig fahren können. Auf das Mittagessen-Angebot muss in Corona-Zeiten verzichtet werden.

Fünfeinhalb Wochen waren die Schüler zu Hause. „Homeschooling“ in Eigenverantwortung. Zu Beginn hatten sie von ihren Klassenlehrern ein Lernpaket für die Hauptfächer via Mail bekommen, dann wurde ein weiteres für die Nebenfächer nachgeschoben, „und im dritten Step wurde das auf eine persönliche Ebene gehoben“, so Wachter und meint damit die persönlichen Gespräche, die jeder Klassenlehrer telefonisch mit jedem seiner 20 bis 27 Schüler geführt habe. Individuelles Vorgehen auf der Basis eines Muster-Fragebogens des Schulministeriums. Die Antworten sollen auch in der Schule ausgewertet werden, um ein Meinungsbild der Schüler zu gewinnen. Wie intensiv sich die Schüler in diesen fünf Wochen mit Schule beschäftigt haben? „Jeder ist nach einer gewissen Zeit sicher drauf gekommen, zu arbeiten“, glaubt Wachter.

Parallel wurde auf den „Tag X“ der Wiedereröffnung hingearbeitet. Die erweiterte Schulleitung, Schulträger, Lehrerrat, Elternvertreter – gemeinsam sei abgestimmt worden, wie man Schulunterricht unter Hygiene- und Abstandsgesichtspunkten wieder ermöglichen kann. „Wir sind mit dem Schulträger in einem super guten Kontakt“, lobt Wachter die Gemeindeverwaltung. Am vergangenen Mittwoch bereiteten die Lehrkräfte die Räume vor. „Am ersten Tag waren die Schüler sehr still. Es ist einfach eine neue Situation für sie gewesen, das hat man bei allen gemerkt“, resümiert der stellvertretender Schulleiter den Neustart. „Jetzt öffnen sie sich langsam“, schildern zum Teil auch persönliche Umstände.

„Die Schüler werden auf den Abschluss, die Entlassung vorbereitet und sind dementsprechend motiviert“, merkt Wachter mit Blick auf seine Mathe-Schützlinge an. Die sitzen mit entschlossenen Gesichtern an ihren Tischen und pauken. Das Lernen zu Hause hätten sie „alles in allem gut gemanagt“, hätten konzentriert gearbeitet „und sich schon Ziele gesetzt, dass man das auch schafft“, erzählen sie. Es sei natürlich eine Ausnahmezeit, der „Spaß des Lebens“ mit Chaostagen und Abschlussparty finde nun nicht statt – „wir haben jetzt einfach nur den Abschluss“. Schade, aber kein Weltuntergang. „Es ist ja nicht so, dass man es hätte verhindern können“, sagt ein Schüler.

Am Montag kommen dann die 9. Klassen in der Schule dazu. Und dann? „Wir werden überlegen, wie wir die Schüler bis zu den Sommerferien hier hin bekommen. Alle auf einmal, das wird nicht gehen. Wir schaffen maximal zwei Jahrgänge“, erklärt Wachter. Nach den Neuntklässlern werde man einen Fahrplan machen müssen. „Nicht, dass die Schüler von vor den Osterferien bis zu den Sommerferien die Schule nicht von innen gesehen haben.“

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