Bürger aus dem Kreis vielerorts unerwünscht
Die „Schmuddelkinder“ von heute

Everswinkel -

„Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ lautete der Titel eines der meist sarkastisch bösen Lieder von Franz Josef Degenhardt aus den 60er-Jahren. Die „Schmuddelkinder“ von heute sehen anders aus. Sie kommen aus den Kreisen Warendorf und Gütersloh, sind vermeintlich „verseucht“ und somit vielerorts derzeit unerwünscht. 

Samstag, 27.06.2020, 09:00 Uhr aktualisiert: 27.06.2020, 11:28 Uhr
Die Münsteraner müssen Mund-Nase-Masken auf dem Wochenmarkt und in den Geschäften tragen – Bürger aus dem Kreis Warendorf sollten ihn wegen des derzeitigen Lockdowns im gesamten Stadtgebiet tragen.
Die Münsteraner müssen Mund-Nase-Masken auf dem Wochenmarkt und in den Geschäften tragen – Bürger aus dem Kreis Warendorf sollten ihn wegen des derzeitigen Lockdowns im gesamten Stadtgebiet tragen. Foto: Klaus Meyer

In Urlaubsregionen und bis Freitag selbst ein paar Kilometer weiter in Münster. Eine Folge des Corona-Ausbruchs beim Fleischfabrikanten Tönnies in Rheda-Wiedenbrück und des Lockdowns in den beiden Kreisen. Bürgermeister Sebastian Seidel machte seinem Ärger darüber am Donnerstag im Hauptausschuss noch einmal Luft.

Man habe in Everswinkel keinen aktuellen Corona-Fall, keinen Tönnies-Mitarbeiter, man habe sich über Wochen und Monate korrekt verhalten, und nun werde die Gemeinde in Mithaftung genommen. Bürger, die jetzt in den Urlaub starten wollten, hätten ein Problem. Die Urlaubsregionen wollten kein zweites Ischgl werden. „Die Stigmatisierung macht sich überall bemerkbar. Ich finde, das ist ein riesengroßes Problem.“ Kurzfristig einen Corona-Test für die Reise zu bekommen, sei schwierig. „Das ist ganz dramatisch“, so Seidel.

Kritik an Maßnahmen in Münster und Osnabrück

Besonders kritisch bewertete Seidel die harten Regelungen in Münster und Osnabrück, wo eine permanente Maskenpflicht im gesamten Stadtgebiet für Besucher aus den Kreisen Warendorf und Gütersloh angeordnet wurde. „Das kann ich nicht verstehen. Das geht überhaupt nicht“, verurteilte er die Einsortierung dieser Bürger aus Orten, die gar nicht von dem Tönnies-Vorfall betroffen seien.

Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Dazu fällt einem nichts mehr ein.

Bürgermeister Sebastian Seidel

In Osnabrück dürften diese Bürger kein Museum, keine Ausstellung, kein Freizeitbad besuchen, in Münster dürften Schüler aus dem Kreis Warendorf nicht zur Schule kommen und sollten auch nicht bei der Zeugnisvergabe dabei sein. „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Dazu fällt einem nichts mehr ein.“

Seidel und die zwölf anderen Bürgermeister des Kreises sowie Landrat Dr. Olaf Gericke hatten in einem umgehend verschickten gemeinsamen Schreiben an den Münsteraner Oberbürgermeister Markus Lewe sowie den dortigen Leiter des städtischen Krisenstabs, Wolfgang Heuer, ihr Missfallen deutlich zum Ausdruck gebracht. Die verhängten Maßnahmen gegen Bürger des Kreises Warendorf seien „völlig überzogen und unverhältnismäßig – und das von Städten, die sich ,Städte des Westfälischen Friedens‘ nennen“, so Seidel abschließend im Hauptausschuss.

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