Das Ende der Tennis-Anlage in Alverskirchen
Multifunktionsfläche statt roter Asche

Alverskirchen -

Tennis-Boom – das war einmal. Die großen Spieler-Vorbilder sind Weg, und die Ernüchterung beim weißen Sport ist bis zu den Vereinen durchgeschlagen. Die Hochzeiten, in denen sie sich vor Mitgliedern und Spielern kaum retten konnten, sind vielerorts vorbei. Auch in Alverskirchen sank das Interesse kontinuierlich, bis nur noch ein paar Aktive verzeichnet wurden. Deshalb ist das Aus für die Tennis-Anlage beschlossene Sache. Die Fläche soll neu gestaltet und besser genutzt werden.

Donnerstag, 30.07.2020, 08:15 Uhr
Grün verdrängt Rot: Wildkräuter erobern die Tennisanlage der DJK Rot-Weiß. Das Kapitel mit der gelben Filzkugel ist vorbei. Die Fläche soll künftig verschiedene sportliche Nutzungen ermöglichen.
Grün verdrängt Rot: Wildkräuter erobern die Tennisanlage der DJK Rot-Weiß. Das Kapitel mit der gelben Filzkugel ist vorbei. Die Fläche soll künftig verschiedene sportliche Nutzungen ermöglichen. Foto: Klaus Meyer

Der Urknall ereignet sich am 7. Juli 1985. Vor 35 Jahren. Und zwar genau um 18.26 Uhr. Wie ein Peitschenhieb schnellt der Arm nach vorn und mit ihm der Schläger. Mit brachialer Wucht trifft die Bespannung die gelbe Filzkugel und katapultiert sie einer abgefeuerten Kanonenkugel gleich nach vorn. Kevin Curren ist chancenlos. Er streckt seine 185 Zentimeter noch mit letzter Kraft waagerecht in die Luft, reißt seinen Schläger hoch, doch der wird von der gelben Kugel förmlich weggerissen. Ein paar kurze tänzelnde Schritte, die Arme nach oben gerissen, ein Schrei – das war‘s. Boris Becker ist Wimbledon-Sieger. Mit 17 Jahren. Und mit ihm ganz Deutschland.

Und als Steffi Graf rund zwei Jahre später – am 6. Juni 1987 und ebenfalls mit 17 – in Paris ihren ersten Grand-Slam-Titel erringt, ist Deutschland endgültig aus der Tennis-Lethargie erwacht. Es beginnt ein Boom, den es so noch nie gab. Tennis wird Volkssport und Zuschauer-Magnet. Tausende Eltern träumen in den nächsten Jahren auch von einer lukrativen Tennis-Karriere ihrer Sprösslinge.

Das generelle Interesse an Tennis ist gesunken.

Frank Wiesmann

Alles vorbei. Die Stars von damals sind im Ruhestand, die zweite weiße Revolution fand nicht statt. In den Sport ist die Nüchternheit zurückgekehrt. Eine Nüchternheit, die so mancher Verein deutlich zu spüren bekommen hat. Auch die DJK Rot-Weiß Alverskirchen. „Das generelle Interesse an Tennis ist gesunken“, kein Vergleich mehr zur Hochphase Becker-Graf, stellt Frank Wiesmann fest. „Das ist peu a peu zurückgegangen“, obwohl der Verein lange versucht habe, die Abteilung zu beleben, etwa durch ein Trainer-Angebot. Zuletzt seien nur noch fünf bis sechs Mitglieder aktiv gewesen, bilanziert der stellvertretende Vereinsvorsitzende. „Die Pflege der Plätze ist sehr kostenintensiv, das hat sich nicht mehr gerechnet. Wir sind davon abgegangen. Das ist sehr schade“, bedauert Wiesmann.

Die rote Asche leuchtet noch in der Sommersonne, doch die Natur hat schon längst damit begonnen, sich ihr Terrain zurückzuerobern. Da, wo früher Bälle nach Assen, Volleys, Slice, Stopps, Cross- und Longline-Schlägen den Boden küssten, sprießt das Grün. Advantage Kraut und Co.. Es gibt Geister-Städte, Geister-Industrieanlagen – dies ist eine Geister-Sportstätte.

Aber das soll nicht so bleiben. Der Sportverein hat Pläne mit Haltbarkeitsdauer. Die Fläche soll zu einem Multifunktionsplatz umgestaltet werden. Ein Hartplatz mit Tartanbelag für Basketball, Fußball und vielleicht auch wieder Tennis. Dazu eine Outdoor-Anlage für Fitness-Sport. Und die Gemeinde erhält einen Flächenanteil als Zugang zum Wall. Noch sind es Zukunftspläne, denn derzeit hat natürlich die Fertigstellung des Sportlerheim-Anbaus Priorität. „Wir suchen gerade nach Fördermöglichkeiten“, erklärt Wiesmann den Stand der Dinge. Vor der Corona-Zwangspause habe es bereits gute Gespräche mit der Bezirksregierung gegeben.

Die DJK Rot-Weiß setzt Hoffnungen auf das NRW-Förderprogramm „Moderne Sportstätte 2022“. Mit einem bis dato in Nordrhein-Westfalen beispiellosen Förderprogramm für Sportstätten will die Landesregierung NRW als Sportland Nummer Eins stärken und hat dafür insgesamt 300 Millionen Euro in den Programmtopf geschüttet, von dem Sportvereine und -verbände profitieren können. Seit Oktober vergangenen Jahres können Sportvereine LSB-Förderportal Zuschüsse für die Sanierung und Modernisierung ihrer Sportstätte beantragen – und zwar egal, ob sie Eigentümer oder Pächter bzw. Mieter in der Funktion des wirtschaftlichen Trägers sind. Die Koordinierung der Anträge übernehmen die Stadt- und Kreissportbunde sowie die Stadt- und Gemeindesportverbände.

Boris und Steffi sind längst Geschichte, die Tennis-Abteilung Alverskirchen nun auch. Aber so, wie das „Unkraut“ auf der roten Asche keimt, so keimt auch die Hoffnung des Sportvereins, die Fläche sportlich neu zu beleben. Zeit für eine neue Geschichte.

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